Letztlich lag es an den Tieren

Je länger ich aus Rumänien weg bin, über ein Jahr ist es her, desto öfter denke ich, dass ich gescheitert bin. Und dass es letztlich an den Tieren lag. Meine Heimkehr war von außen gesehen eine arbeitsvertragliche Konsequenz, aber ich weiß, ich bin geflüchtet.

Ich habe die Aufgaben, die ich hatte, fallenlassen wie bei Bombenalarm, die Arbeit, an der ich mit Passion und großem Interesse gearbeitet habe. Ich habe die alten Menschen in ihren alten Häusern in den Dörfern zurückgelassen, ihre einstürzenden Kirchen, die Țiganien, die Nachbarin, die jeden Morgen in unfassbarer Langsamkeit über den Hof zum Plumpsklo schlurfte und die ihr Radio nachts aufdrehte, weil sie so gehörlos und einsam war. Die Zigeunerin aus Făgăraș, die einmal im Monat wie selbstverständlich ins Haus fiel und sich aus der Küche Lebensmittel mitnahm, sie prüfte genau, was sie brauchte, Öl, Zucker, Spaghetti, Schokolade, bei Kartoffeln lächelte sie, die hatte sie ja selber.

Die letzte Sächsin aus Merghindeal, der ich versprach, beim Bezirksamt für ein elektrisches Kirchengeläut vorzusprechen (was ich versäumte), deren verlebte Wohnung ich aber detailliert wie ein Gerichtsvollzieher fotografierte.

Ich habe nicht nur verlassen, sondern auch verraten die kleinen Katzen in der Dorfgasse in Ticușu Vechi, die toten Katzen in den Straßen von Sibiu und auf allen Landstraßen Transsilvaniens, und natürlich die Menschen, die mir ihre Geschichten erzählt haben und vielleicht erwartet, dass ich sie aufschreibe. Und damit die Traditionen der Siebenbürger Sachsen bewahre, wie es meine selbsternannte Mission war. Ich konnte sie aber nur einsammeln. Mit ihrer Last in den Armen bin ich kurz vorm Ziel gestorben wie mein Urgroßvater Karl beim Hamstern von Kartoffeln im Ersten Weltkrieg. Mit den erbeuteten Säcken in den Händen stand er vor der Haustür in Gotha und bekam einen Schlaganfall, bevor meine Urgroßmutter ihm öffnen konnte. Die Kartoffeln kullerten auf den Boden. Die Suppe haben andere gegessen.

Ich hatte also doch nicht den Magen für Rumänien. Geschluckt habe ich alles, was ich gesehen habe, aber dann konnte ich nicht verdauen. Gierig geschluckt und bekam kaum genug an Bildern und Geschichten, und dann habe ich sie wieder ausgespien. Und das war wegen der Tiere.

Es gab den Hund, der auf dem Weg nach Bistrița vom Fahrzeug vor mir überfahren wurde. Vor seinem Maul auf der Fahrbahn entrollte sich ein roter Streifen, ähnlich dieser Papiertrompeten, in die man an Fasching hineinbläst, und die sich mit einem Tuten aus ihrer Schneckenform entwinden. Es sah aus, als bliese der Hund in so eine Papiertröte, eine knallrote. Der Hund hob sein Hinterteil und warf beide Beine in die Luft, seinen Kopf und die Vorderbeine konnte er nicht mehr bewegen. Er bellte aufgeregt, und ein anderer Hund und eine Frau liefen auf die Straße, der andere Hund wedelte mit dem Schwanz, die Frau lächelte glasig, wie jemand, der in einem wichtigen Handel betrogen worden ist. Beide standen dort, es passierte nichts. Ich konnte nicht weiter hingucken und fuhr weg.

Es gab auch die Katze, die vor meinem Fenster in ein Hunderudel geriet. Das war nur einen Tag später. Ich wurde nachts wach und sah, wie sechs große Hunde eine Katze jagten und sie wie einen Ball einander zuwarfen. Ich schüttete Wasser hinunter, aber nur aus einem Halbliterglas, einen Eimer fand ich so schnell nicht, auch keine Eier, sondern nur zwei Zitronen, die ich warf und von denen sich die Hunde nicht stören ließen. Nur in Unterhosen und Unterhemd, mit zitternden Knien lief ich dann hinunter und stand im Hoftor direkt vor der Szene. Die Hunde schauten sich nicht mal nach mir um. Es gab nichts zu tun für mich. Ich konnte nur sehen, worüber ich bis dahin nur gehört hatte, the survival of the fittest. Die Katze war nicht fit. Ich hatte es sicher auch in Tierfilmen schon gesehen, aber die gnadenlose Natur so nah…

Mir, in Unterwäsche im Hoftor in der Unterstadt von Sibiu nach Mitternacht war klar, ich bestehe in Rumänien nicht. Ich bestehe gegen die Natur nicht, gegen ihre Rohheit, auch gegen meine eigene. Ich habe keinerlei Überlebensqualitäten, ich kann kein Lagerfeuer entzünden, ich habe noch kein Tier, kein größeres getötet. Ich habe in meinem Leben noch nicht einmal eeinen Toten gesehen. Im Zweifelsfall kann ich Leben nicht verteidigen.

Und dann kam die Geschichte, die Steve mir von seinem Schauspiel-Kollegen Rareș erzählte: Rareș‘ Großvater, der in Rașinări lebt, hatte mit dem typischen Dorfkatzenproblem zu kämpfen. Seine Katze warf mehrmals im Jahr Junge. Das war nicht ihre Entscheidung, aber der Großvater meinte, die Katze wäre von Sex und freiem Willen besessen und könne Moral durch Strafe lernen. Hatte die Katze also Junge geworfen, brachte er die Kitten auf den Dachboden und verschloss die Tür. Er ließ die Mutterkatze vor der Tür sitzen und sie das Fiepen ihrer Brut hören, bis sie verdurstet war. Die Katze wurde jedesmal fast wahnsinnig. Aber sie wurde auch immer wieder schwanger.

Diese Geschichte fasste mich wie eine kalte Hand morgens, wenn ich aufwachte, und meine eigenen Katzen vor der Tür miauen hörte. Unmöglich, dass ein neuer Tag schon wieder da war, und ich die Augen aufmachen und noch mehr sehen musste. Mein Blick wurde vor Angst klein und eng wie eine Kameralinse bei Licht und richtete sich in irrem Fokus auf die Katzen, meine Katzen. Ich konnte sie nicht beschützen. Rumänien würde sie bei lebendigem Leib zerfetzen. Und ich würde zugucken, denn etwas anderes konnte ich nicht, ich konnte weder töten noch beschützen. Ich war keine Löwenmutter, ich war ein degeneriertes Zootier. Ein domestiziertes Tier ohne Instinkte, ausgesetzt in der Wildnis. Verglichen mit den anderen Tieren um mich herum, war ich einsam und lächerlich. Vielleicht war Rumänien barbarisch, aber das machte mich nicht menschlich.

Mein Blick war korrumpiert, es war nicht rückgängig zu machen und er machte alles, was er einfing, schäbig. Der kalte Blick, er fiel mir auf die Füße. Ich betrachtete die Filme über Bräuche in siebenbürgischen Dörfern mit einem Ekel, als hätte ich Kinderpornos gedreht. Ich begann bei der Liturgie der Kirchenszenen und selbst bei den Tanzmärschen zu weinen. Ich sah in allen Aufnahmen nur mein großes, offenes, eigenes Auge. Nicht ohne Grund gibt es Flaneure in Paris und Berlin, aber nicht in Bukarest oder Sibiu. Teilnamslose Beobachtung demoralisiert den Beobachter.

So zerrann das Erbe der Traditionen der Siebenbürger Sachsen in meinen Händen. Ich schaffte es, einige Teile davon zu erfassen. Ein beträchtlicher Teil steht unbearbeitet in Ordnern in meinem Abstellraum, fern meiner Blicke. Ich habe mein Äußerstes versucht. Aber am Ende sagte ich Gesprächstermine auf den Dörfern ab, weil ich zuviel Angst vor den Autofahrten hatte. Vor meiner Kamera brach eine Epoche zusammen, aber in meinem Kopf rollte sich die Blut-Trompete des Hundes ein ums andere Mal auf und ab. Entweder, sagte ich mir, du machst die Augen auf für beides, oder du lässt sie zu.

Ich fuhr nach Hause, mit letzter Kraft und in Begleitung der Katze, dem einen Wesen, das ich doch gerettet habe. Natürlich hatte ich vom ersten Tag an in Berlin Sehnsucht nach Rumänien. Die weiten Landschaften ohne Zäune mit Schafherden, diese Schönheit! Ich konnte sie jetzt wieder sehen, hinter meinen Augenlidern, wenn ich morgens aufwachte, in Farben, wie sie so kräftig in echt gar nicht sind. Ich hörte die Colinde von Stefan Hrușca wie auch jetzt zu Weihnachten und dachte, wo man solche Lieder singt, da ist all das, was wir verloren haben, Hingabe, Ursprünglichkeit, Natürlichkeit…Die Natur ist jetzt weit weg.

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Über Julia Jürgens

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