Hunde Prolog

Wenn ich in ein Land im Osten reise, das ich nicht gut oder gar nicht kenne, gucke ich als erstes auf die Tiere. Ich gucke, da ich im Auto oder Bus sitze, auf die Tiere, die ich auf oder neben den Straßen sehe. Welche Tiere tauchen auf und wie tauchen sie auf? Wild oder gezähmt, allein oder zusammen mit Menschen, frei oder ihnen zu Nutzen? Ein wichtiger Gradmesser ist das Verhältnis toter zu lebenden Tieren. Werden tote, überfahrene Tiere von der Straße geräumt oder werden sie liegengelassen, bis sie skelettieren oder als Aas von anderen Tieren gefressen werden? In einem erprobten Verfahren intuitiver Empirie, das auf Erfahrung fußt, filtere ich ein erstes Wissen über das mir unbekannte Land heraus. Es führt mich weiter als die Kenntnis von Bruttoinlandsprodukt oder Arbeitslosenrate.

Ich glaube, jeder hat ein Vergleichsmoment beim Reisen. Es kann selbst gewählt sein oder unbewusst zwanghaft. Qualitativ oder quantitativ. Es kann die Architektur sein, der Stil historischer Bauern- oder Stadthäuser, die Masse an Plattenbauten. Das Aufkommen schöner Frauen, alter Autos, bettelnder Kinder. Die Beschaffenheit von Brot oder Kaffee. Bier. Berge. Landschaft überhaupt. Mode. An irgendetwas orientiert man sich für den ersten Eindruck, der meistens der bleibende ist.

Tiere wähle ich nicht freiwillig. Straßenhunde schon gar nicht. Ich wünsche mir vor jeder Reise, ich möge möglichst wenige sehen. Meine Blicke heften sich sofort auf sie, Hunde oder andere Säugetiere, die mindestens so groß sind wie Igel (niemals Vögel und niemals Reptilien). Oft genug entscheiden sie, wie und ob mir ein Ort in Erinnerung bleibt. Ich nehme auch andere Dinge wahr, aber es fällt mir manchmal nicht leicht, sie von den Tieren abzulösen und dem Eindruck, den sie hinterlassen haben.

Besonders bei kurzen Aufenthalten sind die Tiere prägend. Ein unbekannter Ort, in nur kurzer Zeit erlebt oder durchfahren, muss willkürlich und deshalb heftig bewertet werden. Ablehnung oder Begeisterung. Je kürzer die Zeit, desto willkürlicher und heftiger der Eindruck. Bei Reisen, die keine Urlaube oder längeren Aufenthalte sind, ist die Zeit an einem Ort immer kurz, jedenalls zu kurz für gemessene Betrachtung. Das Problem von Reportagen. Hier helfen die Hunde – oder sie verderben alles. Was bei anderen ein überfüllter Bus, Regen oder ein schlechtes Essen verzerrt, tun bei mir Tiere. Warum speziell Hunde, weiß ich nicht.

Eigentlich mag ich Hunde nicht besonders, hier zu Hause interessieren sie mich überhaupt nicht. Weil sie zu jemandem gehören, und in diesem Verhältnis zum Mensch sind sie mir nicht sympathisch und die Menschen umgekehrt in ihrem Verhältnis zum Hund auch nicht.

Aber die Straßenhunde im Osten, im Südosten Europas sind etwas anderes. Ich könnte ihnen ein ganzes Buch widmen.

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Hund in einer Berghütte in Küstendorf im Zlatibor-Gebirge, Serbien

 

Über Julia Jürgens

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