Sammeldusche (Ankommen I)

Als ich vor zwei Jahren aus Freiburg in den Wedding kam, wollte ich nur in Kneipen. Aus der öden Vorabendserie mitten hinein ins Reallife. Hörnertee statt Roibusch, Jägermeister auf Eis. Nicht mehr nach Rosenmilch duftende 40+lerinnen auf dem Münstermarkt, sondern vom Jungmädchensein direkt ins raue Alter geschossene Ladies in Bars. Diese Frauen bleiben hinter ihren tiefen Falten immer 22 oder 26, das Alter und die Stadien danach überspringen sie, die Familie, die Ehefrau. Sie werden alte Mädchen und passen nur in diese Bars, hinter die Tresen, das ist ihr Terrain. An allen anderen Orten sehen sie falsch aus und traurig, zum Beispiel im Supermarkt, in der Bar aber sind sie Legenden, Ladies.

(In der Barrikade hängt ein Foto von William S. Burroughs mit seiner Frau, die, die er erschossen hat, mit dem Apfel. Ich erkannte Burroughs damals nicht, aber die Frau neben ihm, wild und schön, verwechselte ich mit der Frau hinter der Bar. Ich fragte sie tatsächlich, bist du das, früher? Sie lachte, mit allen zusammen, mit dem kehligen Lachen Tausender selbstgedrehter Zigaretten. Ich war aus einer anderen Welt mit falscher Bewunderung, das war auch zum Lachen.)

Jetzt, nachdem ich aus Rumänien zurück bin, ist mir nicht nach Kneipen. Mir ist nach wenig, deshalb gehe ich als erstes ins Schwimmbad, Kombibad Seestraße. Schwimmbäder beruhigen mich. Die gekachelten Flure, das blaue Wasser, die Bademeisteruniformen. (Ich habe mich bisher an allen Bekannten und Freunden vorbeigedrückt. Per Sms und Mail schicke ich ein paar Nachrichten, mehr geht nicht.) In der Umkleide beginnt die Ruhe. Mit jedem Kleidungsstück fällt die Anspannung, auch bei den anderen, die Nacktheit, die man zeigt, ist die Eintrittskarte in einen gemeinsamen Kosmos. Die Frauen sind alle Rentnerinnen, sie kennen sich und reden über ihre Einkäufe und Enkelkinder und Krankheiten. Im Schwimmbecken stehen sie am Rand und reden, falls sie schwimmen, reden sie weiter, mit dem Kopf überm Wasser.

Beim Luftholen am Beckenrand höre ich ihre Gesprächsfetzen. “Die Türken gehen lieber bei rot, das muss ich leider sagen”, sagt eine dicke alte Frau. Bei der nächsten Wende bleibe ich stehen und erfahre, es geht um den Unfall einer türkischen Frau mit ihren zwei Kindern an einer Straßenbahnlinie im Wedding. Sie ist bei Rot über die Schienen gelaufen, das kleine Kind war sofort tot, der Frau musste später ein Bein abgenommen werden. Von dem amputierten Bein kommen die Frauen wieder auf ihre eigenen Krankheiten. Ich schwimme meine Bahnen und schaue auf die schwarzen Streifen am Grund, die es in allen Schwimmbädern gibt, auch in Sibiu. Auf diese schwarzen Streifen gucke ich schon, seit ich klein bin.

Unter der Dusche treffe ich wieder die Alten aus der Umkleide. Alte Körper sind Mysterien. Junge Körper gleichen sich, so wie glückliche Familien sich gleichen, alte Körper sind grundverschieden. Wieso gibt es nicht mehr Fotos solcher Körper? Ich habe noch keine Fotobände über nackte alternde Frauenkörper gesehen, Frauenkörper nebeneinander in Sammelduschen. Wo das Leben eintöniger wird, beginnen diese Körper auszuufern, jeder auf ganz andere Art. An der Hüfte, am Bauch, an den Oberschenkeln, Brüsten, Oberarmen hebt sich das Fleisch aus den gemachten Formen, wuchert oder schrumpft, fällt zusammen, dehnt sich aus, fließt über bisherige Grenzen. Kurz vor dem Ende werden diese Körper eigen, das ist eigentlich ein besonderer Moment. Ich stelle es mir nicht leicht vor, diese Körper zu akzeptieren, aber interessanter anzusehen sind sie jetzt. Sie erzählen ein Leben mit ihren Kaiserschnitten, Brüchen, Krankheiten.

Mir gegenüber sind zwei Frauen, die eine noch immer schmal, nur am Bauch eine riesige Wulst und der Rücken in vielen Falten, die man mit einer Hand anheben kann. Die andere Frau macht das, sie schrubbt mit einem harten Waschlappen dort und am Po und ganzen Rücken der Frau. Dann wechseln sie. Eine Fürsorge, mit der Vögelchen ihre Kinder abgeleckt hat, Pflicht und Zärtlichkeit. Die Frauen sehen meine Blicke. Da sind se wohl neidisch, wa, sagt die eine. Wir lachen. Na, Sie kommen ja noch überall ran, so schlank wie se sind, sagt die andere. Und zu ihrer Freundin: N Rehchen isse noch.

Ich bin ein Rehchen, sie sind Veteranen. Die eine der Frauen zeigt mir, bevor sie geht und ohne dass ich sie frage, noch eine Narbe am Bauch und ihre Kiefernoperation (sie steht dicht vor mir und sperrt ihren Mund weit auf, sie ist aus dem Bett gefallen, drei Zähne raus und alles Matsch). Sie hat das Bedürfnis. Das Bedürfnis, sich zu zeigen, ist immer da. Immer noch, nur der, der guckt nicht mehr. Vielleicht würden die Frauen sich gar nicht ungern fotografieren lassen.

Über Julia Jürgens

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