Der einsame Hund

Es wird Zeit zu gehen. Die Katze ist verschwunden. Die Katze verschwindet aus dem Hinterhof der Str. Plopilor Nr. 5, während ich mit Verspätung in die überhitzte Aula der theologischen Fakultät trete und gleich wieder umkehren möchte. Ausgerechnet Herr Cosoroabă sitzt in der letzten Reihe und winkt mich herein. Vielleicht verschwindet die Katze in dem Moment, in dem der Mann, der Franz Hodjak ankündigt, sagt, “Der Mensch hat das Privileg, sein Schicksal nicht zu kennen.” Die Katze verschwindet irgendwann im zeitlichen Rahmen dieser Lesung in Hermannstadt, auf der die Einführung der Schrifsteller jeweils länger dauert als der dann gelesene Text.

Ein alter, zum Bemitleiden um einen aufrechten Rücken bemühter sächsischer Schriftsteller, doziert in endlos steifen Sätzen. Es ist bekannt, dass alle einschlafen, sobald er anfängt zu sprechen, aber er wird immer wieder auf die Bühne gestellt, mit dem Pflichtbewusstsein, mit dem man früher die Parteibilder an die Wand gehängt hat. Der sächsische Schriftsteller stellt einen rumänischen Dichter vor und sagt die ganze Zeit “er”, als er über ihn redet, er, der neben ihm steht und Radu Radulescu heißt.

Während er minutiös seine Lebensstationen und alle seine Veröffentlichungen, inklusive Zeitungsartikel durchgeht, verschwindet die Katze, vielleicht über die Dächer. Vielleicht fällt sie dort in eine Dachluke. Vielleicht läuft sie auf die Straße, wird von einem Hund erschreckt, und läuft weit weg. Von einem Hund handelt später ein Gedicht von Radu Radulescu. Leider verstehe ich es auf rumänisch nicht genau. Der sächsische Schriftsteller erklärt das Gedicht, bevor Radulescu es liest. Ich verstehe in etwa so, dass Radulescu in einem Dorf nahe Sibiu auf eine Szene stößt, wohl einen Autounfall, die ihn inspiriert. Ich verstehe, dass es um einen Hund geht, der nach einem Unfall allein zurückbleibt, sei es, weil sein Herrchen oder ein anderer Hund stirbt, das verstehe ich nicht. Es geht um die Einsamkeit dieses Hundes. Ich sehe die hilflose Geste des sächsischen Schriftstellers, die er macht, als er das Wort “allein” sagt. Einen angedeuteten, aber versackenden Schwung mit der rechten Hand. Sie entgleitet und verrät ihn. Er ist allein, einsamer als jeder Hund.

Radu Radulescu liest schließlich das Gedicht und ich verstehe immer noch nicht ganz, worum es geht, aber ich glaube es in dem Moment fühlen zu können, müde, im Halbschlaf, die vielen fremden Worte im Ohr. Das metaphysische Alleinsein. In dem Moment klettert die Katze vielleicht in einen Keller, aus dem sie nicht mehr herausfindet, oder sie bleibt in einem gekippten Fenster hängen. Oder jemand streckt seine Hand aus, auch eine einsame Hand, und greift die Katze und nimmt sie mit.

Am Ende des Gedichts geht es schließlich um die Frau Radulescus. “Ich habe nur mit einer Frau zusammengelebt, aber es war, als wären es Hunderte gewesen” heißt ein Vers. Während dieser Satz fällt, verliert vielleicht die Katze die Orientierung und läuft in die falsche Richtung, nicht zurück zum Haus, sondern weiter in die Stadt. Während ich auf die Stellwände schiele, die rings um das Publikum stehen, behängt mit DIN-A-4-Zetteln, die etwas über die literarische Zensur der Securitate zeigen. Es ist eine Ausstellung aus München, leider viel zu klein sind die Zettel mit Gedichten und Texten von Schriftstellern und den Kommentaren und Interpretationen der Securisten bedruckt. Die Deutungen der Securitate sind ziemlich gut. Es sind fundierte Erläuterungen mitunter sehr wirrer Lyrik. Irgendwo ist auch etwas von Helga Müller aus Nitzkydorf.

Später zu Hause steht die zweite Katze am Tor, was sie sonst nie macht, und miaut aufgeregt. Die kleine Katze ist weg. Ich weiß sofort, dass sie nicht zurück kommt. Ich denke an ihre kleinen Pfoten, die sie im Gegensatz zur großen Katze so zart einsetzt, wie sie auf meiner Brust liegt und kiekst, wenn ich papușică sage. Wie sie nach dem Duschen mit feierlichem Ernst den Wasserstrudel beobachtet, auch lange noch, nachdem er weg ist. Wie sie morgens ihre kalte Nase in mein Gesicht stößt. Ihre kleine anhängliche, quengelige Katzenpersönlichkeit. Jetzt suche ich sie nachts, ich rufe ihren Namen, der hier so fremd klingt in der Dunkelheit, in den leeren Häuserzeilen der Unterstadt. Beim Suchen erst sehe ich wie viele leere Häuser es gibt, mitten in der Stadt, wie viele verfallene Hinterhofhäuser und Baracken. Ich will die Katze nicht zurücklassen, aber es ist Zeit zu gehen.

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Über Julia Jürgens

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