Karaoke

In Sibiu und wahrscheinlich auch anderen Städten in Rumänien fehlt, was man das  kreative Milieu nennen könnte. Studenten, Künstler, Alternative. Ich meine das ganze KleinKlein an Ideen, das in deutschen Studentenstädten auf manchmal unbeholfene, manchmal professionellere Weise in Läden, Flyern, Programmkinos, Tanz-Performances – (Per)FORM(ance)S) – kunstwilliger Menschen zum Ausdruck kommt. Was dort nervt, fehlt hier: Die als Wohnzimmer eingerichtete Bar, die Schaufenster, in denen gehäkelte (in Freiburg auch gefilzte) Pulswärmer und motivbedruckte T-shirts liegen. Die Greenpeace- und Nabu-Stände mit den engagierten zottelbärtigen Jungen, die in immer wetterfester Kleidung, auch bei beständigem Wetter, einen freundlich in Gespräche zu verwickeln suchen. Die Zivis und SozPäds. Und natürlich die Kunsthochschulstudenten, die asymmetrischen Frisuren und ernsten Gesichter, es müsste sie geben, aber sie sind unsichtbar.

Es gibt 20.000 Studenten in Sibiu, sogar Schauspiel und ich glaube auch Kunst, aber es ist, als kämen die Studenten nie in die Stadt, man sieht sie einfach nicht, sie hinterlassen auch nirgendwo Spuren. Es gibt keine Studentenbars, keine rauch- und diskussionsverwaberten Cafeterias. Vielleicht gibt es kein alternatives Milieu, weil die Studenten keine Alternative sehen. Ich lese manchmal bei ZEIT-Chancen, dass auch die deutschen Studenten pragmatischer und konservativer werden. Aber es gibt immer noch den AStA und protestierende Studenten, die Streiks organisieren und Wert darauf legen, sich von Erwachsenen zu unterscheiden. Die Studenten hier in Sibiu streiken nie, selbst jetzt nicht, wo Fakultäten geschlossen werden und etliche Professoren entlassen werden und etliche freiwillig gehen, weil ihr ohnehin mickriges Gehalt nochmal um 25 % gekürzt wurde. Und das, obwohl im letzten Jahr eine Erhöhung von 50 % versprochen wurde!

Abends in den Bars verstecken die Studenten sich in der Arbeitskleidung der oameni de afaceri, der Businessmänner. Statt Batikpullis oder Palituch maskieren sie sich im Kleidercode westeuropäischer oder internationaler Unternehmen. Die Jungs in Anzügen mit Krawatte, die Mädchen in Rock mit Bluse, wobei der Rock immer gut zwei Handbreit zu kurz für den Code ist. Die Lieblingsbeschäftigung der Studenten ist Karaoke. Ein so perfektes Karaoke, wie ich es noch nicht erlebt habe. Beim Singen stimmt jeder Ton, jeder Stimmschlenker, jedes Seufzen und jeder aahh-oohh-Einwurf, dazu die passenden Gesten.

Die Mädchen geben Rihanna- und Lady Gaga, die Männer Robby Williams und rumänische Schnulzen. Da steht die Jugend also abends vorm Spiegel und übt für den Karaoke-Auftritt. Ich kannte Karaoke bisher eher als Imitation, deren Spaß darin liegt, dass das Imitieren zutage tritt, also der Unterschied zwischen mir, dem Laien und Rihanna oder Lady Gaga. Hier liegt der Spaß darin, diesen Unterschied möglichst weit zu eliminieren. Viele sind gut, manche sogar besser als Lady Gaga und alle stehen mit großem Selbstbewusstsein auf der Bühne. Selbstdarsteller kann man gar nicht sagen, denn sich selbst stellen sie ja gerade nicht dar.

Alle deutschen Lehrer oder DAAD-Lektoren, die hier unterrichten, klagen über die Interesselosigkeit und das Fehlen von Eigeninitiative und kritischem Denken bei den Schülern und Studenten. Das ist die Masse, aus der sich einige herausheben, die dann sofort auffallen. Sie sind unglaublich ehrgeizig, sprechen drei, vier und mehr Sprachen fließend, waren länger im Ausland und haben immer eine spöttische Sicht auf ihr Land und seine Bürger. Wie Consuela, meine Tandem-Partnerin. Wir wissen noch gar nicht, was ein Bürger ist, sagt sie, deshalb rennen auch alle weiterhin in die orthodoxe Kirche, weil das der einzige Ort ist, wo noch gesagt wird, was wir tun müssen oder was wir nicht tun dürfen.

Oder eine andere Bekannte, die in Sibiu das deutsche Elite-Lyzeum abgeschlossen hat und sagt, aus ihrer Klasse seien noch vier in Rumänien, die anderen sechzehn in Deutschland, Österreich, Italien, Amerika, Schweden. Von den Guten bleiben ein paar Mutige und Widerstandsfähige. Sie fühlen sich ein wenig gekränkt von den Deutschen, die hierherkommen und vom “Ursprünglichen” und “so Authentischen” der Dörfer schwärmen, vom sympathischen Chaos und Improvisationstalent der Rumänen. Das ist genau das Rumänien, das sie hinter sich lassen wollen und schon gelassen haben. Auch die Karaoke-Sänger haben das hinter sich gelassen. Aber was sie anstelle dessen vor sich sehen, ist nicht klar. Romania made in USA. Romania European Standard. Euromania.

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