Manager

Ich musste mich gestern beim rumänischen Arbeitsamt melden, Serviciul Forțelor de Muncă. Offiziell bin ich arbeitslos und nun in zwei Staaten arbeitslos gemeldet, in Deutschland und in Rumänien. Von Deutschland erhalte ich Arbeitslosengeld, in Rumänien darf ich mich damit 90 Tage aufhalten und auf Arbeitssuche gehen. Das ist eine EU-Regelung, die seit 1. April in Kraft ist. Bedingung der Geldmitnahme ist die Meldung beim Arbeitsamt des Gastlandes. Die Arbeitsämter sollen kooperieren. Keine schlechte Idee, aber ich bezweifle, dass das irgendwo funktioniert ausser vielleicht zwischen Deutschland und Holland oder Frankreich. Ich bezweifle auch, dass jemand, der sich dieses Kooperationsabkommen ausgedacht hat, schon einmal in Rumänien war. Hier gibt es keinen freundlichen Servicepunkt, keinen “Leistungsbereich” und keine Vermittlungsgespräche.

Dafür gibt es große Hürden, zumindest für einen Ausländer, sich arbeitslos zu melden. Zum Beispiel braucht es eine Bescheinigung, dass man arbeitsfähig ist. Diese Bescheinigung stellt in Rumänien der Familienarzt aus. Als frischer Immigrant hat man natürlich keinen Familienarzt, ein anderer Arzt stellt aber das Dokument nicht aus. Ohne dieses Dokument kann man sich nicht arbeitslos melden und ohne die Arbeitslosenmeldung kommt kein Geld aus Deutschland. In dieser Mühle stecke ich seit Wochen. Immer wieder fehlt ein Dokument und um das zu bekommen, braucht es wieder eine Bestätigung und so weiter. Die Gesundheitsbescheinigung bekam ich schließlich nach drei Abweisungen von einer orthodoxen Nonne, die in der Stadt eine Praxis für “Christen” unterhält. Jemand, den ich kenne, kennt die Nonne gut, und so ging es dann. Weiterhin war ich noch eine Woche unterwegs, um einen gefaketen Mietvertrag zu bekommen und mein Uni-Zeugnis zu übersetzen. (Meine Magisterarbeit schrieb ich übrigens über: ”Realități nude. Conceptele de dragoste, sexualitate și corp in texte selectate de M. Streeruwitz și Silvia Szymanski”)

Also, die Hürden hatte ich genommen und alle Dokumente in der Tasche. Jetzt musste ich nur noch mit dem PDU 1 + PDU 2-Dokument zu Domnul Vasile, der sich hier beim Arbeitsamt um die internationalen Fälle kümmert. PDU 1 + 2 enthalten alle meine Daten, wann ich wo gearbeitet habe, wieviel ich verdient habe, und ein paar Sachen blieben für Domnul Vasile zum Komplettieren und schliesslich zum Versand zurück nach Berlin. Domnul Vasile starrte sehr lange auf das Dokument, dann starrte er sehr lange auf mich. In seinem Büro war es karg, ein einziges Regal, das komplett leer war, außer einem unordentlichen Haufen von Pappheftern. Domnul Vasile hatte eine graue Jacke, eine graue Hose und graue Haare. Er sah aus wie der Kommunismus und die Securitate in einer Person, aber eher auf den niederen Rängen.

Nach längerer Pause, in der er hin/ und hergeblättert hatte, fragte mich Domnul Vasile: Mai stiți engleză? Sprechen Sie vielleicht Englisch? Die Formulare, mit denen D-nul Vasile den ganzen Tag zu tun hat, sind alle auf Englisch. Er kniff die Augen zusammen. Irgendwann lächelten wir beide. In exzellenter Zusammenarbeit füllten wir schließlich gemeinsam PDU 1 + 2 aus. Ich übersetzte rudimentär aus dem Englischen ins Rumänische, dann überlegten wir eine Weile, was das bedeuten könnte und schrieben Zahlen und Wörter in die Spalten. Die deutschen Kollegen würden begeistert sein über soviel Kooperation! Die langen Codes, Code National Personal und Kundennummern, vertauschte D-nul Vasile ein paarmal, kopierte sie dann aber nicht und setzte sie richtig ein, sondern löschte die eine 18-stellige Zahl, jede einzeln, tab tab tab, und schrieb sie dann wieder hin.

Der Besuch zog sich über zwei Stunden. Mehr als die Zahlen interessierte Domnul Vasile sich dafür, ob ich in Rumänien einen iubi, einen Schatz habe. Immer wieder suchte er Nummern, die er gerade schon gefunden hatte, blätterte mein Dosar durch und blickte mich über seine dickglasige Brille flirtiv an. Hier in Rumänien ist die Mentalität schon anders, oder, wollte er wissen. Hier geht doch alles immer zackzack, (pac pac), und alle haben es eilig, da gibt es in Deutschland doch mehr Zeit? Gerade hatte er das PDU-Dokument 3 x statt einmal ausgedruckt, wunderte sich lange über die vielen Seiten und suchte dann im Regal lange einen Briefumschlag.

Zum Abschluss mussten wir uns nun noch ins rumänische Online-Jobportal des Arbeitsamtes eintragen. Die persönlichen Daten konnte er da schon auswendig. Dschulia Dschuerdschens, sagte er und strahlte, tata Päter, mama Urschela, corect? Jetzt blieb noch ein letztes Problem: Unter welcher Berufsbezeichnung sollte er mich suchend melden und in die Suchmaschinen stecken? Was haben Sie denn bisher so gemacht? Relații publice fand er nicht in seinen Stichworten, irgendetwas mit cultural auch nicht. Wir klickten die Liste hoch und runter. Es passte alles nicht. Ach, sagte Domnul Vasile, schließlich doch ungeduldig, wir nehmen jetzt einfach Manager. Ist Manager gut? Klar, Manager war sehr gut. In meinem Arbeitssuche-Dosar steht jetzt Julia Juergens, Ocupația: Manager. Foarte bine.

Zum Abschied drückte Domnul Vasile meine Hand mit seinen beiden Händen und sagte, ich solle doch bald wieder vorbeikommen. Sarut mână, küss die Hand!

Werbeanzeigen

Über Julia Jürgens

Bloggen | Reisen | Süd | Ost | Europa
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s