Zu Ehren der Rosenauer Frauen

Zurück in Rosenau stieß ich zufällig auf eine alte Dame aus der sächsischen Gemeinde, die mich zum Nähkreis ins Pfarrhaus einlud. Zum Nähkreis der Frauen, ohne Pfarrer, ich ging gern mit.  Kaum, dass ich saß, sagte mir eine Dame: Ich erzähle Ihnen nichts von früher, das ist alles vorbei, und entweder man ist dabei gewesen oder nicht. Sie sagte das nicht böse. Und später erzählte sie natürlich doch… Die Hälfte der Frauen, stellte sich heraus, waren so alt, dass sie die Deportation erlebt hatten. Deportiert wurden nach dem Krieg Frauen und Männer zwischen 17 und 35 bzw. 15 und 45,  weil sie als “Hitleristen” die Kollektivschuld zugesprochen bekamen.

Die Rosenauer Frauen treffen sich von Ende Oktober bis Himmelfahrt einmal in der Woche im Pfarrhaus. Nähen tut kaum jemand. Man sitzt zusammen, schwätzt und kichert, trinkt Kaffee und ein Schnäpsen und geht dem neuesten Klatsch nach. (Den gestern besuchten Pfarrer beschrieb einer der Frauen ganz geradeheraus als “eckelhaft” und hatte einige schwarze Geschichten über ihn auf Lager, die mich schadenfroh stimmten). Für die alten Damen ging mir jedoch in Kürze das Herz auf. Gewitzt, fröhlich und patent, so sitzen sie, etwa zwanzig Frauen zwischen 75 und 95, erzählen sich von der Ernte im Garten, den Kindern und Enkelkindern in Deutschland und zwischendurch mal einen Schwank von früher. Die Deportation findet dabei selbstverständlich, aber nicht larmoyant Erwähnung.

Meine Tischnachbarin, 84 Jahre alte, wurde aus Cincu/ Großschenk mit 18 Jahren “ausgehoben” und war fünf Jahre in Russland in der Kohlegrube. Sie überlebte Typhus und eine Rippenfellentzündung ohne jegliche Medikamente. Mit 23 kam sie zurück in ihr Elternhaus, das zu diesem Zeitpunkt aber schon Zigeuner bewohnten, für die ihre Eltern, die eigentlichen Besitzer, jetzt arbeiten mussten. Da ging sie ins Burzenland nach Rosenau, in der Werkzeugfabrik schaffen, 36 Jahre lang. Es ist ja gut, dass ich in Russland war, sagte sie und zwinkerte mir immer lustig mit beiden Augen zu, jetzt bekomme ich ja 900 Lei Extra-Rente (280 Euro, was sehr viel ist).

Ihre Schwester hat im gleichen Lager überlebt und saß uns gegenüber. Auch sie lachte unentwegt. Unter den Alten war kein einziges verbittertes Gesicht, nur ein paar müde. Schwerkrank sah auch keine aus. Wie haben diese Frauen sich das Leben so erhalten? Gegen diese Runde, der ich zwei Stunden beiwohnte, ist Herta Müllers Atemschaukel ein pathetischer Atemfurz. Den Rosenauer Nähkreis könnte Herta vielleicht einmal besuchen. Das sind starke Frauen, die sich körperlich und seelisch nicht zerbrechen ließen und garantiert nicht bei der Securitate waren. Sie bearbeiten noch heute allein ihre Gärten und führen ihren Haushalt.

Vor allem machen sie gern Witze, über sich und andere. Am Ende sangen sie noch ein paar Lieder. Die Älteste der Runde, eine verschmitzte Kurzhaarige schlug “17 Jahr, treuer Soldat” vor und alle lachten. Du bist wohl noch im Krieg, Rositante? Bei diesem Thema Humor zu haben, schaffen, glaube ich, wirklich nur Frauen (außer Herta Müller natürlich). Mich haben diese Rosenauerinnen sehr beeindruckt. Wer eine schöne Geschichte will, sollte hier Schluss machen und weiterklicken.

Denn leider, auch hier, wie immer immer immer, passierte am Ende etwas Trauriges. Auf dem Rückweg begleitete ich die beiden Schwestern, die mit Typhus das Lager überlebt hatten, ein Stück. Ich ging wahrscheinlich zu schnell, und die eine Schwester fiel ein Stück hinter uns zurück. Ins Gespräch mit mir vertieft, ließ sie ihre Schwester  los, und die stolperte augenblicklich über die Bordsteinkante. Sie fiel der Länge nach hin wie ein Brett, mit dem Gesicht auf den Asphalt. Ihre Brille bohrte sich oberhalb der Braue ins Fleisch und es tropfte sofort Blut. Die andere Schwester war sehr wütend: Sieh, was Du gemacht hast, Du bist gefallent! Sie drehte die Hand ihrer gefallenen Schwester ungeduldig einmal um ihre Achse, und die kranke Schwester schrie auf. Ach, was hast Du jetzt gemacht, sagte sie ärgerlich. Beide sahen jetzt hilflos aus. Es tat mir so von Herzen leid. Wohlmeinend habe ich mich in meine Besucherrolle gelehnt und die Frauen von Rosenau, die genug Schlimmes erlebt haben, mit meiner Neugier buchstäblich zu Fall gebracht.

Die alten Schwestern sind dann in die Klinik gegangen. Von mir wollten sie sich nicht weiter begleiten lassen. Nicht weil sie meinten, ich sei schuld. Aber vielleicht dämmerte ihnen auch, dass ich ihre Geschichten so sammle wie die Frau die Geschichten der Bären im Bärenreservat. Was ich so nicht mache. Oder? Wenn, dann geschehe es zu Ehren der Rosenauer Frauen, mit dem tiefsten Respekt.

Das wurde dann statt dem Kriegslied gesungen

Werbeanzeigen

Über Julia Jürgens

Bloggen | Reisen | Süd | Ost | Europa
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s