Auf dem Weg nach Răşinari

Ich hatte vor zwei Jahren schon nach Răşinari fahren wollen, als ich ein paar Aphorismen von Emil Cioran gelesen und festgestellt hatte, dass er dort geboren worden ist vor hundert Jahren, im Jahre 1911. Aber irgendetwas verhinderte die Reise immer, obwohl es von Sibiu nur ein paar Kilometer sind. Vielleicht lag es aber auch genau daran, zu einem Ausflug gehört ja mindestens eine halbe Stunde Fahrtwind.

So fuhren wir also erst jetzt, nachdem ich Andrzej Stasiuks Kapitel über Răşinari gelesen hatte. In der Casa Schullerus, in der wir in Sibiu wohnten, stand Unterwegs nach Babadag im Regal. Ich ärgerte mich, dass das Buch dort war und ich es lesen musste und als ich sah, dass es ein Kapitel Răşinari gab, ärgerte ich mich noch mehr. Wäre ich doch vor zwei Jahren schon dagewesen. Ich hatte Ciorans Geburtsort besuchen und sehen wollen, was es dort gab, das ihm diesen lebenslangen Pessimismus eingegeben hatte, der in seinem Pathos heute unerträglich ist. Gut möglich, dass dieses Etwas, falls man es überhaupt identifizieren könnte, das gleiche wäre, was Stasiuk heute zu nostalgischer Schilderung hinreißt, deren Pathos gerade so erträglich ist: Die innige Beziehung zwischen Mensch und Tier, die Gleichförmigkeit der täglichen Ereignisse, die jeden Tag so ablaufen wie schon seit Jahrhunderten, die Kühe werden morgens auf die Weide getrieben und kehren abends wieder zurück etc.

Jetzt, am 5. Januar 2013, konnte ich mich an Ciorans Aphorismen nicht mehr erinnern, nur an Stasiuks Dorfbeschreibung, und ich musste meinen Unmut gegenüber Răşinari unterdrücken, als wir im Taxi von Sibiu darauf zufuhren. Es hatte sich mit Stasiuk schamlos verbündet und war nur noch in der Symbiose mit ihm zu haben war, jetzt und wahrscheinlich für immer. Răşinari gehörte zu Stasiuk, es hatte sich ihm hingegeben und in seinem Blick aufgelöst wie eine Muse. Ich konnte mich ihm nur noch nähern wie dem Geliebten einer guten Freundin, mit eingefahrenen Antennen. Stasiuk bewunderte ich für seine Eroberung, aber von Răşinari war ich enttäuscht, bevor ich es gesehen hatte. Es hatte nicht auf mich gewartet, um sich mir zu zeigen.

Wir reisen kolonialistisch, wir wollen Entdecker und Eroberer sein. Ich glaube, Stasiuk geht es beim Beschreiben von Răşinari und all der anderen Orte nicht nur darum, sie zu bewahren, er will sie in Besitz nehmen. Er will sie in Besitz nehmen, bevor der Westen sie einnimmt, oder er will sie dem Zugriff, der schon erfolgt ist, wieder entreißen. Überall steckt er seine Fähnchen, Ungarn, Rumänien, Ukraine, Slowakei, die Landkarte wimmelt davon, man kann sich nirgendwo dort im Off bewegen, ohne seine Fußspuren zu sehen. Es ist ein leiser und erfolgreicher Feldzug im Mittleren Osten fernab der großen Straßen. Und auch wenn es nur eine symbolische Besetzung ist, ich glaube, dass wenn Stasiuk heute durch den Osten reist, seinen Osten, dann reist er mit der Befriedigung, mit der Napoleon durch seine in Besitz genommenen Territorien reiste. Es sind seine Dörfer, seine Dorfkneipen und Tankstellen, seine Fähre, sein Fährmann und seine Donau. Er hat sie gebannt.

Kein Ort hat sich je gegen ihn zur Wehr gesetzt, doch sie sich zu eigen zu machen, in Worten, das war harte Arbeit. Deshalb gehört Stasiuk der Osten zu Recht.

Aber das Erobern beginnt nicht erst beim Schreiben, es beginnt schon beim Sehen. Wie jetzt: Schon beim Fahren nehmen die Blicke die Landschaften ein, und ich bin froh, dass die Scheiben im Auto sie automatisch gerecht verteilen; das was rechts vorbeifliegt, gehört mir, das was links vorbeizieht, gehört meinem Begleiter. Edek. (Edek hat Cioran und auch Stasiuk gelesen, kann sich aber an beide nicht erinnern, jedenfalls nicht an konkrete Schilderungen, worum ich ihn beneide).

Mir fällt der Astra-Park und der nördliche Teil des Dumbrăveni-Waldes zu. Er ist verschneit und durch die dreckige Fensterscheibe nicht sehr gut zu erkennen.

Ich war noch nie in Răşinari, aber ich bin oft hindurchgefahren, auf dem Weg nach Păltiniş in die Berge, wo ich immer an der gleichen Stelle anhielt, etwas unterhalb des Ortes, bevor die Skilifte und Hotels beginnen, dort wo das Land so ungeheuer weit ist und die Farben des Himmels und der Erde in solcher Kraft aufeinandertreffen, dass man Unmengen von Fotos schießt, auf denen man sehr klein ist in hellem Licht, und jedesmal bin ich müde geworden davon und habe kurz geschlafen in Păltiniş, egal ob es Sommer war oder Winter.

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„Ja, hinter dem Horizont lauerte schon immer das Grauen. Alles, was wir begehren, nimmt die Zeit, und der Raum bringt das Ungewollte. Am Horizont tauchen Armeen oder Ideen auf, und es gibt keine Flucht vor ihnen. (…) Heute gibt es keinen Ort mehr, an den man gehen könnte, um von vorn anzufangen, deshalb leben wir in der Vergangenheit, von der unsere Territorien durchtränkt sind wie die Ställe der Tiere von ihrem Geruch“. (Stasiuk: Unterwegs nach Babadag, 2005)

Die Utopie von Orten, die ohne Geschichte sind, die niemand im Blick hat, mit denen keiner etwas vorhat. Anders als Feldherren vor ihm erobert Stasiuk, um Land der Geschichte zu entreißen, um es aus ihrem Verlauf zu retten und ins schlichte Sein zu setzen. Auf so einem Flecken könnte man frei sein, wenn das ginge.

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3 Antworten zu Auf dem Weg nach Răşinari

  1. T. schreibt:

    On my knees!

  2. ANA MARIA DRAGHICI schreibt:

    IST SCHON

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