Făgăraș II

Als ich 2008 zum ersten Mal nach Făgăraș kam, um ein Jahr zu bleiben oder länger, war es Sommer. Die Hitze milderte den Eindruck von Ausgestorbenheit, und die Tage waren eine endlose Siesta, deren Sog mich sofort erfasste. Ich kam mit falschen Vorstellungen. Wenn man Rumänien nicht kennt, kann man sich von Făgăraș unmöglich richtige Vorstellungen machen. Dass ich überhaupt Vorstellungen hatte, lag an Eginald Schlattner, dessen Buch „Der geköpfte Hahn“ ich gelesen hatte. Das Buch beschreibt die Jugendzeit des Autors in Fogarasch, er wurde in den 30er Jahren dort geboren. Man badete im Olt, baute Flöße und Höhlen und erlebte die Attraktivität von Jungen wie Mädchen, die Vielfalt der Sprachen und Kulturen – rumänisch, ungarisch, jüdisch, deutsch – als Selbstverständniskeit, die durch den Krieg herausgefordert, aber nicht zerstört werden konnte.

Als ich nach Făgăraș komme, ist der Fluss schon seit Jahrzehnten verseucht. Stattdessen badet man, sofern man es sich leisten kann, in der Laguna Albastră, der Blauen Lagune, hinter der neuen PLUS-Filiale am Ortseingang. Ein Spaßbad mit einer Bar mitten im Pool. Es wird hauptsächlich für Hochzeiten gemietet und ist für den Normalverdiener unerschwinglich. Am adus marea la munte lautet der Werbespruch der Lagune, wir haben das Meer in die Berge gebracht. Dort verbringe ich den ersten Tag.

Irgendwann nach ein paar Wochen wollte ich mehr von der Stadt sehen, und da ich kein Fahrrad hatte, setzte ich mich in eines der Taxis, die in der Str. Libertății auf seltene Kundschaft warten. In den mir möglichen rumänischen Infinitiven erklärte ich, der Taxifahrer möge doch einfach eine Runde drehen und an interessanten Orten anhalten. Der Taxifahrer fuhr eine Runde um den Kreisel an der neuen Kathedrale, die damals noch keine Kuppeln hatte, und deutete auf sie und auf die alte Burg im Hintergrund. In der anderen Richtung zeigte er auf die Berge. Dann hielt er an.

Ich wollte weiterfahren und fragte: Piața..? Combinatul..? Er drehte sich zu mir um und sagte: Dar nu-i nimic! Făgăraș e mort, e mort! (Aber es gibt nichts! Fogarasch ist tot, tot!) Die letzten Worte schmetterte er mir entgegen. Er sah mich wütend an, als wäre ihm diese Erkenntnis erst durch meine Nachfrage gekommen und würde nun alles noch schlimmer machen.

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Wieder ein halbes Jahr später konnte ich mich besser verständigen und versuchte es noch einmal: Ich wollte mir von jemandem, der hier geboren und aufgewachsen ist, die Stadt zeigen lassen. Es ging um ein Projekt, das ich vorhatte. Eine persönliche Kartierung der Stadt, entlang der Biographie der Menschen. Ich wollte einzeichnen, wo die Schulwege entlangliefen, wo der erste Kuss stattgefunden hatte, wo die Leute sich abends getroffen, wo sie gestanden hatten, als Ceaușescu im offenen Wagen vorüberfuhr. Was war da gewesen, wo heute die Blocks standen, wo war das Schrecklichste passiert, das sie in den Straßen von Făgăraș je gesehen hatten, und wo das Schönste? Die persönlichen Koordinaten der Stadt. Es gab damals gar keinen Stadtplan, keinen offiziellen, nicht mal die Touristikagentur hatte einen.

Das Projekt realisierte sich aus verschiedenen Gründen nicht, die Stadtführung schon. Alin sei Dank. Alin war Chefredakteur der kleinen Wochenzeitung in Făgăraș, dem Monitorul. Er war etwa so alt wie ich und sein Humor so schwarz wie seine Kleidung. Alin erklärte mir die Stadt und alles, was ich wissen wollte, er erzählte in einer ruhigen, etwas resignierten Art, als hätte er bereits etliche Male, vor Hunderten von Leuten, das erzählt, was er mir jetzt erzählte, aber kein einziger hatte es je verstanden. Und so ähnlich war es auch.

Alin hatte etliche Skandale der Stadt aufgedeckt, so sagte mir sein Freund Mircea. Korruption, Betrug bei der Vergabe von Bauaufträgen, die Tatsache, dass in Făgăraș drei Personen für die Konzeption von EU-Projekten und die Akquise von EU-Geldern beschäftigt waren, in den vergangenen Jahren aber kein einziges Projekt eingereicht worden war. Und so weiter. Für 650 Lei, 150 Euro im Monat, recherchierte Alin, schrieb kritische Artikel und bekam Drohbriefe von den Provinzmogulen und Achselzucken von der Masse. Es interessierte niemanden, was vor sich ging, weil es sowieso alle wussten. Man wollte nicht noch mit der Nase darauf gestoßen werden. Das Leben war zu zäh, zu lange zu schwer gewesen und war es noch.

Eine Geschichte von Alin blieb mir im Gedächtnis, auch sie hatte keinerlei Aufsehen erregt, obwohl sie für jedermann, der in Făgăraș lebte, unumgänglich war, buchstäblich. Ich jedenfalls konnte nie wieder an der Verkehrsinsel vorbeilaufen, ohne daran zu denken. Die Insel ist das Herz im Zentrum des „modernen“ Făgăraș, sie bringt den Endlosverkehr der E 68, der Europastraße, die von Szeged nach Braşov führt, in einem Kreisverkehr zu einem kurzen Halt. Auf dem Kreisel befindet sich ein aufgeschütteter Erdhügel mit hellen Steinsbrocken. Unter ihm liegen die Gebeine der Veteranen der Weltkriege, auf jeden Fall des Ersten und ich glaube auch des Zweiten.

Ein orthodoxer Pope hat sie vor einigen Jahren vom Friedhof hierher bringen lassen. Er wolle ihnen im Zentrum ein Monument errichten. Er habe ordentlich Geld für die Leerung der Gräber kassiert, sagt Alin. Um die Toten, denen doch zumindest Ruhe gebührt, kreisen nun tags und nachts Tausende von Autos, Lastern und Bussen. Gekennzeichnet ist das Veteranengrab nicht, ein Monument wurde nicht gebaut, das Geld floss in andere Projekte, private vermutlich. Im Sommer blühen wenigstens Blumen darauf.

Soldatenknochen unter einer Verkehrsinsel, da stockt bei allem Pazifismus der Atem. Die E 68 ist, in Ermangelung einer Autobahn, eine der großen Handelsstraßen, die über Ungarn und Serbien nach Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland führt.

Der Weg nach Europa führt über Leichen.

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In der Agenţia Turismului habe ich in diesem Winter eine Postkarte von Făgăraș gefunden, sie zeigt ein auf eben dieser Verkehrsinsel stehendes Pferd mit Reiter. Quo vadis steht auf der Postkarte.

Vielleicht, dachte ich da, ist der Kreisverkehr eines der interessantesten Mahnmale des Landes, eines der ehrlichsten und schonungslosesten Europas. Quo vadis, Rumänien? Wo bist du hingekommen, Europa? Die Veteranen von Făgăraș liegen unter der strada Europa, als seien sie dafür gestorben, dass PLUS und Kaufland mit Milchschnitte und deutscher Marmelade beliefert werden. Für einen Moment halten sie im Kreisel den Verkehr auf und mahnen an. Nationale Selbstironie? Ein Mahnmal des Irrsinns? Ein neues Kapitel transeuropäischer Erinnerungskultur womöglich. Es ist nicht einfach zu fassen.

Wenn es auch mort ist, mit diesem Monument ist Făgăraș einzigartig.

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Über Julia Jürgens

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2 Antworten zu Făgăraș II

  1. emilian schreibt:

    Erstmal möchte ich sagen das ich den Artikel sehr interessant fand, die Sicht eines fremden über meine heimatstadt Fagaras.
    Ja, die Stadt ist leider „mort“, wie viele kleine Städte Rumäniens aber genauso wie auch viele kleinere Städte der ehemaligen DDR obwohl die noch Glück hatten mit der Vereinigung und den Geld das heute noch richtung osten fließt. Wäre dies ganze Geld nicht da, würde es in vielen kleinen Städten von Ostdeutschland viel mehr mort sein.
    Respekt für das interesse an Fagaras und das sie da ein ganzes Jahr ausgehalten haben.
    Zu den Kreisverkehr mit seinen toten aus den ersten ( zweiten) Weltkrieg, das kann man den Popa und den damaligen Bürgermeister „danken“ und warscheinlich bestimmter interessen die dahinter stecken.
    In den kommenden Jahren hat sich auch in Fagaras was getan, die Katedrale hat endlich auch einen Turm, schön vergoldet :)) und das ganze hat bestimmt schon so viel Geld verschluckt das man damit auch 2 Katedralen bauen könnte ( dank den popa). ….. der Kreisverkehr ist immer noch da, samt ihren toten aus den beiden Weltkriegen und ohne einen Monument. Es ist nun auch nicht alles von heute auf morgen machbar, Fagaras ist ein kleines Nest in Rumänien und da drehen sich die Uhren noch etwas langsamer, aber sie drehen sich…… genauso wie die Autos im Kreisverkehr, etwas langsamer

    • Julia Jürgens schreibt:

      Lieber Emilian, danke für Deinen Kommentar!
      Ich war seitdem auch schon wieder in Fagaras, und es tut sich tatsächlich einiges. Trotzdem wird es wahrscheinlich lange dauern, bis der Ort eine neue Identität findet. Die Kathedrale gibt ihm sicher keine – da hilft auch die kilometerweit leuchtende Goldkuppel nichts (:….Auf jeden Fall hat Fagaras viele interessante Geschichten zu erzählen, und ich komme immer gern auf einen Besuch zurück. Das liegt vor allem an den Menschen, die ich dort kennengelernt habe. Liebe Grüße Julia

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