Muki

Wie ich heute vom Bärenreservat in Zărnești zum Deportierten-Nähkreis in Rășnov/Rosenau kam soll berichtet werden: Zum Bärenreservat ging es morgens mit besagtem Freund, der für die letzte deutschsprachige Tageszeitung in Rumänien schreibt und derzeit noch ein Buch über die siebenbürgische Küche. Um für die Rezepte ein bisschen Lokalkolorit zu bekommen, besucht der Freund auch touristische Stationen der Region.

Das Bärenreservat in Zărnești wurde 2005 gegründet, auf dem Gebiet einer bankrott gegangenen Waffenfabrik. Das Ziel ist ein hehres: Alle gefangenen und gequälten Bären in Rumänien zu befreien und im Reservat auf Lebenszeit Asyl zu bieten. Manche Restaurants in Rumänien halten immer noch Braunbären als Attraktion (manche Parks in Berlin allerdings auch), manche Leute halten sie auch zu Hause, gerade neulich las ich über Muki, einen Bären im Szeklerland, dessen Besitzer seit vier Jahren gerichtlich dafür streitet, den Bären behalten zu dürfen, weil der Bär bei ihm glücklich sei. Auch in Rumänien ist es gesetzlich untersagt, wilde Tiere zu halten. Die Frau, die durch das Reservat führte, (eine Deutsche, die nach Rumänien eingewandert ist), berichtete bei jedem Bären, den wir zu Gesicht bekamen, es waren etwa 15, welches Schicksal er erlitten hat.

Einem Bär, der vor Schloss Peleș am Eingang stand, wurden die Augen mit Säure geätzt, um ihn zu blenden, andere saßen jahrelang in kellerähnlichen Verliesen. Es klang erschütternd, aber beim dritten Bären stellte sich bei allen Besuchern eine Art positiver Gruseleffekt ein – je größer die Qual des Bären gewesen war, desto wohler fühlte man sich jetzt, da man ihn durch den Busch wuseln sah. Als hätte man ihn persönlich gerettet.

Dann gelangten wir zu Muki. Muki ist seit einer Woche im Reservat, noch in der Quarantänestation. Der Besitzer hat den Prozess verloren. Muki schlich traurig durch das Gehege und schaute ängstlich auf die anderen Bären. Die ersten drei Tage habe er sich an einen Baum geklammert und laut geschrieen, erzählte die Frau. Eine Wärterin habe den Bär an der Hand/ Pfote nehmen und mit ihm auf und ab gehen müssen. Wenn Muki sich nun so an den Menschen gewöhnt hatte, dachte ich, und im kleinen Garten glücklicher war als im größeren Käfig hier ohne seinen Besitzer? Könnte das nicht möglich sein? Hatte man ihm wirklich einen Gefallen getan? Ich äußerte diese Skepsis, und die Frau, die die Führung machte, sagte: Alle Bären sind in Freiheit glücklicher, das hier sind ihre natürlichen Lebensumstände.

So selbstgerecht können nur Menschen sein. Natürlich ist das Reservat schonmal gar nicht, und woher will ein Mensch wissen, wieviel Freiheit ein Bär braucht, um glücklich zu sein? Was bedeutet Freiheit für einen Bären? Wir wissen es nicht. Wir können nur ahnen, dass die Frau, die durch das Reservat führt, viel Freiheit braucht, vielleicht ist sie dewegen auch von Deutschland hierhergekommen, um sich eine einsame Bergpension zu kaufen.

Bär in Zarnesti (nicht Muki)

Bär in Zarnesti (nicht Muki)

Ich möchte das klarstellen: Ich mache mich über diese Menschen nicht lustig. In allem, was man tut und sagt, wird man jedoch sichtbar, oft auf eine ganz andere Weise oder viel mehr Weisen, als man denkt. Das ist menschlich. Und wirft Fragen auf, die kann man stellen. Wenn man sie nicht stellen kann, formuliert man selbst Antworten. Mutmaßungen über Muki. Mutmaßungen über eine Frau, die Bären rettet

Ich möchte auch betonen, dass das Bärenreservat eine gute Einrichtung ist und ich  absolut gegen eine quälerische Haltung dieser Tiere bin. Es bringt einen allerdings zum Nachdenken, dass die monatliche Erhaltung des Reservates 20.000 Euro kostet. Das meiste geht für die 24-stündige Videoüberwachung drauf (die die Bären vor Eindringlingen schützen soll, nicht andersherum) und die mit Strom durchflossenen Zäune der Bärenkäfige. 20.000 Euro ist in Rumänien unfassbar viel Geld. Es ist das Hundertfache des Monatslohns eines einfachen Handwerkers. Man muss automatisch ausrechnen, wieviele Familien man mit dem Geld ernähren könnte. Die Bären haben dabei trotzdem ein Recht auf ein tierwürdiges Leben.

Über Julia Jürgens

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