Der kalte Blick

So, jetzt saß ich ein paar Tage allein zu Hause und bin den Kulturdeutschen aus dem Weg gegangen. Nicht ganz natürlich, denn mit einem teile ich ja mein Bett. (Mal nachdenken, wie das gemeint ist!). Heute habe ich sie dann aber wieder geballt gesehen. Ich musste raus – es war Wunderrrwetterrr, wie ein Sachse sagte -, 17 Grad und Sonne. Sie sahen heiter aus, und einer, okay, hat sogar eine rumänische Freundin und behandelt sich und sie verantwortungsvoll. It’s all in your head. Ja – gut.

Ich habe nachgedacht derweil, wie ich das eigentlich mache, wenn ich über jemanden schreibe, den ich kenne. Das wollte ich nämlich in den letzten Tagen, aber ich wusste nicht, wie. Seit ich Schriftsteller kenne, rege ich mich darüber auf, wie sie ihre nähere und nahstehende personelle Umgebung, Freundin/ Freund, Affären, Eltern, in ihre Texte aufnehmen. Nicht dass, sondern wie sie es tun. Es regt mich einmal auf: Wie der Schriftsteller innerlich schon an seinem Text arbeitet, während die reale „Szene“, über die er schreiben will, ja gerade noch abläuft. “Reale Szene”, das ist dann ein Paradoxon, das nur Kritiker, die überhaupt nicht leben, für authentisch halten können. So ein Schriftsteller erlebt keine Momente des Lebens, sondern Szenen, er erlebt also quasi Literatur und schreibt sie dann, wenn er gut ist, in Realität um. Und wenn nicht, in Literatur-Literatur. Das erste ist irgendwie Betrug am Leser (und an der Realität), das zweite eine Qual.

Das nächste, das mich aufregt, regt mich nur auf, weil es mich fasziniert. Bei Texten, die mir gefallen, fällt mir immer auf, wie genau da das nahestehende Umfeld beobachtet wurde. Mit einem liebenden Blick wäre es nicht möglich, solche Eindrücke zu sammeln. Der Blick muss gleichzeitig kalt sein und bereit, alles zu sehen. Von so einem Blick will ich selbst nicht gesehen werden, aber lesen will ich nur von ihm. Viele Menschen können gut schreiben, aber sie halten diesen Blick nicht durch, mit dem sie ihr Leben und die, mit denen sie leben, sezieren. Ohne die Kälte wird der Blick aber ungenau und leidet der Text. Worunter wiederum der Schreibende leidet. Ich bewundere Schriftsteller, die das ausbalancieren, für diese Fähigkeit; je mehr ich darüber nachdenke, fast mehr als für ihr Talent zu schreiben. Dem Text gegenüber aufrichtig bleiben (was ihre Pflicht ist, sonst könnten sie aufhören zu schreiben) und dabei die, die sie beobachten und zum Gegenstand ihrer Texte machen, nicht preisgeben, das ist die Kunst.

Das muss einem gelingen, egal, was man schreibt, eigentlich. Und ich frage mich, wie macht man das. Auch wenn es nur in einem Blog ist. Mein Problem ist, dass ich selber unter dem kalten Blick leide, schon seit ich klein bin, mehr, als mein Umfeld jemals könnte. Ich leide unter meinem eigenen Blick, schon bevor ich überhaupt etwas aufschreibe. Für den Schriftsteller mag das Strategie sein, mir tut es schon beim Schauen leid. Trotzdem fällt mir auf, dass ich meinen Alltag und die Treffen mit Menschen inzwischen so plane, dass sie gute Themen für den Blog abgeben. Manche Unterhaltungen führe ich allein deshalb, weil ich denke, sie könnten wichtige Details ergeben, die meine ja doch immer recht tendenziösen Thesen mit ein bisschen journalistischer Wahrhaftigkeit unterfüttern. Und ich würde auch noch weiter gehen, nur für den kleinen blog-scoop. Alles wird Recherche, alles ist Material. Einerseits ist das sehr entspannend. Denn über der Dramatik des Textes verblasst die des eigenen Lebens. Andererseits—-andererseits kann ich mich jetzt nicht mehr so über Schriftsteller aufregen.

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Über Julia Jürgens

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