Fönwind

Es ist gerade sehr irritierendes Wetter in Sibiu. Die letzte Woche war es schon durchgängig sonnig bei etwa 15 Grad, aber heute morgen dann wischte mir gleich unten an der Haustür ein so warmer Wind ins Gesicht, dass ich ein Stück aus der Zeit fiel. Dazu war der Himmel an der einen Seite voller dunkler Wolken, auf der anderen Seite in gelbgrau leuchtenden Schichten. Es sah unwirklich aus, und so fühlte ich mich auch, wie in der Schlussszene eines melodramatischen Films (es wird übrigens gerade ein Film gedreht in Sibiu, Ghostrider heißt er glaube ich, mit Nicolas Cage. Für den Film, der im Winter spielt, wurden am Sonntag die Weihnachtsmarktbuden am Großen Ring aufgebaut und alles mit künstlichem Schnee geflutet. Und das bei dem Wetter. Das haben sich die Amis doch anders vorgestellt.).

In meinem Film ging ich, wie zur Zeit jeden Tag, in die landeskirchliche Biblithek im Teutsch-Haus (Teutsch ist nicht eine mittelhochdeutsche Bezeichnung für deutsch, sondern der Name eines gewesenen wichtigen Bischofs). Der Bibliothekar, der eigentlich Pfarrer ist, und sich in der Bibliothek zu Tode langweilt, fing wie immer Gesprächsversuche an, die, weil ich nicht darauf eingehe (ich will eben lesen!) heute ungewohnt maulig wurden. “Julia, was willst du eigentlich dann in Deutschland machen? Kinder kriegen, heiraten, Mutter sein, das Bundesverdienstkreuz für Mütter bekommen?” Wie eine trotzige dicke Schildkröte sitzt er an seinem Tisch und lugt über Bücherstapel uralter und verschimmelter Gesangbücher und Katechismen zu mir herüber. Er will unbedingt sein Gespräch, ich bin auch das einzige Lebende in der Nähe. Der ganze Raum riecht nach Buchschimmel und ungelüftetem Männerschlafzimmer. Von den Wänden gucken grimmige und teils sehr grobschlächtige Pfarrer und Sachsenbischöfe. Es ist immer halbdunkel. Als Besucher kommen hauptsächlich alte Leute, die durch den Raum schlurfen und in den alten Kirchenmatrikeln die Geburtsdaten ihrer Urgroßeltern oder so etwas herausfinden wollen. Aber auch in die Bibliothek blies heute dieser Fönwind und machte irritierende Laune.

Draußen im Hof an der Johanniskirche setzte sich dann eine ältere Dame neben mich. (Das Licht, die Wärme wie im späten August.) Wenn andere sagen, so etwas passiere ihnen ständig, finde ich das immer ein bisschen neurotisch. Aber mir passiert das wirklich oft. Der Freak im U-Bahn-Abteil/ Bus setzt sich bestimmt neben mich und spricht mich an. So auch diese Frau. Ganz leise sagt sie ohne Einleitung: Ist das nicht ein schöner Kirchturm? Ich habe gemalt früher, ich habe gut gemalt, aber dann geheiratet und Kinder und das war’s dann. Jetzt bin ich Rentnerin. Ich habe diesen Turm schon einmal gemalt, aber es ist lange her, aber ich werde ihn nochmal malen, ich habe noch die gelbe Ölfarbe, genau dieses Gelb habe ich noch. Und dann mache ich eine Ausstellung.

Das ist schön, sage ich und versuche sie so ermutigend anzulächeln wie möglich, da gehe ich hin. Sie sieht nicht so aus, als ob sie jemals eine Ausstellung machen wird, aber wer möchte diese kleinen Träume vertreiben. Vielleicht setze ich mich in 40 Jahren auch neben eine junge Frau auf die Bank und sage: Ist das nicht ein warmer Wind? Ich habe einmal in Rumänien gewohnt, ich wollte dort bleiben, zum Teil, aber zum Teil auch nicht. Ich habe auch geschrieben früher, aber dann kamen die Kinder und die Scheidung, und ich muss immer noch arbeiten, bis heute. Aber ich habe noch die Notizen und werde irgendetwas daraus machen. Ich werde so verzagt und verrückt aussehen wie diese Frau heute.

I am on a sentimental journey. I am old already. Wie soll das alles weitergehen? Draußen rauscht der November-Fön.

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Über Julia Jürgens

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