Hai la Hilton!

Ich müsste jetzt eigentlich auf dem Weg nach Seleuș/ Großalisch sein, 2 Stunden Fahrt durch graues Novemberwetter, hin zum Erntdedankfest. Filmen, Fotos, Fragen: Wie wird das gefeiert, wieviele Sachsen leben noch im Ort, seit wann gab es diese oder jene Tradition nicht mehr, und ich höre schon: Es ist alles weg, wir sind fertig, wir können uns nicht einmal mehr selbst begraben.

Beim Aufwachen denke ich, ich kann heute nicht. Winterkirche: Keyboard-Orgel, Gesangbuch, Gedenktafel für Gefallene und Deportierte, Altar, Synthetikstrickpullover, Strumpfhosen, krumme Waden, “Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefa-ha-ha-ha-ha-len”, auf keinen Fall heute Winterkirche. Ich liege mit geschlossenen Augen und sehe die Alten, wie sie zum Kirchgang durch das Dorf humpeln, zu zweit eingehakt die Frauen, die Männer an Stöcken, im Hintergrund Rauch von den Țiganien, wo Plastik und anderer Müll verbrannt wird, ich habe den Geruch in der Nase, die klamme Kälte an den Füßen.

Ich sehe auf der Fahrt dahin die Hügel im Nebel, fahre die Kurven von Slimnic nach Ruși, sehe die Laster aus Bulgarien und Ungarn vor mir, die man bis Ruși nicht überholen kann, heugefüllte Carutzen mit nebenher laufenden Fohlen auf Bergkuppen, vor denen man immer abrupt abbremst, weil man ihre Geschwindkeit überschätzt, Șeica Mare, Axente Sever, die Fabrikschlote von Copșa Mică, Mediaș, die Zigeunerpaläste in Pretai und weiter und weiter. Vorbei gleiten die neuen, halbfertigen orthodoxen Kirchen mit prunkigen goldenen Kuppeln, pink verputzte Bürgerämter, zerfallene Kirchenburgen-Ensembles, Schule, Pfarrhaus, Kirche, rechts und links Hunde- und Katzen- und Fuchskadaver alle 50/100 m, in allen Formen und Verwesungszuständen, mit frisch herausquellenden Gedärmen, noch zuckend, oder scheinbar unverletzt aber doch tot, zu kleinen Bettvorlegern plattgefahrene, mit dem Asphalt langsam verwachsende Tierfelle, schwarzweiß, rotweiß, silbern.

Ich halte die Augen geschlossen und spüre die totale Erschöpfung. Zu wissen wie es aussieht und doch wieder neu hingucken, das ist doch meine Pflicht. Vielleicht gibt es doch etwas Unerwartetes zu sehen. Aber wenn nicht? Das Risiko fühlt sich groß an. Ich kann mich heute nicht auf Mission schicken. Ich habe Sehnsucht nach Kandiszucker. Mit allen Sinnen nach Yasmin- und Yogi-Tees, weichen Sitzwürfeln, gelb und orange, Frühstücksbrunch im Prenzlauer Berg mit Schokodusche, in die man Erdbeeren und Weintrauben und Ananas hineinhalten kann. Gala lesen. Bunte unnütze kleine Dinge in den Läden anfassen, weißgestrichene Bänke, Kleinkinder von Freunden.

Das einzige, was heute helfen kann, ist das Hilton. Hilton-Spa genauer. Frotteebademantel und -pantoffeln, und -handtuch, bekommt man alles beim Eintritt ausgehändigt und tritt in die völlig ortlose Welt des European Standard, Dampfbad, finnische Sauna, Whirlpool. Cleopatra Royal Ritual, Maroccan Rassoul Body Wrap.  Das Hilton ist der größtmöglich erfahrbare Kontrast zur Winterkirche, eine Oase am Ende der Stadt. Einen Tag raus aus Rumänien, Energie, Licht und Wärme gegen Tod und Verderben.

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Über Julia Jürgens

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