Lofts and Lives (Ankommen II)

Die Tage fließen so dahin, ich mache eigentlich nichts. Wenn ich etwas mache, verdrängt es Rumänien, das ist die Furcht. An Rumänien denke ich zwar eigentlich gar nicht, aber trotzdem ist es da. Auf der Martin-Opitz-Straße sehe ich die alten Sachsen laufen, Herrn Dahinten und Herrn Schullerus. Zu fast allem, was ich höre, möchte ich asta e sagen oder ce sa fac oder was soll man. Und, bist Du schon angekommen, fragen die Leute. Oder bist Du noch nicht so richtig da.

Ich erzähle etwas aus Siebenbürgen, aber es hört sich nicht richtig an. Es hört sich an, als sei ich dort kurz im Urlaub gewesen und nicht als hätte ich dort gelebt. Für den Ort, an dem man lebt, hat man keine aufgeregten Vokabeln. Aber mit der Entfernung braucht man stärkere Worte, um ihn zurückzuholen und zu beweisen: Ich war dort. Aber wieso überhaupt beweisen. Ich liege auf dem Sofa wie eine Riesenkrake mit gefühlten Hunderten von Armen und Beinen, die herumrudern und nirgendwo Kontakt finden. Ich möchte auch nur so herumliegen und mich in die Lebensgeschichten wichtiger Menschen vertiefen.

Vorgestern haben mein Freund und ich “Gainsbourg” geguckt und seitdem klicken wir uns auf youtube in seinen Chansons, Interviews und Affären herum. So vergeht auch ein Tag. Das Gesicht von Gainsbourg allein, wie er spricht. Ein arroganter Sack, ein Suffkopf und ein Genie. Vierfach, Maler, Musiker, Autor und Eroberer schönster Frauen. Ich will sofort einsteigen, in die Kleider und die Sprache, in seidenem Morgenmantel am Flügel stehen und in ein Mikro hauchen. Bonnie + Clyde, RocknRoll. Nach so einem Film ist das Leben noch schwieriger. Wir sitzen in der Küche und pfeifen, Je t’aime…moi non plus, jeder in einer anderen Tonlage. Meine Jeans sind zu eng, ich bin zu alt, wie ging das nur, plötzlich so schnell zu alt für das Leben, das ich versäumt habe.

Das Nachtleben ist auch anders als im Film. Wir sind im Analog, und Thomas, der manchmal mit einer Hannibal-Lector-Maske herumläuft und auch ohne Maske schon irritierend gefährlich aussieht, ist neben uns am Tresen. Er plappert vor sich hin, von seinem Leben als Schering-Proband, ein bis zwei Versuche im Jahr, davon und von Hartz-4 lebt er. Er sagt, er habe ein “Sozialprojekt”, eine Frau mit Krebs, die er unterstützt. Als wir nachfragen wie, kommt heraus, die Unterstützung besteht darin, dass er ihr seinen “Krieger” geliehen hat, eine afrikanische Krieger-Figur, die er selbst von einem Kölner Bordellbesitzer geschenkt bekommen hat. Thomas will uns den Krieger zeigen und uns dabei ein Sandwich machen. Er sagt, mein Freund habe so ein warmes Gesicht, er hätte das auch gern. Er sieht aber so unruhig und unverlässlich aus, wie er wahrscheinlich ist. Das sind keine guten Geschichten. Es sind  zwar die echten, aber sie sind nicht RocknRoll, nicht mal Punk, einfach Trist. Die Menschen hier können die Tristesse nicht hinnehmen, sie müssen sie laut und schrill ausstellen.

Der Abschluss ist gestern eine Party in der Uferstraße, eine Loftparty eines Künstlerpaars. Ein dreijähriges Mädchen in UggBoots läuft im ZickZack um die Menschen herum wie eine bewegliche Installation. In dem hohen leeren Raum sehen auch die Menschen aus wie Installationen. Alle sehen auch aus wie jemand anderes, Berühmteres (obwohl sie sich offensichtlich bemühten, so auszusehen wie kein anderer). Einer wie Andy Warhol, groß, dünn, aschblond mit diesem durchsichtigen Blick, einer wie Morrisey, eine Frau hat ein Schneewittchenkleid an. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, an wen ich hier ein Wort richten könnte und wenn ja welches.

Die Frau des Künstlerpaares ist 40 geworden. An einem Tisch in der Ecke des Raumes gibt es Rinderrouladen, der Tisch ist fein gedeckt. Vielleicht hat die Frau ihr Leben hierherverlegt, in diesen Loft, denke ich, damit sie Rinderrouladen servieren kann, wie ihre Mutter sie serviert hat, aber ohne die bürgerliche Aura. Ich kenne die Frau nicht, aber ich habe es schon bei anderen beobachtet. In Lofts, je weniger sie wie bürgerliche Wohnungen aussehen, platzieren Menschen mit Freude die Dinge, die sie eigentlich als spießig verabscheuen. Urlaubs-Diashows, Kinder, Kamine mit Sofa-Sitzgruppen, Gardinen. Ich bin dafür nicht raffiniert genug, für solche Codes wie hier im Loft. Die Doppelbödigkeit oder Komplexität, da endet meine Einfühlungsfähigkeit. Ich muss mich quasi auf die Zehenspitzen stellen, um etwas zu erkennen, und es sind nur kurze Blitze. Ich kann sie nicht greifen. Das muss man einsehen. Ich gehe jetzt zurück aufs Sofa.

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Über Julia Jürgens

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