Făgăraș III

Mircea sagt, die Stadt habe so viele Kneipen wie Arbeitgeber, 22 Stück. Er selbst hat eine davon, den KodakClub. Der KodakClub liegt im Keller einer ehemaligen koscheren Schlachterei, in der Nähe vom Radu-Negru-Lyzeum. Jeden Donnerstag gibt es Karaoke, am Wochenende manchmal Live-Bands, während der Woche ist der Club meist leer. Der KodakClub, etwa 150 m² groß, wabert in Rauschwaden, auch wenn kaum Gäste da sind wie heute. Mircea und sein Bruder, denen die Bar gehört, rauchen fast ununterbrochen, und die Kellnerin auch. Mircea holt gute Live-Gigs hierher, junge Bands, die er irgendwo entdeckt hat und großmachen möchte und manchmal auch Stars wie Ada Milea.

An diesem Abend sieht Mircea müde aus. Seine Lider hängen tiefer, als ich es in Erinnerung habe, und der graue Bart ist neu. Er sieht interessanter aus als in meiner Erinnerung. Sein feiner Oberlippenbart von damals und die Art, wie er sich geschmeidig durch den Raum bewegte, hatten etwas von einem italienischen Kellner; er lächelte immer zu höflich und demütig, um auch nur irgendwie sexuell zu sein. Jetzt hat er diesen vollen Bart und ein sanftes Lächeln, das auch neu ist. Es verheißt eine melancholische Akzeptanz der Umstände (der leeren Bar, des eigenen Lebens, ich weiß nicht wovon) und ist darin sehr anziehend. Einem Lächeln, das so wenig erwartet, möchte man viel geben. Auf der Stelle, ein bisschen was wenigstens.

Melancholisch ist nicht verzweifelt. Einen Schritt von der Lebendigkeit seiner Gäste entfernt, sitzt Mircea in mioritischer Abgeklärtheit auf seinem Barhocker. Er wartet, was kommt, in freundlicher und teilnehmender Weise. Er macht sich nichts vor und wird dabei nicht zynisch. In freischwebender Aufmerksamkeit ruht sein Blick auf den Gästen, wie der eines Hirten auf seinen Schafen. Warmherzig begrüßt er jeden, der hereinkommt und ist offen für das, was er oder sie mitbringt. Mircea kennt jeden in der Stadt, der in irgendeiner Weise initiativ und wach ist, und diese Menschen hält er sich vor Augen, wenn er an die Zukunft denkt. Natürlich weiß er, dass 95 % aller Jugendlichen nach dem Abitur die Stadt verlassen, ein Fünftel davon vielleicht das Land.

Als Barbesitzer hat er so viele kommen und gehen sehen. Ich stelle mir einen deutschen Wirt vor, der täglich bis in die Morgenstunden in der Kneipe sitzt, in die er sein all sein Erspartes gesteckt hat, und von der er nun gerade mal leben kann, von der Hand in den Mund. Er wäre ein Trinker oder verbittert, ein Idiot oder längst weg. Mircea ist nichts davon. Er bleibt einfach und guckt.

Er war 17 Jahre in Hamburg, Hamburch sagt er, und ist dann zurückgekommen, 2008. Heimweh. Das Gefühl, in Deutschland an eine Decke zu stoßen, die ihn nicht durchließ. Vor Arbeit immer müde zu sein und zu wenig Zeit zu haben, das Geld auszugeben, das er als Tontechniker verdiente. Sorgen um die Eltern, die ohne ihn alt wurden. Da hat er vor fünf Jahren mit seinem Bruder in Făgăraș den KodakClub aufgemacht.

Jetzt, im Januar 2013, sitzen Eva und ich an der Bar, und Mircea erklärt uns die Kartoffelkrise. Vorletztes Jahr fiel der Kartoffelpreis im Land auf ein Rekordtief von 0.4 Lei pro Kilo. Das sind 0.09 Cent. Die Kartoffelkrise hatte ganz Europa erfasst, aber hier deckte der Ertrag nicht mal das Benzin, das die Bauern für die Trecker verbraucht hatten, um die Ernte einzufahren. Die Großhändler und Supermärkte kauften Importware, die polnischen Kartoffeln waren billiger und auch besser, hieß es, und die Bauern blieben auf ihren Kartoffeln sitzen. (Dabei hätte die Menge der in Rumänien geernteten Kartoffeln, 3,55 Millionen Tonnen, das googele ich später, für den heimischen Markt gereicht.)

Jetzt vergammeln die Kartoffeln in den Scheunen und die Bauern, vom Staat halbherzig dazu aufgerufen, auf keinen Fall Land zu verkaufen, müssen genau das tun. Es klingt so simpel und doch ist die Dynamik und die Ortung der Strippenzieher so schwierig, dass ich immer Kopfschmerzen bekomme, wenn ich versuche, so einen Kreislauf und die Strategie dahinter nachzuvollziehen, und auch Mircea fasst sich beim Erzählen ständig an die Stirn, und in seinem Bart geht das Lächeln auf und unter, auf und wieder unter.

Während Mircea von den Kartoffeln und den Bauern erzählt, fällt mir plötzlich die blonde Frau ein, deren Bilder damals im Loop auf Mirceas Laptop liefen, der hinter dem Mischpult stand. Jedes Mal, wenn ich im KodakClub war. Die blonde Frau war aus Hamburg, Mircea hatte unzählige Fotos von ihr. Ich weiß nicht mehr, ob er die Fotos auch auf die Leinwand hinter dem Mischpult projizierte oder ob sie nur auf dem Bildschirm abliefen, also ob nur ich sie sah, weil ich mich manchmal neben ihn stellte, um mich mit ihm zu unterhalten. Die Frau hatte platinblonde lange Haare und starkes Make-up, mit dem ihr Gesicht hart und ein wenig maskulin schien. Auf allen Bildern trug sie bunte, glitzernde Kleider und sah aus wie vor einem Auftritt. Ich habe vergessen, hatte sie selbst in Clubs gesungen, in denen Mircea als Tontechniker gearbeitet hatte oder auf Konzerten oder hatten Mircea und sie oft gemeinsam Konzerte besucht? Er verehrte sie.

Ich erinnere mich an keine Details zur blonden Frau, obwohl Mircea bestimmt mehr über sie erzählt hat. Ich erinnere mich nur daran, dass er sagte, er habe sie nie ungeschminkt gesehen, selbst im Schlaf habe sie ihr Make-up nicht abgenommen. Sie habe schlafend wunderschön ausgesehen. Sie übernachteten nicht im gleichen Zimmer, und dass er sie schlafen sah, war der Höhepunkt der Geschichte, so wie ich sie behalten habe und wie sie vielleicht gar nicht war. Vielleicht ist die Geschichte an dieser Stelle nur unterbrochen worden, durch einen anderen Gast, der etwas von Mircea wollte. Nur so konnte sie so diffus in mir ankern und im Gedächtnis bleiben wie ein Traum oder ein japanischer Film. Die Fakten sind hinter den Bildern verschwunden, und die Bilder hinter einem Gefühl, das sich in diesem Moment mit Mircea verbindet und mit der Zeit in Rumänien. Die Frau, die Mircea an Deutschland erinnert, erinnert mich an Rumänien, die Sehnsucht in Rumänien, als ich dort war und nach Rumänien, als ich nicht mehr dort war.

Mircea blieb die blonde Frau so fern, wie ihm Deutschland fern blieb. Er konnte die Frau angucken, und er wollte sie angucken, ihre kühle revuegirlhafte Schönheit. Er konnte sie vielleicht sogar kaufen, aber weiter ging es nicht. Er hielt vor der Maskerade an und ließ sie intakt. Sie bekam nie einen Körper oder einen Geruch. Die Frau hat ihr Geheimnis behalten, während Deutschland allmählich seines verlor. Die Frau wurde nicht räudig und ordinär wie alles andere. Als Traumbild des Westens kann sie noch Jahre später unberührt auf dem Bildschirm flimmern, so wie die Landschaftsbilder von Siebenbürgen auf meinem Rechner, und die Porträts rumänischer Bauern und Bäuerinnen, die ich in ihren armseligen Küchen gebannt habe oder pittoresk auf den Holzbänken vor ihren Häusern.

Bilder, die kein Wirkliches zeigen und von den eigenen Wünschen verfremdet sind wie Kinderzeichnungen, naiv und grob zugleich. Im Autofokus steht das Innere. Das sah ich aber erst später.

frau

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Über Julia Jürgens

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