Zu viel Info

Im Purzelland. Gab es Regen, Nebel und viel Wald, der wie Broccoli-Röschen auf den Hügeln liegt, in rot-gelb-grün. Es gab Häuserzeilen ohne Lücken, Blumenkästen auf den Straßen, asphaltierte Straßen, also Geld. Es gab Frau A. in Codlea/ Zeiden, Herrn B. in Wolkendorf/ Vulcan und Herrn E. in Rosenau/ Rasnov. Diese drei Personen ergeben die ganze Bandbreite der Lebensmöglichkeiten der deutschen Minderheit heute.

Frau A. ist verbittert, ihre ist die Schicksalsgeschichte, die aus Deportation und Enteignung nicht mehr herausgefunden hat. 500 Sachsen wurden 1945 aus Zeiden von den Russen ins Donezbecken deportiert, in ihre Häuser ziehen rumänische “Kolonisten” und Zigeuner aus dem Ort, die Bücher und Möbel verfeuern, die Öfen herausreißen und Feuer mitten im Raum machen. Mitte der 50er bekommt man die Häuser zurück, aber nicht den Boden. Der gehört jetzt dem Staat. Die Aversion und das Misstrauen gegen die fremden “Völker” ist geblieben. Von einem engagierten Rumänen im Ort, der heute die deutsche Jugendgruppe leitet, malt Frau A. mir den Stammbaum auf bis zu dessen Urgroßmutter. Er behauptet, er habe sächische Vorfahren, aber sie hat es recherchiert, seine Urgroßeltern kamen aus der “Tschechei” und waren Tschechen. Er sagt, er ist ein Sachs, aber er ist keiner!

Renovierter Hof in Vulcan

Herr B. aus Wolkendorf hat eine Ungarin geheiratet, mit der er rumänisch spricht. Sie wohnen sehr bescheiden aber gemütlich. Neben meinen Notizen rollt die Frau Fisch in Ei und Mehl, mitten auf dem Tisch, an dem wir sitzen. Die Enkel wohnen im Nebenhof. Stolz liest mir Herr B. aus einem Schulheft die exakt gesammelten Arbeitsstunden auf, die jeder aus der Nachbarschaft, die es noch gibt, hält. Die Stunden sind heute freiwillig. Im Jahr 2009 wurden 225 Stunden gesammelt. Der Friedhof wurde renoviert. An Weihnachten halten rumänische Kinder ein Krippenspiel, in rumänischer Sprache. Herr B. freut sich darüber. Er hat sich arrangiert.

Herr E. ist Geschäftsführer einer anerkannten Stiftung, die Gelder vom Bundesministerium des Innern verwaltet und aufteilt. Er hat nach ’89 nochmal eine neue Existenz angefangen und ist erfolgreich. Er tickt am deutschesten. Er hat den Puls der Zeit verstanden. Er müsste ein Buch schreiben. Ich habe ihn eben dreieinhalb Stunden ohne Punkt und Komma Geschichten erzählen hören, daneben muss ich jetzt hölzern klingen, weil ich das überhaupt nicht wiedergeben kann. Es ist auch schon zu spät, zeitlich.

Jetzt bin ich schon wieder in der European-Standard-Zone im Gästehaus dieser Stiftung, es könnte auch eine kleine Pension in Duderstadt sein. Aus dem Fenster sehe ich die Rosenauer Bauernburg, die eine Touristenattraktion sein könnte, wenn sich die Stadt darum kümmern würde.

Bauernburg in Rasnov/ Rosenau

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Über Julia Jürgens

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