Făgăraș I

Es ist der 2. Januar. Die Stadt ist leer.

Wir kommen in Făgăraș an, und es ist, als betritt man eine Schule während der Ferienzeit. Die gleiche Stille der Abwesenheit. Die Fensterläden der niedrigen grauen Häuser sind verrammelt, die Häuser selbst verschwinden im trüben Himmel und im Rauch darunter. Der Rauch macht den Blick auf alles ein wenig unscharf, so als blicke man durch ein Fliegengitter. Wir laufen vom Bahnhof ins Zentrum. Kein Mensch und als Geräusch nur ab und an ein Hundebellen hinter den Haustoren aus Blech.

Der einzige Mensch, der mit uns aus dem Zug auf den Bahnsteig gefallen ist, ist mit seinem Hab und Gut im Bahnhofs-Wartesaal zurückgeblieben, auf einen langen Stab gestützt wie ein Schäfer. In dem großen leeren Saal fing er an, laut zu singen, ein Weihnachtslied, Zăurel Zăurel, eines der schönsten. Es hallte sakral, für einen Moment war es feierlich. Wir sind zurück in Făgăraș.

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Wir kommen aus Sibiu, vom dicht gefüllten Marktplatz, wo die Menschen auf der künstlichen Eisbahn vor der katholischen Kirche Schlittschuh laufen. Vorgestern hat Bürgermeister Klaus Johannis hier von einem prosperierenden Jahr, einem guten Jahr gesprochen und die Stadt ins neue Jahr gezählt, nouă, opt, şapte, şase…Ein paar in die Jahre gekommenen Rockstars sangen It never rains in Southern California. Die Luft klirrte vor Kälte, nach dem Feuerwerk strömten die Menschen schnell in die Unterstadt, nach Hause.

Auch in Făgăraș hat es ein Feuerwerk gegeben. Auf dem Piaţa Republicii liegen die aufgeweichten Knallkörperreste wie die letzten Zeichen der Menschheit. Die Menschheit ist aufgebrochen und hat zurückgelassen, was nicht zu verwerten war. Das blinkende Drahtgestell in Schneemannform und eine rote Rakete, die eigentlich ein Weihnachtsbaum ist, aber vor Lichtbehang nicht mehr zu erkennen ist.

Auf der Str. Mihai Eminescu kommt uns schließlich Leben entgegen, zwei vermummte Kleiderbündel, aus denen vor Zahnlosigkeit schiefe Gesichter blicken und nach einem Leu fragen. Dann drei Straßenhunde, die gut genährt aussehen und miteinander balgen. Dann drei Kinder, die schon die verbrauchten Gesichter der Alten haben und an uns vorbeiblicken. Wo sind die anderen, möchte ich unwillkürlich fragen, sind die schon alle los? In welche Richtung?

Auch das Schloss ist mit Lichterketten behängt, silbern, und die primărie, das Bürgermeisteramt. Es leben ja noch Menschen in Făgăraș, sie sind, auch wenn man das im  ersten Moment nicht glauben kann, innen in ihren Häusern oder in Spanien, Italien, Deutschland, bei Verwandten und Freunden. Es sind nicht alle fort – nicht wie in Iitate-mura.

Ich habe Bilder gesehen, aber erst Tage später in Berlin, bei einer Diskussion zum Anthopozän, dem Zeitalter des Menschen. Es waren Fotografien aus diesem kleinen Ort in der Präfektur Fukushima, der nach dem Reaktorunglück evakuiert wurde. Sie atmeten die gleiche Stille. Leere Häuser, Spielplätze, eine Stadt ohne Bewohner, nur die Alten sind geblieben, sie kümmert die Strahlung nicht. In Rumänien habe ich diesen Satz so oft gehört, vor allem auf dem Land, in den von den Deutschen verlassenen Dörfern. Geblieben sind nur die Alten, die Kranken und die Verrückten.

Städte werden weniger gleichgültig aufgegeben als Dörfer. Sie können auch nicht verschwinden, die Natur hilft nicht, sie ist einbetoniert und kann sich nichts zurückholen. Bürgermeister sind bezahlt, Strategien zu entwickeln und von einem „historischen“ und einem „modernen“ Stadtkern zu sprechen, auch wenn der historische Stadtkern sich an ein paar versteckte Kirchen und wenige, mühsam stehende Fassaden klammert. Der moderne Kern, das sind die Wohnblocks, die Ceauşescu als Schneise durch die Altstadt schlug, entlang eines bulevards, auf dem er staatstragend entlangfahren konnte, – und die Kathedrale. Sie ist seit Jahren im Bau und hat monumentale Ausmaße und, zum Trotz oder Trost, riesige vergoldete Kuppeln.

Noch größer als die Kathedrale ist das Chemiekombinat am Rand der Stadt. Es ist ein Monument, eine Ruine. Allen zu veräußernden Materialien entkleidet, ragen die Mauerreste nackt in den Himmel, unbeleuchtet. Fast die ganze Stadt kam hier täglich zusammen, 10.000 Arbeiter produzierten Ammoniak, Phenol, Plastik und Explosive in allen Spielarten, für die ganze Welt und, illegal, für die Familie. (Zum Beispiel Benzin, das sie aus einer Chemikalie gewannen, die kurz bevor sie sich in TNT verwandelte, treibstoffähnlich war. Das trug man in Wannen nach Hause und füllte es sich in den Tank, mit den rationierten 20 Litern pro Monat kam man nicht weit).

Bis 1990, dann wurde alles stillgelegt. Nur ein kleiner Teil produziert heute noch und beschäftigt ein paar hundert Menschen.

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Über Julia Jürgens

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2 Antworten zu Făgăraș I

  1. info schreibt:

    Fogarasch, rumänisch Făgăraş, ungarisch Fogaras, siebenbürgisch-sächsisch Fugresch*, liegt im Kreis Kronstadt (Braşov) in Siebenbürgen, Rumänien.
    Eine Erklärung bezüglich der korrekten Benutzung der deutschen Ortsnamens in Siebenbürgen.
    Die meisten Ortschaften Siebenbürgens besitzen drei Namen, einen deutschen, einen rumänischen und einen ungarischen, deren Gebrauch sich nach der jeweils gesprochenen Sprache richtet. Spreche ich mit einem Rumänen deutsch, nennt auch er meine Heimatstadt „Hermannstadt“, sprechen wir rumänisch, sage auch ich „Sibiu“. In den deutschsprachigen Zeitungen Rumäniens wird der Name „Hermannstadt“ gebraucht und an den Ortseingangsschildern steht der deutsche Name überall neben dem rumänischen. Wir sprechen hier ja auch von Mailand und Florenz, von Prag, Warschau und Moskau und auch von Königsberg und Breslau.

    • iulialui schreibt:

      Danke für den Kommentar! Die Dreisprachigkeit der Gegend ist mir wohlbekannt, ich habe zwei Jahre in Siebenbürgen gelebt. Wenn auf dem Ortsschild der Ortsname in drei Sprachen steht, habe ich, sofern ich die Sprachen spreche, die Wahl, jeden dieser drei Namen zu benutzen.
      Da in Fagaras heute überwiegend Rumänisch gesprochen wird, habe ich also den rumänischen Namen gewählt.
      Ich verstehe, dass Fagaras in Ihren Ohren empfindlich anklingt. Es geht in meinen Beschreibungen aber eher um die rumänische Prägung der Stadt, die Prägung der letzten Jahre. Aus diesem Grund heißt es nicht Fogarasch – auch wenn ich mit der deutschen Prägung der Stadt, auch der heutigen (durch die Ev. Kirche) vertraut bin. Mit freundlichen Grüßen, Iulialui
      P.S. Übrigens erlaube ich mir, als Aussenstehende, mal Sibiu und mal Hermannstadt zu sagen, und spräche ich Ungarisch, würde ich auch auch den Ortsnamen auf Ungarisch der Abwechslung halber einmal nennen – ich kann ihn aber nicht mal schreiben.
      P.P.S. Ich würde auch Berlin gern in mehr als einer Sprache benennen können. Auf Türkisch zum Beispiel. Es lebe die Vielfalt!

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