Zwischenweltbewohner

Die Zeit ist auf einmal so riesig. Die, die schon gewesen ist bis jetzt. Auf der Fahrt fängt das an. Mit den Liedern im Radio, die alle eine andere Ära aufrufen, andere Städte, andere Menschen. Musik der 80er bis heute geht mein Leben einmal durch. Jeder Abschnitt kommt vor, und wieviele Abschnitte das sind, merke ich jetzt. Aus all diesen Abschnitten erinnere ich am besten die Wohnungen. Dort ist die Zeit geblieben. In meinem Kopf schließen sich alle Wohnungen, in denen ich je gewohnt habe, zu einer zusammen, alle Zimmer hintereinander.

Ich erinnere mich genau an die Möbel, an den Blick aus den Küchenfenstern. Mit den Wohnungen fällt mir alles andere ein, Bücher, die ich dort gelesen habe, Männer, an die ich dort gedacht oder vielleicht auch getroffen habe. Ich bin von überall zu schnell weggegangen. Es hat sich nichts ansammeln können. Wie bei einem Wanderurlaub habe ich das Zelt immer ab- und woanders schnell wieder aufgebaut. Vielleicht hätte ich bleiben sollen, vielleicht in Leipzig schon? Oder jetzt in Sibiu? Statt dessen immer ein klarer Schnitt: Die Zeit in Rumänien endet an einer Tankstelle in Arad, dort sage ich meinen letzten rumänischen Satz (einen den ich vorher nie gesagt hatte, aus Spargründen): Faceți plin, tanken Sie voll. Dann beginnt etwas Neues, pling, wie in einem Computerspiel, bin ich in einer neuen Landschaft.

Die Fahrt ist an sich ja schon unwirklich, in 18 Stunden durch fünf Länder, von denen man nur die verschieden klingenden Radiostimmen und die gleich aussehenden Raststätten mitbekommt und die Gerüche, Ungarn neutral, Slowakei feuchter Wald, Tschechien Kohleöfen.

Das Fahren durchs Dunkle geht ohne Anstrengung, alle Bewegungen kommen von selbst. Ich fahre schneller als sonst, die Lieder wiederholen sich beim Fahren und ihre Texte klingen absurder, je später es wird. Singt dieser Mann tatsächlich …”will ich nur ein Bier von Dir” oder sagt er doch Bild, gibt es die Zeile „up until the morning, I live my superlife“? Kann das möglich sein? Kann es auch sein, dass die Wohnungen noch an allen Orten so sind, wie ich sie verlassen habe, oder eher so, wie sie waren, bevor ich sie verlassen habe? In Leipzig, Berlin, Hamburg, Freiburg, Dresden, Amerika? Finde ich noch meine Sachen darin, wenn ich so schnell weiterfahre, quer durch die Zeit?

Ich habe das Gefühl, ich muss nie mehr anhalten. Dann doch kurz vor der deutsch-tschechischen Grenze kann ich nicht mehr, es ist die Stelle, wo die Autobahn zu Ende ist und man auf Landstraßen mit winzig kleinen Schildern umgelenkt wird, die mich schon bei der letzten Fahrt ganz wütend gemacht haben. Die Schriftgröße kann man beim Fahren gar nicht lesen. Die Landstraßen sind dazu unbeleuchtet. Die Zeitreise endet. In einem kleinen Ort sehe ich eine Pension. Zum Glück eine Pension, ein Motel wäre zu traurig gewesen allein. Es liegt Schnee, und vor der Tür läuft eine Katze, die aussieht wie Vögelchen.

Die Frau an der Rezeption trinkt Tee aus einer bauchigen Tasse, so wie ich sie sammle, von allen Orten wo ich gewesen bin. Vielleicht macht das die Frau auch. Auf ihrer steht Krakow. Hinter mir kommt ein zweiter Gast, sein Auto habe ich gehört und gedacht, wie seltsam, nachts um zwei kommen in diesen Ort gleichzeitig zwei Fremde. Es ist ein Junge, ein Mann, auf jeden Fall jünger als ich, er hat ein sanftes Gesicht und einen Rucksack auf (ich dagegen stehe wie eine echte Rumänin mit zwei Tüten in der Hand). Wir müssen beide einen Zettel ausfüllen, im Radio singt dazu ein Mann, der wie ein tschechischer Helge Schneider klingt, ein trauriges Lied, das er, so wie es sich anhört, ernst meint.

Ich denke an das überhitzte, bestimmt nach Duftkissen riechende Zimmer, das ich gleich betreten werde, an die Badlüftung, die angeht, wenn man den Lichtschalter drückt, an einen tropfenden Flüssigseifenspender, einen fleckigen Teppich, einen schäbig goldkunstseidenen Bettüberwurf. Ich schließe mit dem Schlüssel (noch einer mit so einem Knauf unten, keine moderne Karte) die Tür auf und mache die Augen zu. Als ich sie öffne, ist das Zimmer kühl und halbdunkel, eng wie ein Schlauch, und ich sehe, es steht nur ein riesiges Bett darin. Es ist auf Brusthöhe auf einer Art Podest. Die Decke ist halb zurückgeschlagen und darunter liegt der Junge mit dem sanften Gesicht, ganz am linken Rand. Es ist gar nicht komisch, ich habe es mir irgendwie gedacht.

Ich lege mich ganz an den rechten Rand. Der Junge spricht meine Sprache (anders als gerade am Eingang) und erzählt eine kleine banale Geschichte von der Arbeit, während ich sofort in den Schlaf hineinrutsche, ein eintöniger Job, vielleicht bei der Post, vielleicht in einer Autowerkstatt. Er erzählt lustige kleine Begebenheiten, als ob wir uns schon lange kennen, er hat einen guten Blick auf die Welt. Er weiß auch magischerweise, was ich lustig finde. Er kennt auch alle Wohnungen, in denen ich schon gewohnt habe. Er kann mich mit seinem Auto dort hinfahren, sagt er. Mein Auto am nächsten Morgen lasse ich dann stehen, mit allem Gepäck, nur die Katze nehme ich mit.

Das war ausgedacht. Ich bin gestern angekommen. Mit gar nicht so schlechter Laune. Obwohl ich in Berlin meine Wohnung nicht auf Anhieb gefunden habe. Hier und da sah ich bekannte Ecken, aber in meinem Kopf fügten sie sich nicht so zusammen wie im tatsächlichen Straßennetz. Ich nahm es nicht so schwer. Es hat nicht alles eine Bedeutung. In meinem Kopf sind die Zeiten durcheinandergeraten und ebenso die Orte.

Auch in der Wohnung ist es so, Möbel, die ich hier und dort erwarte, sind nicht mehr da. Dafür neue Sachen, eine kleine rote Lampe, die ein bisschen schwindelig machendes Pufflicht abstrahlt. Pflanzen in besserer Verfassung, als ich in Erinnerung habe. Leere Fächer im Badschrank, in die meine Sachen hineingehören. Das hat eine Bedeutung. Die Katze läuft schnuppernd überall herum, riecht alles ab, kriecht überall drunter, springt überall rauf. Sie weiß sofort, dass ihr Lieblingsplatz das Schaffell sein wird. Doch auch sie sucht, als hätte sie noch einen Maßstab der früheren Räume im Kopf, die hier in der neuen Wohnung nicht zu finden sind. Und sie kennt ja nur eine andere Wohnung, oder zwei, und ich viel mehr.

Über Julia Jürgens

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