Indiskretionen

In Sânpetru habe ich heute den Pfarrer besucht, um mir etwas über die Traditionen der Siebenbürger Sachsen im Ort erzählen zu lassen. Er ist der Bruder des Pfarrers, mit dem ich ein Jahr lang beruflich zu tun hatte, ich nenne den Ort hier lieber nicht nochmal, denn jener Bruder hat eine gute Spürnase im Auffinden solcher Internetbeiträge und wahrscheinlich hätte ich sofort einen Prozess am Hals, denn auch für das Entfachen von Prozessen hat er eine Spürnase. Es müssen gar keine großen Skandale sein. Es reichte zum Beispiel, dass ich mein Skype-Profil mit Sprüchen unterlegte, die ihm nicht passten. Sie waren ziemlich harmlos.

F. e mort” schrieb ich einmal (F. ist der betreffende Ort, in den mein Arbeitgeber mich ein Jahr verbannt hatte und der Spruch war das Zitat eines Taxifahrers, den ich gebeten hatte, mir in einer Rundfahrt doch die Stadt zu zeigen. Er hielt an, nachdem er mir die evangelische und die orthodoxe Kirche gezeigt hatte. Was wollen Sie sehen, fragte er? Nu este nimic, es gibt nichts, F. e mort, e mort!), ein anderes Mal schrieb ich “Hermannstadt ist ein Dorf nur kleiner” (was sich auf die enorme Gerüchteküche dort bezog, die über jeden bis hin zu Bischof und Bürgermeister Geschichten hochkocht und verbreitet). Der Pfarrer jedenfalls sammelte diese meine Sprüche mit Datum und sandte sie nach einiger Zeit meinem Arbeitgeber in Deutschland zu. Ob dieser wisse, dass ich rumänienfeindliche Propaganda im Internet verbreite? Ob ich tragbar sei für eine Mittlerorganisation des Auswärtigen Amtes? Ich habe immer wieder Probleme meiner Indiskretion wegen, beruflich wie privat, sie ist auf jeden Fall ein Problem. Und es war auf jeden Fall eine Dummheit, so etwas ins Skype-Profil zu setzen. Aber den Pfarrer lernte ich nicht nur deshalb zu fürchten. Er verfolgt die Menschen wie Gott im Alten Testament, strafend, klug, stur und zornig. Zürnend. Den Ort F. verließ ich schwer angeschlagen.

Jetzt also sein Bruder. Er sah nicht ganz so strafend oder zürnend aus, aber ungreifbar und empathielos auch er. Obwohl nur ein paar Jahre älter als ich, blieb er so förmlich wie ein Schuldirektor, der eine zu disziplinierende Schülerin vor sich hat. Das machte das Gespräch sehr angestrengt. Es fing schon gleich schlecht an, ich platzte nämlich aus Versehen (der Burghüter hatte mich falsch geleitet) in sein Schlafzimmer, wo er sich gerade noch anzog. Sein Blick, der mich traf, war so, dass ich am liebsten gleich gegangen wäre. Bohrende Kopfschmerzen hatte ich ohnehin schon. Seine Antworten auf meine Fragen ließen dann keinen Zweifel an seiner Auffassung über den Sinn meines Projekts. Der Förmlichkeit halber formulierte er das natürlich nicht offen.

Wie auch bei anderen Pfarrern, die ich hier kennengelernt habe, spürte ich eine unterschwellige Verachtung gegen, ich weiß nicht genau was eigentlich, gegen eine Freiheit oder Freizügigkeit, die sie vielleicht in mir sehen. (Allein hier, unverheiratet, ungläubig, neugierig). Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber wenn ich diese Verachtung spüre, kann ich nur noch Sex denken, augenblicklich. Ich sehe nackte Körper in Bewegung, höre lautes Atmen und habe das Gefühl, dass das auf meiner Stirn wie auf einem LCD-Bildschirm abläuft. Es macht in dem Moment überhaupt keinen Spaß, es ist ein Zwangsporno, der über Stunden nicht weggeht. Vielleicht liegt es an mir. Aber ich stelle mir vor, dass ich in dem Moment das Verdrängte des anderen aufnehme wie eine Datei und öffne. Und dann nicht wieder schließen kann. Die Viren fliegen jetzt noch in meinem System herum. Solche Menschen möchte ich ab jetzt einfach meiden.

So veränderte ich kurzfristig den Plan für morgen, und fahre nun zu keinem weiteren Pfarrer, sondern in ein Bärenreservat nach Zărnești. Zusammen mit einem Freund, der auch hier ist, um für ein Kochbuch zu recherchieren. Noch einen Downer möchte ich im Burzenland nicht erleben. Und auf Bären ist hoffentlich Verlass.

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