Schaasers machen es richtig

Familie Schaaser aus Keisd/ Saschiz ist eine nach meinen Maßstäben glückliche Familie. Menschen im Dorf erscheinen Menschen aus der Stadt vielleicht immer zufriedener, als sie in Wirklichkeit sind. Aber auch minus dieses Dorfbonus’ bleibt eine deutlich sichtbare Zufriedenheit. Zufriedenheit ist es eher als Glück. Glück fällt einem zu, die Zufriedenheit ist erarbeitet. Was gehört dazu? Ich kann nur ein paar Dinge sammeln.

Familie Schaaser ist besonnen und hat sich vom eigenen Gefühl mehr leiten lassen als von äußeren Versprechungen. Als in den 90ern alle auswanderten, blieben sie. Keisd war eine große Gemeinde, über 800 Sachsen lebten hier. Nach und nach verschwand die ganze Schulklasse der damals 9-jährigen Tochter. Schaasers überlegten. Während andere ohne nachzudenken gingen und alles zurückließen, als sei Krieg: Alle Möbel und Vorräte, die Tiere, die Ernte auf dem Feld, den seit Generationen vererbten Hof. Wofür? Für ein Reihenaus in Uelze oder Giffhorn, das die meisten noch heute abbezahlen. Schaasers fuhren mit der ganzen Familie nach Deutschland, 1990 und 1993. Sie schauten sich Deutschland ein paar Wochen an. Sie hatten viele Verwandte dort. Sie waren begeistert, die zwei Kinder weniger. Als sie zurück nach Keisd kamen, waren sie froh, beide Male war das so. Da stand fest: Wir bleiben hier.

Frau Schaaser sagt, nur heute kommen ihr manchmal Zweifel. In welchem Chaos werden ihre Kinder hier ihre Kinder aufziehen? Zigeunerwirtschaft, sagt Frau Schaaser, aber sie meint nicht speziell die Zigeuner damit, sondern das ganze Land. Frau Schaasers Kinder finden die Entscheidung heute noch richtig. Die Tochter, vier Jahre jünger als ich, ist mit einem Rumänen verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Sie ist Deutschlehrerin in Schäßburg. Sie lebt mit ihrer Familie und ihrer Großmutter auf dem Hof der Großmutter in Keisd. Der Großvater ist im letzten Jahr gestorben. Bei seinem Tod, zu Hause, war die ganze Familie anwesend, der Pfarrer auch. Seine Freunde und Nachbarn haben sein Grab geschaufelt und seinen Sarg zum Friedhof getragen, mit der ganzen Gemeinde. Frau Schaaser hatte ihren Vater gepflegt, jahrelang. Im Heimatbuch von Keisd ist ein Foto von ihm, er hatte den letzten Wasserbüffelpflug im Ort. Bis er 80 Jahre alt war, hatte er eine Kuh, die er täglich gemolken hat.

Frau Schaaser sagt, die Traditionen der Sachsen seien im Kommunismus besonders stark gewesen, als Trotz. Jeden Sonntag und zu Feiertagen schritten die Sachsen in Tracht zur Kirche, geordnet nach Alter und Geschlecht, bis 1990 war das so. An die 800 Menschen. Die verheirateten Frauen mit der weißen Haube, die Mädchen mit dem Borten, dem schwarzen Samthut, die alten Frauen mit dunklen Kopftüchern. Eine Machtdemonstration. Frau Schaaser sagt, damals in der vollen Kirche, da habe sie ihren Glauben gefühlt. Heute ist der Glaube noch da, aber sie fühlt nichts mehr. Die Menschen fehlen. Auch das Sonntagsgefühl ist verloren. Früher gab es die Sonntagskleidung, den Sonntagskuchen, den Sonntagsputz. Jeder Nachbar guckte morgens, ob beim anderen schon gekehrt war. Das gehörte auch dazu.

Tradition bedeutet immer Zwang. Ich kann mich sonntags schön anziehen und einen Kuchen backen und vorher putzen, aber ich muss nicht. Ich kann mich spontan so und so entscheiden. Mich persönlich macht das fertig. Auch Zwänge machen mich fertig. Aber wenn alle anderen auch müssen, vielleicht ist es dann normal?

Frau Schaasers Sohn ist 26 und trauert den alten Traditionen nach. Die Leute früher kannten nur ihren Ort, manche sind nie über ihren Hattert (Dorfgrenze) hinausgekommen. Heute können sie sich die ganze Welt im Internet ansehen. Ist das gut? In Sachen Bildung gibt es kein Zurück. Es ist gut, viel zu wissen, um sich dann entscheiden zu können, freiwillig, sage ich. Und, fragte der Sohn, entscheiden sich die Menschen, wenn sie wissen? Er hat ein offenes, freundliches Gesicht, wie seine Eltern und Schwester auch. So ein Gesicht hat man nicht einfach so. Die Eltern haben sich entschieden, an dem festzuhalten, was sie kennen und lieben, die Kinder setzen es fort. Auch sie werden ihre Eltern zu Hause pflegen, bis sie sterben. Bis dahin arbeiten sie hart.

Frau Schaaser zeigt mir zum Schluss ihren Vorratskeller. Es gibt alles: Weinfässer, eingelegtes Sauerkraut im Fass, Gurken, Tomaten, Paprika, alles eingelegt, Tomaten- und Apfelsaft, Zwiebelzöpfe, Kartoffelsäcke, Äpfel, Nüsse, Marmelade Hagebutte, Rhabarber, Erdbeere. Sie schlachten selber, Schweine und Hühner, was sie dazukaufen ist nur Zucker und Wasser, Mehl haben sie vom eigenen Getreide. Das sieht Frau Schaaser nicht als Tradition, aber ich schon. Der Vorratskeller ist ihr Reichtum. Wir führen Gäste ins Wohnzimmer zum Bücherregal, das ist unser Reichtum. Ich weiß nicht mal, dass Wein beim Gären blubbert. Schaasers machen es richtig. Mein Gesicht im Rückspiegel sieht auch offen aus und freundlich. Aber es entscheidet sich nicht.

Vorratskammer der Familie Schaser

Keisd im Sommer

Werbeanzeigen

Über Julia Jürgens

Bloggen | Reisen | Süd | Ost | Europa
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Schaasers machen es richtig

  1. Tobias schreibt:

    Toll. (Die Griechen nannten es: Eudaimonia. Ein Kellner im White Trash in Berlin hat das Wort auf dem Unterarm tätowiert.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s