Überhaupt die Zigeuner

Eigentlich wollte ich über die Siebenbürger Sachsen bloggen, jetzt schreibe ich nur über die Zigeuner („Zigeuner“ sagen sie selbst, nur hier lässt sich das sagen, in Deutschland nicht). Sie interessieren mich unbewusst vielleicht mehr, obwohl oder gerade weil ich so wenig über sie weiß. Wie alle schaue ich sie mir an, wenn sie an der Landstraße entlanglaufen in ihren plissierten rotbunten Röcken, immer zu zweit oder dritt, meist mit Kindern auf den Armen und vielen Tüten in der Hand. Wie alle bin ich von den Männern mit den Zwirbelbärten und schwarzen Hüten fasziniert, wie sie so lässig auf ihren Carutzen sitzen und seltsam somnambul durch einen hindurchschauen. Und manchmal stelle ich mir vor, einfach aufzusteigen hinten und mit ihnen mitzufahren. Ich lasse mich von allen Mythen und Geschichten über sie hinreißen.

Die kleinen Kinder, also die Jungen, erzählte mir gerade jemand aus Birthälm, sind, sobald sie sprechen können, die Herrscher im Haus (wenn der Vater nicht da ist). Sie haben das Machtwort, über ihre Mutter, die tun muss, was sie wollen, ebenso wie über ihre Schwestern. Der gleiche Jemand erzählte auch, er habe einmal einen alten Freund aus der Militärzeit besucht, in Pretai. Kaum war er angekommen, kam der Freund aus dem Haus und sagte, er müsse jetzt ein paar Tage bleiben und ließ ihm vorsorglich die Luft aus allen vier Reifen seines Traktors. Die Mutter des Freundes war am Morgen gestorben. Drei Tage blieb der Jemand im Haus des Freundes und musste essen, trinken und tanzen bis zum Umfallen, bis die Mutter begraben war. Nach dem Begräbnis kamen eine Menge Leute mit Luftpumpen und in Nullkommanichts war der Traktor startklar. Bei einer Taufe, sagte der Jemand, säße die ganze Familie zwei Tage zusammen, und alle heulten wie die Schlosshunde. Warum weiß ich auch nicht, bei denen ist halt alles verkehrt, sagte der Jemand und lachte.

In Fogarasch gab es ein Mädchen, das wurde tatsächlich auf einem Pferdewagen entführt. Aus Fogarasch, ich weiß nicht wohin. Sie war zwölf oder dreizehn. Es war nicht gegen ihren Willen. Ein paar Monate später kam sie zurück. Bei einer Freizeit wollte keine Mitschülerin mit diesem Mädchen in einem Zimmer schlafen, ihre Mütter hatten ihnen erzählt, sie habe jetzt eine Krankheit. Es war der Stadtskandal. Es muss ein sehr mutiges Mädchen gewesen sein. Alle, die ich in Fogarasch kennengelernt habe, warteten auf einen reichen Deutschen oder Österreicher, dagegen haben die Mütter nichts.

Ich habe auf der Straße in Sibiu neulich ein Tuch gefunden, so ein rotgemustertes, wie die Zigeunerfrauen es als Kopftuch tragen. Es hatte den Geruch von Jahrzehnten in sich, Körper, Schweiß, Küche, Feuer, Haare, Erde. Das klingt schon wieder nach Mythos. Aber was Wirkliches weiß ich ja auch nicht, über die Zigeuner.

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Über Julia Jürgens

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Eine Antwort zu Überhaupt die Zigeuner

  1. Jan Happy schreibt:

    Bis zu diesem Lied wusste ich gar nicht, dass Sido Zigeuner ist. Lieblingslied!

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