Kühe

Rășinari bei Stasiuk atmet Wärme, die Wärme des Sommers und die Wärme der Tiere in den Ställen, die sich nachts, wenn der Tag geht, über dem Dorf sammelt und langsam nach oben ins Universum zu den Sternen steigt, so schreibt Stasiuk.

Stasiuk war im sommerlichen Rășinari, so wie er scheinbar meist im Sommer unterwegs ist. Der Sommer im Dorf lädt zu Beschreibungen ein. Staub, Hitze, Schweiß auf Gesichtern der Arbeiter und Flanken der Tiere. Im Winter taugt wenig zum Beschreiben, der Schnee deckt die Farben zu und macht die Empfindungen taub. Mir ist so kalt im Eisregen in Rășinari, dass ich kaum geradeaus gucken kann und durch den Schnee nur schnell zu Ciorans Geburtshaus blinzele und zu der Pension schräg gegenüber, in der Stasiuk wahrscheinlich gewohnt hat und von der aus er Ciorans Haus und die Kirche sehen konnte, die zu Ciorans Zeiten noch nicht gebaut war.

Kirche_Rasinari

Alte Kirche, Rășinari

Die alte Kirche von Rășinari steht am Ende der Straße, in der Cioran aufgewachsen ist. Sein Vater war orthodoxer Priester und muss hier sonntags mit dem kleinen Emil entlanggelaufen sein. Aber das werde ich wahrscheinlich vergessen, so wie ich den Mann vergessen werde, der uns im Schneefall den Berg hinauf zur Kirche in einem langen Mantel entgegenkommt  (im Film ist ein Mensch, den man in weiter Ferne als Punkt sieht und der sich, immer größer werdend, langsam aus dem Stillleben der Materie als Bewegung herauslöst, meist Überbringer einer entscheidenden Botschaft).

Die Augen des Mannes bleiben mir vielleicht im Gedächtnis, sie liegen tief in den Höhlen und glänzen von einer Leidenschaft, die bei Weltlichen selten aufscheint. Er sei nach Rășinari gekommen, sagt der Mann, um am folgenden Tag, dem 6. Januar, die Gräber seiner Eltern zu besuchen. Am 6. Januar sei ein wichtiger Feiertag der orthodoxen Kirche – er hält kurz inne – die Taufe Jesu Christi. Ich empfange vor Aufregung die Worte nicht richtig. In der Fremdsprache können auch Referenzen der eigenen Kulturgeschichte wie Mythen klingen. Jesus wurde getauft? Seiner, unserer?

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Ich verstehe nicht und suche nach einer Bedeutung, die uns für einen kurzen Moment verbinden könnte, ich wünsche mir so etwas, aber als der Mann spürt, dass seine Botschaft uns versperrt bleibt, akustisch und metaphysisch, lächelt er spöttisch und verlegt sich aufs Englische. Er suche jemanden, der den Schlüssel zur Kirche hat, sie ist verschlossen… – wir können ihm nicht helfen.

Wir suchen eine Bar, finden aber nur ein Internetcafé, das erste Internetcafé in einem rumänischen Dorf, das ich sehe. Sechs- bis achtjährige Jungs sitzen vor uralten Bildschirmen und spielen Doom oder irgendein anderes Schießspiel. Konzentriert wie Katzen, die durch Fensterscheiben Vögel beobachten, sitzen sie auf ausrangierten Bürostühlen und starren auf die Bildschirme, ihre Füße hängen in der Luft. Der Raum dampft von ihren nassen Jogginghosen, ihre Mützen tragen sie hoch über den Ohren wie ihre Väter die schwarzen Pelzkappen, von denen auch Ceaușescu eine mit ins Grab nahm.

In Rășinari habe ich auf der Rückfahrt von Păltiniş nach Sibiu oft die Kühe beobachtet, die auf dem Heimweg waren. Sie brachten den Mercedes immer zum Stehen, und ich beobachtete, wie sie stoisch mitten auf der Straße liefen und sich von den Autos hinter und vor ihnen nicht nervös machen ließen. Hier sah ich zum ersten Mal, dass die Kühe allein nach Hause liefen und wussten, wo sie hingehörten. Auf der engen Straße fuhr ich langsam hinter ihnen her, und eine Kuh bog links ab und eine andere verschwand im Torbogen rechts. Manchmal blieb eine stehen und blickte sich nach mir um. Nicht provokativ, nicht neugierig, die Zivilisation ging ihnen einfach am Arsch vorbei, sie waren zuerst dagewesen. Aufheulende Motoren oder Hupen schreckten sie nicht im geringsten.

Diese unglaubliche Coolness von Kühen, auch in bosnischen und montenegrinischen Dörfern habe ich das beobachtet. Kühe blenden Fahrzeuge aus, in Atovac, Bosnien, haben sich sogar welche an einer Tankstelle untergestellt, als es regnete, neben einer Horde Harleyfahrer, die aus Österreich kam. Beide haben sich keine Irritation anmerken lassen, jeder tat das, was er tun musste, ohne Beachtung der anderen, die Motorräder tankten, die Kühe schnupperten am Asphalt. Zwei Herden nebeneinander. Die einzige, die sich wunderte, war die Kuh-Hirtin, sie war verblüfft, dass ich keine Schuhe trug.

Pferde wären nervös geworden, Pferde sind ständig nervös, sie ziehen zwar brav überall auf dem Balkan ihre Karutzen, aber sie tun es mit Angst und Scheuklappen, und oft drehen sie durch. Sie merken, dass sie nicht auf die Straße, nicht mehr in die Zeit passen. Kühe ignorieren das. Ob das ein Zeichen dafür ist, dass sie dümmer oder gerade klüger sind, das weiß ich nicht.

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Über Julia Jürgens

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