Engenthal

Engenthal ist schon fast verschwunden. Der Ort, oder das Gebiet, wo der Ort einmal war, besteht noch aus zwei Kirchen und zwei Menschen und sechs oder sieben Häuserruinen. Der Rest ist spurlos verschwunden. An manchen Stellen stehen die Torbogen noch. Aber von den meisten Häusern ist nicht mal ein Ziegelstein geblieben. Innerhalb von vier Jahrzehnten haben sie sich aufgelöst, und nichts erinnert an sie. Ich kann nicht glauben, dass selbst das Fundament eines Hauses so vollständig verschwindet.

Orthodoxe Kirche in Engenthal/ Mighindoala

Hausreste in Engenthal

Das Dorf liegt in einer steilen Senke, Ende der 70er Jahre gab es einen Erdrutsch. Bis dahin gab es noch reges Leben, eine Schule, Kinder. Dann zogen die Kommunisten die Lehrer und Ärzte aus dem Ort ab, und die Menschen zogen mit. Über 60 Familien gab es damals noch, ebenso viele Häuser. Geblieben ist eine alte Bäuerin mit ihrem Sohn und ihren Schweinen, Hühnern und Hunden. Im Sommer kommen manchmal Künstler aus der Ukraine und ziehen in eines der noch halbwegs stehenden Häuser. Alles Homosexuelle und Lesben, sagt mir ein Rumäne, der mit seiner Carutza vorbeifährt und ein Pferd sucht, das verschwunden ist. Ansonsten gibt es nichts. Die Ruinen, aus denen Bäume wachsen, farbige Baumtupfer auf den Hügelkämmen, Hundegebell.

Engenthal erreicht man nur zu Fuß, von Bell aus, 45 min Weg.

Auf dem Weg von Bell/ Buiu nach Engenthal/ Mighindoala

Die Landschaft gehört zum Schönsten, was ich in Siebenbürgen gesehen habe. Ich war vor ein paar Monaten schon einmal hier. Der Sohn der Bäuerin war damals zu Hause und lud mich und meinen Begleiter zum Essen ein. So oft kommen ja keine Gäste vorbei. Es gab leckere Fleisch-Tokane und selbstgemachten Wein. Wir stehen im Internet, sagte uns die Bäuerin stolz, zwei Kirchen und (damals noch) drei Menschen. Ihr Sohn sah nicht nach Einsiedler aus. Er verkaufte Ziegenparmesankäse, unglaublich köstlich, im einzigen Bioladen in Hermannstadt. Der ganze Grund in Engenthal gehört ihm. Ich fragte, was ein Haus dort kostet. Wenn Du mir einen Jeep kaufst, kriegst Du eins und soviel Land, wie Du brauchst.

Diesmal war der Sohn nicht da, und seine Mutter sah müde aus. Es ist schwer, wir bereiten uns auf den Winter vor, sagte sie. Der Winter: Lange Abende im Haus, die Mutter und der Sohn. Eine Satellitenschüssel und Strom gibt es, vielleicht gucken sie Fernsehen. Feuer machen, Suppe kochen, Schweine füttern. Trinken. Aber auch das ist gewählt, sie könnten auch ins nächste Dorf ziehen, nach Bell. Wenn sie sich einmal entschieden haben, sind Menschen dickfellig. Es spricht alles dagegen, hierzubleiben, die Natur steht an der Tür wie ein Pfandleiher und hat schon auf alle Gegenstände ihren Stempel gesetzt.

Kirchenschiff, orthodoxe Kirche, mit Bäumen

Kirche Eingang

Haustür Nr. 15

Dorfansicht Bell auf dem Rückweg

In Bell abends, kleine Kinder machen Feuer, Ziegen laufen vorbei

Über Julia Jürgens

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Eine Antwort zu Engenthal

  1. miculdejun schreibt:

    :: wer sind eigentlich immer diese „kommunisten“ ?! 🙂

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