Fallobst

Die zweite Station gestern war Schweischer/ Fișer, ein paar Dörfer weiter als Jibert, im Repser Ländchen. Der Boden ist hier nicht gut, die Gegend war nie reich. Das sieht man den Orten an. Am Dorfanfang und -ende ausgedehnte Țiganien, windschiefe Hütten aus Holz oder den alten Ziegeln der zusammengefallenen Sachsenhöfe, ein Haufen Kinder, die verdreckt sind und ohne Schuhe, aber meistens lächeln. Kleine Jungen in lumpigen Jogginghosen und dicken Wollmützen hüten Kühe auf den Weiden. In Dacia, ausgerechnet Dacia – so nannten die Römer das Land bei ihrer Eroberung – hängt zur Begrüßung ein Ziegen- oder Schafschädel am Dorfschild, wilder Westen, hier hat jemand noch Humor.

Frau Morgen aus Schweischer ist eine ehemalige Lehrerin, eine kluge Frau Ende 60. Ihr Mann wollte nicht weg, die Kinder sind schon vor ’90 gegangen. Der Mann wollte nicht des Hauses wegen, es ist sein Elternhaus, er hat so viel daran gemacht. Gerade jetzt wird es neu mit Kacheln ausgelegt, es ist nur aus Stein gebaut und sehr schön. In Schweischer leben nur noch fünf Sachsen und die 29 Bewohner des kirchlichen Altenheims, mit denen aber nicht mehr viel anzufangen ist. Es leben auch kaum mehr Rumänen im Ort, nur noch Zigeuner, sie sind schwach, sagt Frau Morgen (arm, meint sie). Es waren auch einmal reiche Zigeuner hier, die țigani de mătase, die Hausierer, die Ware in Deutschland verkauften und sich von dem Geld schöne Höfe kauften. Aber auch die sind weggezogen. Alle hier leben von Rente oder Sozialhilfe.

Wir haben immer nebeneinander gelebt, nicht miteinander, jeder hatte seine Schule (Rumänen und Ungarn, Roma hatten keine), Mischehen waren auf dem Land bis zum Krieg ein Tabu. Erst bei der erzwungenen gemeinsamen Arbeit in der Fabrik und LPG lernte man sich kennen. Frau Morgen erzählt sehr offen. Nicht nur die rosige Sicht auf die starke Gemeinschaft, die  einmal war. Es gab Inzucht, sagt sie, behinderte Kinder gingen daraus hervor, es gab Männer, die prügelten und keine Hilfe für deren Frauen, immer wieder Selbstmorde von Frauen auf dem Dorf, meist sprangen sie in den Brunnen.

Was erfahre ich noch? In Schweischer sind von insgesamt 900 Bewohner noch 300 geblieben, fast nur alte Leute. Es gab zwei Taufen in den letzten 20 Jahren, eine erst kürzlich: Im Altenheim brachte eine Krankenschwester ein Kind zur Welt, niemand hatte gewusst, dass sie schwanger ist. Das Kind wurde evangelisch getauft, es wächst jetzt im Altenheim auf, zwischen den Alten und Verrückten. Die Morgens haben 16 Apfelbäume, (ich trinke sechs Gläser köstlichen Saft), auf die Bäume können sie nicht mehr steigen, so ernten sie das Fallobst. Die schlimmsten Feinde der Kartoffeln sind Maulwurfsgrillen und Coloradokäfer. Angela Merkel war als Studentin einmal im Fogarascher Land, Frau Morgen guckt viel deutsche Posten (Sender, meint sie), Tier-Dokumentarfilme am liebsten. Ihr Mann sagt, sie rede zu viel, aber im Fernsehen guckt er sich stundenlang Debatten an.

In Deutschland leben auch viele alte Menschen allein. Aber hier ist die Einsamkeit anders. Die alten Sachsen gehören nirgends mehr hin. Nicht nach Deutschland, nicht hierher, wo ihre Dörfer längst nicht mehr ihre sind. In die Vergangenheit wollen kluge Menschen wie Frau Morgen auch nicht zurück. Und eine Zukunft haben sie nicht.

Womit gehen Sie jetzt? fragt Frau Morgen. Ich habe keine Fotos (Frau Morgen wollte keine, war mein Gefühl) und folgende Stichworte gemacht “Päckchen noch Weihnachten Geld HOG Handcreme > 70 Jahre, Maibäume nicht, 900 vor 45, 300 heute, Totenwache Rumänen ganze Nacht, Sachsen bis Mitternacht, in Viscri Sarg in die Kirche, Selbstmörder Sarg nur vor d Eingang, 2 Taufen 20 Jahre, 2 Trauungen Halbsächsin, ab 91 Altenheim, nur nebeneinander, Fallobst”.

Auf der Rückfahrt Hochnebel, eine Vollbremsung für einen Fuchs und eine für einen weißen Esel, der wie eine Erscheinung plötzlich aus dem Nebel aufsteigt.

Über Julia Jürgens

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