Reduce, Reuse, Recycle

Andrzej Stasiuk beschreibt irgendwo in Moldawien eine Bar, eine Dorfkneipe, wie es sie in zigfacher Variation in Rumänien, Bulgarien, Albanien, Serbien und so weiter gibt. Plastikstühle, Holztische, nichts passt zusammen, wie in einer Rumpelkammer ist alles scheinbar achtlos zusammengeworfen, „alles von Anfang an, von vornherein kaputt, damit man sich keine Sorgen mehr machen, nicht mehr daran denken muss. Es war die Verzweiflung der verachteten Materie.”

Zunächst verfiel ich dem Ausdruck: Die Verzweiflung der verachteten Materie. Aber als ich ihn Edek vorlas, fand ich ihn schon nicht mehr richtig. Es gibt eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber Dingen, auch gegenüber Tieren. Das liegt daran, dass sie in ihrer reinen Nutzbarkeit gesehen werden. Für Gefühle – und Ästhetik ist ja ein Gefühl, ein Gefühl für das Schöne – ist kein Platz, keine Muße und keine Wertordnung da. Materie hat einen Nutzwert, und in dem wird sie geschätzt. Darüber hinaus wird sich nicht übermäßig mit ihr abgegeben und wenn, dann gedankenlos demokratisch. So habe ich es zumindest beobachtet, in Rumänien und Albanien und Serbien und so weiter. Alles wird gleich behandelt, der alte Bauerntisch, der etwas wert sein könnte, wie die Plastikstühle, die nichts wert sind, alles kann nebeneinander bestehen.

Allerdings wird die Materie auch kreativ genutzt. Sie wird umgedacht, den Verhältnissen und Bedürfnissen der Menschen angepasst. Wie die Sitze im Bus von Răşinari nach Sibiu. Weich gepolsterte Sitze eines Langstreckenbusses waren hier auf die Hartschalen-Sitze eines Nahverkehrsbusses montiert. Nicht durchgängig und nach keiner Ordnung hatte jemand einige Sitze im Bus mit diesem Aufsatz ausgestattet, einige nicht. Man wusste nicht, hatte es nicht mehr Sitzkissen gegeben, oder war die Montur zu aufwändig gewesen, oder hatte der Monteur aus einem anderen Grund die Lust verloren.

Sitz_Bus_Rasinari_Sibiu

Ich finde jedenfalls, dieser Umgang mit der Materie ist typisch. Ein kreativer Pragmatismus im Sinne der derzeitigen Architekturbewegung, die benutzten Materialmüll wie Flaschen oder Ölfässer einbaut und deren Objekte aussehen wie in einem vorläufigen Stadium aufgegeben und liegengelassen, um nochmal weiterzudenken und gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt weiterzumachen. Der Sitz hätte auch vom Berliner Büro Raumlabor gestaltet sein können und auf der letzten Architektur-Biennale ausgestellt. Reduce, Reuse, Recycle war da das Motto. Mit Verachtung hat das nichts zu tun.

 

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Über Julia Jürgens

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