Anne

Ich hatte heute nacht so einen Traum, nach dem ich heute morgen beim Aufwachen dachte, ich bin erlöst. Nach Wochen im Laufrad hat es angehalten und ich bin ausgestiegen und liege jetzt ganz ruhig im Bett. Ich kann Zeitung lesen und muss nicht auf Facebook herumklicken. Ich muss an niemanden denken. Ich freue mich auf zu Hause.

Im Traum schlief ich wie in echt in meinem Bett und hatte wie in echt die Tür nachts nicht abgeschlossen. Im Traum kam dann morgens eine Zigeunerin hinein, die Geld wollte, und die ich wegjagte. (Im Traum versprach ich mich dabei auf Rumänisch, ich sagte “Va scoateti immediately!” (was Ziehen Sie sich sofort heraus meint und in diesem Zusammenhang eine ganz verkehrte Wendung ist. Mir war im Traum bereits peinlich, dass ich immediately anstatt imediat sagte). Kaum war die Zigeunerin aus der Tür, ging die Tür schon wieder auf, und ich wollte gerade losbrüllen “du-te” (hau ab), da sah ich, dass es ein Mädchen war, das ich irgendwoher kannte. Auch in echt kommt mir das Gesicht des Mädchens im Traum bekannt vor, aber ich kann es nicht einordnen, ich glaube, eine frühere Mitschülerin aus der Grundschule.

Das Mädchen jedenfalls geht auf mich zu und fällt mir ohne Worte um den Hals. Sie hat ungelenke Bewegungen und gluckst aufgeregt. Im Traum merke ich dann, dass ich das Mädchen aus dem Behindertenheim aus Fogarasch kenne (in dem ich in echt nie gearbeitet habe), es heißt Anne. Ich bin sehr gerührt, dass sie mich besuchen kommt, dass sie die Reise nach Sibiu allein gemeistert hat und sich so freut, mich zu sehen. Ich kann eigentlich gar nicht gut mit Behinderten umgehen und mit spontanem Besuch auch nicht, aber ich freue mich selber zu meinem Erstaunen sehr, dass Anne da ist. Ich kümmere mich um sie, koche ihr Essen, ziehe ihr einen Schlafanzug an und wir schlafen Arm in Arm. Ich bin glücklich darüber im Traum.

Dann kommen auf einmal weitere Gäste, ein Mann, den ich hier aus Sibiu kenne, mit seinem Freund. Sie sind so Abhänger, die ich in echt eigentlich mag, aber jetzt im Traum nerven sie. Sie lümmeln in meinem Zimmer herum, und der Freund, der Ceaucescu genannt wird und Dreadlocks hat, macht mich aggressiv. Er ist irgendwie ein Landstreicher und lebt von nichts. Er fängt an, ein Instrument, das wie eine Pfeife aussieht, zu spielen (ich weiß, dass ich fragen sollte, was das für ein Instrument ist, der Mann, den ich aus Sibiu kenne, erwartet das, aber mich interessiert es nicht). Auf einmal ist eine Balkan-Party im Gange. In echt finde ich genau sowas toll, aber jetzt nicht: Weil Anne da ist, die die vielen Leute stören, und mir ist wichtig, dass Anne sich wohlfühlt und nicht die coolen Jungs in meiner Wohnung.

Ich koche dann Nudeln mit Soße, aber ich koche nur eine Portion, für mich, was ich erst merke, als die Nudeln fertig sind. Es ist unhöflich und mir peinlich, aber irgendwie auch egal. Der Mann, den ich in echt aus Sibiu kenne, sagt, dass es krass ist, dass ich nur eine Portion Nudeln mache. Später liegt er mit seiner deutschen Mitbewohnerin, die plötzlich auch da ist, in meinem Bett und krault ihr den Bauch, was ich wiederum unhöflich finde. Ich möchte eigentlich nur in Ruhe meine Nudeln essen, aber ich habe den Teller irgendwo abgestellt, wo ich ihn nicht mehr finde. Ich gehe überall herum, aber finde ihn nicht. Das ärgert mich. Wenigstens merken die Leute der Nudeln wegen, dass sie gehen sollen, und das tun sie dann auch. Ceaucescu packt sein Instrument ein, und er und der andere und die Deutsche gehen. Anne bleibt.

Ich bin so ruhig wie in den ganzen letzten Wochen nicht, als ich aufwache. Die Unruhe im Herzen ist weg. Alle anderen sind weg. Nur ich bin da, und ich passe jetzt auf. You lose yourself/ you reappear/ You suddenly find you got nothing to fear/ Alone you stand with nobody near

Über Julia Jürgens

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