Winterkirche

Winterkirche Neudorf/ Nou Sasesc

Heute war ich in Neudorf/ Nou Sasesc. Am besten findet sich ein Gespräch in der Kirche, also besuche ich immer den Gottesdienst, wenn ich in Dörfern auf Traditions-Recherche bin. Nicht nur aus Kalkül, es ist interessant zu sehen, wie unterschiedlich Gottesdienst und Kirche aussehen. In Neudorf ist „Winterkirche“, so nennt man die für den Winter eingerichteten Zimmer im Pfarrhaus, in denen man Gottesdienst hält, wenn eine Kirche zu schwer zu heizen ist oder das Heizen sich für nur ein oder zwei Handvoll Menschen nicht lohnt. Die Winterkirchen gefallen mir. Es ist warm und heimelig und provisorisch, und das Sakrale dadurch nicht so erdrückend.

In Neudorf ist Winterkirche das ganze Jahr hindurch. Die richtige Kirche ist zu groß geworden, mehr als 700 Menschen saßen hier noch vor 70 Jahren, jetzt kommen nicht mehr als 15. Die Kirche ist nur noch für wenige Gelegenheiten im Sommer, wenn die Ausgewanderten zu Gast sind und es sich „lohnt“. Auch der Gang zur Kirche, die auf einem Hügel steht, ist beschwerlich, und so bleibt man das ganze Jahr in dem kleinen Raum im Pfarrhaus. 50 m², drei rotangemalte Bänke in der Mitte, ein paar Stühle links und rechts, die Lieder auf einer Kreidetafel angemalt, hinten ein Keyboard als Orgel-Ersatz.

Ich weiß nicht, wodurch es entsteht, aber schon als ich die Türklinke in der Hand habe (ich komme zu spät), habe ich ein Gefühl wie in einem Traum, in dem ich in meine alte Grundschulklasse komme, nach all den Jahren. Der Geruch oder die Erwartung oder die bunten Farben der Teppiche und Sitzkissen erinnern mich daran. Ich kenne natürlich niemanden, aber die alten Gesichter, die sich zu mir umdrehen, sehen freundlich aus, auch wie in einem Traum. Was für eine schöne Kirche mitten in diesem kleinen Dorf! Die einen so willkommen heißt.

Die alte Frau, neben die ich mich setze, strahlt, einfach, weil ich jung bin und neben ihr. Sie legt ihr Gesangbuch nach dem ersten Lied weg und wartet bei den nächsten Liedern, dass ich meins aufschlage, dann fasst sie meine Hand hinter dem Buchrücken und drückt sie. Ihre ist eine an Erde und Kälte und Arbeit rau und krumm gewordene Hand. So wie die Hand aussieht, klingt auch die Stimme, sie ist so alt, dass sie sich spaltet bei den Tönen. Bevor sie bei den hohen anlangt, rinnt sie wie eine kraftlose Fontäne nach allen Seiten hinunter. Ein alter Mann mit Stock dagegen sieht krank aus, aber seine Stimme ist voller Klang.

Die Hand der Frau und die Stimmen und die Waden und Schuhe der Frauen in den Bänken vor mir bewegen mich zu Tränen. Diese alten, nach außen krummgebogenen Beine, sorgsam in schwarze Strumpfhosen gesteckt, enden in Sonntagsschuhen, Lacksandalen, Schnürstiefeln, die an den Füßen ganz jung aussehen und nach Mädchen, die auf dem Dorf großgeworden sind und irgendwann, zu Besuch in der Stadt, mit viel Aufregung diese Schuhe ausgewählt haben. Zur Konfirmation vielleicht. Oder zur Hochzeit. Mit den Schuhe an den Füßen kam die Sehnsucht, sie drückte im Magen. Wonach, wussten sie selbst nicht genau, aber sie waren voller Zuversicht, dass sie sich erfüllt. Die Schuhe tragen das heute noch mit sich herum. Vielleicht hat sie sich erfüllt, vielleicht auch war ihre Sehnsucht eine ganz andere, als ich mir heute vorstellen kann.

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Über Julia Jürgens

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