Hotel Negresco

Das Hotel Negresco steht wie eine große weiße Festung an der Promenade des Anglais in Nizza. Hotel führt eigentlich in die Irre, es ist ein Palast, eine pompöse Ausschweifung mit barocken Kuppeln, pinkfarben. (Gustave Eiffel persönlich hat sie angeblich nach der Brust einer Geliebten modelliert, nachdem er das Modell eines männlichen Geschlechtsteils ja schon in Paris aufgestellt hatte und damit zu Weltruhm gelangt war).

Der Bauherr des Hotels, das das erste Luxushotel in Nizza wurde, war jedoch Henri Negresco. Henri Negresco, ursprünglich wohl Negrescu, wurde 1868 in Bukarest geboren. Er wanderte nach Paris aus, begann dort als Kellner, kam an die Cote d’Azur und wurde Direktor des Casinos in Nizza. Das allein ist schon eine erstaunliche (wir sind in Europa!) Karriere. Doch Henri Negresco hatte einen viel größeren Traum. “Alsbald beabsichtigte er, ein Luxushotel im Stil der Belle Epoque zu bauen, das nur die wohlhabendsten Kunden der Welt beherbergen würde” las ich bei Wikipedia.

 

Alsbald beabsichtigte er – was bedeutet alsbald? Wie schnell reifte diese Idee in Henri Negresco, woher hatte er sie und wie bald führte er sie aus? Wie konnte er die Finanziers überzeugen? Hat er gar nicht gezögert? Es stand sicher seine Existenz auf dem Spiel. (Ich sehe das in meinem Lebenslauf “Alsbald beabsichtigte J.J., ….”, was immer sie beabsichtigen könnte. All die Schlenker und Unsicherheiten, die Zufälligkeiten, die sich im Leben ergeben. Damit sind sie begradigt, eine alsbaldige Absicht macht ihnen den Garaus).

Aber weiter: Negrescos Absicht wurde ausgeführt und 1913 das Hotel “in Anwesenheit von sieben gekrönten Staatsoberhäuptern eröffnet”. (Sicher war doch Wilhelm II dabei und Kaiser Franz Josef, Zar Nikolaus wie der rumänische König Karl. Frankreich war ja schon Republik). Hat Henri Negresco eine Rede gehalten? War seine ganze Familie aus Bukarest angereist, all die dicken Tanten, Kusinen, Onkels, die in zu großen Anzügen um ihn herumstanden, stolz und verlegen, und in der Umgebung all der Könige gern einen Schnaps getrunken hätten. Henri war 45 Jahre – es war sicher der Tag seines Lebens.

Leider war es der Höhepunkt sowohl von Henri als auch vom Hotel Negresco. Es kam eine kurze Blüte und dann der Erste Weltkrieg, der alles zunichte machte. Das Hotel wurde in ein Lazarett umfunktioniert. Henri Negresco ging bankrott und wurde krank. Auch nach Ende des Krieges erholten sich beide nicht, das Hotel wurde verkauft, Henri starb (1920). Was für eine bittere Lebensgeschichte eines Mannes, der auszog, alsbald Kühnes zu beabsichtigen. Das Luxushotel als Lazarett. Die feinen Damastlaken in Stücke gerissen, um Wunden zu verbinden. Die gestärkten Schürzen und Hauben der Köche blutbefleckt an Chirurgen. In den Speisekammern liegen Beinstümpfe, in den marmornen Fluren, durch die gerade noch Aristokraten wandelten, humpeln auf Holzkrücken Veteranen. Höhnischer kann der Lebenstraum eines Einzelnen doch nicht vernichtet werden. Der Krieg hat die ganze Welt ins Elend gestürzt, aber hier hat das Schicksal die vielleicht zu hochfahrende Idee eines Menschen buchstäblich massakriert, wie im antiken Drama.

Ich ziehe vor Henri Negrescos’ Hybris den Hut. Heute ziehen Deutsche, bezahlt von der GTZ, durch rumänische Dörfer, um den Bauern die Idee von westlichem Tourismus einzutrichtern. Das ist Arroganz. Hier zieht ein Rumäne nach Frankreich und zeigt den ästhetisch nicht gerade unsicheren Franzosen, wie man ein Luxushotel baut. Das hat Stil. Nur ein Krieg kam ihm dazwischen.

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Über Julia Jürgens

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