Schützenverein

Mit dem Burzenland werde ich nicht warm. Die Dörfer hier liegen alle im Speckgürtel Kronstadts und sind wie versprengte Vororte. Es sind viele alte Höfe noch vorhanden, aber auch neue Häuser und die unterscheiden sich nicht viel von den Reihenhäusern deutscher Vorstädte. Nur, dass sie noch eschmackloser sind. Durchweg viel zu groß, mit sinnlosen Erkern und Mosaikverzierungen, gepflasterten Innenhöfen, aus denen alles Grün getilgt ist, und alles von riesigen Mauern umgeben. Den typisch sächsischen nach hinten raus gelagerten Garten hat man noch, er ist jetzt aber wie das ganze Grundstück nach rumänischer Art ummauert, so dass man ihn vom Innenhof aus nicht sieht. Jede Spur, die aufs Bäuerliche verweist, hat man zubetoniert.

Frau J., die ich heute besuchte, lebte in so einem Haus, das alte hat sie abgerissen. Das neue Haus sah aus wie ein mit Möbeln eingerichteter rumänischer Hochzeitssaal, die Fliesen aus glänzendem Marmorimitat, jeder Raum viel zu groß und leer. Es ist alles neu, sagte Frau J. stolz und führte mich ins “Living”, wie sie sagte. Ein riesiger Flachbildschirm, auf dem eine Pro7-Gerichtssoap lief, Birkenimitat-Schrankwände, eine Couchgarnitur mit Plüschtieren (Garfield war dabei) und einem “Siebenbürgen-süße-Heimat”-Kissen. Ich bekam plötzlich eine Ahnung, wie die Sachsen in Rumänien leben würden, wenn sie noch Geld und Leute hätten. Die abgeblätterte Tradition auf den Dörfern im Alten Land um Hermannstadt, Mediasch, Schäßburg, wie ich sie bisher kennengelernt habe, hat ihre Anziehungskraft eben durch den Verfall. Die alte Sächsin, die dort noch in ihrem Geburtshaus zwischen den alten bemalten Holzmöbeln sitzt, die hat kein Geld, um sich neu einzurichten und sie kennt den modernen rumänischen Stadt-Stil auch gar nicht. Sie behält ihre Tradition aus Mangel an Alternative.

Frau J. im Marmorhaus in Sanpetru zeigte mir Fotos vom Fasching, wie er heute gefeiert wird. Es sah aus wie beim Schützenfest. Auf dem Foto waren schunkelnde Senioren mit kleinen Hütchen und Penisbrillen (also so Plastikbrillen, wo in der Mitte statt einer Nase ein Penis ist). Rechts daneben war im Kontrast dazu ein Foto von Frau J’s Taufe um 1940 herum. Strenge Gesichter, Tracht, das Kind auf dem Stickkissen. An sich ist das nicht verwunderlich, es ist die normale Entwicklung, wie bei uns in Deutschland.

Bei uns sind ja Bräuche auch nicht mehr als Schützenvereinsgeklüngel. Und die Burzenländer Gemeinden sind so, wie ich mir deutsche Schützenvereine vorstelle. Ich sage vorstelle, um kenntlich zu machen, dass es ein Vorurteil ist, ein Urteil also, das ich treffe, bevor ich es belegen kann. Es ist mein Burzenland-Gefühl, für Bayern empfinde ich etwas ganz Ähnliches. Auch ohne die Bayern genau zu kennen.

Ein Mitarbeiter des Brukenthalmuseums in Hermannstadt, auch ein Sachse, hat mir vor einiger Zeit gesagt, er sei dieser Deutschen so müde, die mit Fragebögen hierherkommen, um ihre Doktor- und Diplomarbeiten über die Identitätsmuster/-wechsel/-entwicklungen der Siebenbürger Sachsen zwischen 1945 und heute zu schreiben. Er sagte, er würde gerne eine Arbeit über die Identität der Deutschen schreiben, die die Identität der Sachsen erforschen. Diese Bemerkung machte mich ein wenig schuldbewusst, und ich denke seitdem immer wieder darüber nach, was es über mein Identitätsmuster aussagt, dass ich mit soviel Mühe die Identität eines sterbenden Völkchens untersuche. Ich habe verschiedene Theorien, die ich hier lieber für mich behalte.

Moderne sächsische Küche in SanpetruModerne sächische Küche in Sanpetru

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Über Julia Jürgens

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