Ich hoffe, ich hätt auch zwei Worte zu Euch zu reden

Meine Datenbank siebenbürgisch-sächsischer Traditionen geht schleppend voran. Was gehört alles dazu, der im Kirchturm noch gelagerte Speck, das Glockengeläut, auch das Schweineschlachten vor Weihnachten? In manchen Dörfern habe ich danach gefragt, in anderen nicht. Eine Datenbank verlangt aber Daten aufgrund von Ähnlich- und Vergleichbarkeit. Eine Datenbank verlangt…größtenteils Daten. Während ich größtenteils Geschichten gesammelt habe. Was von dem, was ich gesammelt habe, frage ich mich, ist wirklich ein Brauch? Ein Brauch bleibt Brauch, wenn er gebraucht wird. Wenn Form und Inhalt aufeinanderpassen. Danach gäbe es keine einzige gelebte Tradition mehr, außer dem Begräbnis. Einen Pfingstbaum aufstellen, oder eine Krone, das hat keinen Inhalt mehr, das ist nur ein Anlass zum Feiern. Böse Geister vertreiben bzw. um gute Ernte bitten muss heute niemand mehr (letzteres vielleicht noch ein bisschen). Aber das Begräbnis ist geblieben.

Das Begräbnis siebenbürgisch-sächsischer Art ist auch das Faszinierendste von allem, was ich gesammelt habe. Es hat Stil und Würde. Zum Beispiel in der förmlichen Abbitte des Toten, die es auf dem Land noch gibt. Abbitten, das heißt der Nachbarvater oder jemand aus der Gemeinde geht zum Haus des Verstorbenen, dort, wo er in der guten Stube aufgebahrt ist im offenen Sarg, und fordert ihn den Angehörigen ab. Er drückt sein Beileid aus und bittet sie, im Verständnis um die Ungeheuerlichkeit seiner Bitte, den Toten herauszugeben, um ihn zu begraben. In einem kurzen Vers, der von Dorf zu Dorf variiert, bittet man, den Toten zu Gottes Acker bringen zu dürfen, wo der Tote ruhen solle bis zum Posaunenklang des Jüngsten Tages der Auferstehung.

In tiefgebeugter Trauer treten wir in dieses Haus, wo der Herr unseren lieben Nachbarn aus unserer Mitte gefordert hat. Ich bitte um den toten Körper, der nicht mehr zwischen uns Lebenden aufbewahrt werden kann, sondern weggetragen werden muss, in die dunkle Erde, die unser aller Mutter ist. Die Seele aber befehlen wir in Gottes Hand, er möge sie krönen mit der Krone des ewigen Lebens” sagt man zum Beispiel. Seltsam prosaisch und poetisch in einem. Daraufhin treten vier bis sechs Nachbarn ins Haus, nageln den Sarg zu und tragen ihn in den Hof, wo eine kurze Predigt stattfindet. Dann tragen die Nachbarn den Toten zum Friedhof, dabei spielt die Blasmusik, das Soundbett der sächsischen Gemeinschaft, Trauermärsche. Selbstverständlich ist es Aufgabe der Angehörigen, den Toten zu waschen und anzukleiden. Bestattungsinstitute sind noch unbekannt in den Landgemeinden. Zur Geburt geht man mittlerweile ins Krankenhaus, zum Sterben nicht.

Von einer Gemeinschaft begraben zu werden, in Anwesenheit aller (das war früher Pflicht, heute “Ehrenpflicht”, nicht jeder kommt heute mehr, aber immer noch die meisten), das ist doch etwas Tröstliches. Eine Respektbekundung von allen, mit denen man zu tun hatte. Welches, frage ich mich, wäre die Gemeinschaft, mit der ich zu tun habe? Welche Gemeinschaft könnte mich begraben? Meine Yogagruppe, meine Facebookfreunde, der Wedding? Es wäre schon schön, wenn einem eine Gemeinschaft einfiele. Jedem, der eine Kirche hat, fällt das natürlich leicht. Einen Ersatz dafür muss man aber erstmal finden. Würde ich hier mit den Sachsen leben, fände ich nichts dabei, Teil einer Gemeinde zu sein. Eine Seele. Hier wäre das in Ordnung, in Deutschland wiederum unmöglich.

In Keisd, der Ort, den ich letzten Freitag besuchte, gab es zur Abbitte, aber auch zu allen Gelegenheiten, in denen es etwas formell mitzuteilen gab, eine bestimmte Einleitung, die jeder auswendig konnte. Wollte man also eine Hochzeit, Geburt, Verlobung bekanntgeben oder einfach eine Rede halten sagte man: “Ich hoffe, ich hätt’ auch zwei Worte zu Euch zu reden. Erstens können wir auch dem lieben Gott danken, dem wir alle miteinander zu danken schuldig sind. Den treubarmherzigen Gott wollen wir auch in der Zukunft anrufen, der aller unser Vater und Fürsorger sein möge, er möge einem jeden frommen Christen nur dasjenige Teilchen zukommen lassen, was ihm an Leib und Seele nützlich und erträglich sein möge…”

Immer stand dieser Satz am Anfang, dann erst folgte das, was man eigentlich zu sagen hatte. Das gefällt mir sehr, schade, dass sich solche Bausteine verloren haben. Den Menschen damals war klarer, dass das Gerüst der Sprache schon steht und wir nur immer noch eine kleine Information anhängen. Ich würde heute nicht mehr Gott anrufen. Aber ich möchte uns, der Gemeinschaft, oder wer immer wir sind, auch einmal formell wünschen, dass uns nur das Teilchen zukommt, das uns an Leib und Seele nützlich und erträglich sein möge.

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