Subjekt – Subjekt, Achtung

Was hat man am Ende vom Land hier verstanden? Gestern begegnete ich abends – einem Kulturdeutschen wiedermal. Ich war selber schuld, es war in diesem ganz westeuropäisch anmutenden Restaurant, in dem es raffinierte kleine Gerichte und Coffee Table Books und ein rotweißgestreiftes Sofa im Toilettenbereich gibt. Falls man sich danach noch ausruhen möchte? Aber Ruhe, genau danach war mir, und nicht nach einer Ciorba de vacuta in einer gekachtelten Halle mit drei Fernsehern.

Der Kulturdeutsche aber war allein schon durch sein Gesicht ein einziger Aggressionstrigger. Das Gesicht trug einen sanft-besorgten Dauerausdruck und war durch Waldorfpädagogik oder etwas Ähnlichem völlig überformt. Trotzdem oder gerade deshalb horchte der Deutsche mich und meinen Begleiter des Abends sofort aus, so uncharmant und humorlos wie in einem Assessment-Center. Was macht ihr hier? Was arbeitet ihr hier? Wo kommt ihr her? Warum seid ihr hier? Ich habe ganz vergessen, wie das ist. Definitiv unhöflich. Mir fiel ein, dass das in Deutschland in zweieinhalb Wochen auch wieder ansteht, mit Originalitätsdruck sich und seine (berufliche) Lage erklären. Beim Sprechen spitzte der Deutsche seine Lippen zu einem Schlauch, als wollte er seine Zähne nicht zeigen, und die Lippen wanden sich tatsächlich auch beim Lächeln um sie herum. Vielleicht weil Lachen mit Zähne-Zeigen eine potentielle Attacke ist? (Im Tierreich) Und davon wähnt er sich ja weit entfernt, obwohl es genau das war.

Er sei, erzählte er dann, seit 5 Jahren hier, und hier sehr zufrieden, in Deutschland sei alles “abgegrast” , die Gespräche, die da geführt würden “langweilig”, in Deutschland sei alles schon fertig, während HIER alles offenstehe, und die Menschen irgendwie “entspannter” seien, und die Rumänen hätten überhaupt einfach eine engere “Verbindung” zum Leben, sie seien “natürlicher oder naturaler”. Und der ganze Text mit diesen geschürzten Lippen und einer runden John-Lennon-Brille vorn auf der Nase, die immer wieder zurück nach oben geschoben werden musste. Mit genau dem letzten Argument wurden Frauen jahrhundertelang in die Knie gestreichelt. Für die Verbindung zur wahren Natur und all dem veehrt, fand man sie zu Analyse und Technik gar nicht in der Lage. Industrialisierung, Wissensgesellschaft, IT, Machtwille ist männlich; Landwirtschaft, Pflanzen und Ernte, Ruhe, Abhängen und Genießen weiblich. Und in diesem Bild sind unsere Rumänen doch die Frauen. Und die Deutschen die Männer, darüber täuschen auch die offensiv gezeigten unmuskulösen Ärmchen nicht hinweg. Und die geschürzten Lippen nicht. Beides täuscht eine Wehrlosigkeit vor, die nicht da ist.

Der Kulturdeutsche macht also hier eine Firma auf, die “Wirtschaftsleute abzockt”, wie er sagt und genießt dabei das “Naturale” der Rumänen, die mit unbesiegbar guter Laune am Boden rumackern und ihre Verbindung zum Leben halten. So wie der große Mann immer eine Frau an seiner Seite brauchte, braucht der Kulturdeutsche das naturale Rumänien an seiner Seite (unter seinen Füßen eher). Unter seiner Waldorfmaske der alte imperiale/ “sexuale” whatever Eroberungswille. Über ihn habe ich an dem Abend was verstanden, um Rumänien ging es, mal wieder, überhaupt nicht.

(Ich weiß nicht, was für Aussagen über Rumänien ich treffen kann. Aber ich weiß doch zumindest, dass meine Aussage über Rumänien eine Aussage über mich ist. Auch die Aussage über den Kulturdeutschen. Subjekt – Objekt = Subjekt – Subjekt, Achtung!)

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