Emir heißt jetzt Nemanja / Hunde I

Auf einer Reise letzten Sommer durchfuhr ich kreuz und quer vier Länder, Serbien, Montenegro, Bosnien, Albanien. Außer den üblichen Informationen aus Reiseführern und den arbiträren Empathien und Ressentiments, die unbekannte Länder mit ihrer Geschichte, ihren Nationalhelden, Städtenamen und sonstigen Eigentümlichkeiten in einem auslösen, war ich wenig vorbereitet und tabula rasa für alle neuen Eindrücke.

In Belgrad hatten wir zweieinhalb Stunden Aufenthalt. Der Kalemegdan-Park oberhalb der Mündung von Save und Donau war schattig und entspannt, mir gefiel, wie die alten Männer dort ihre Hemden um die Taille geknotet trugen und ihre sehnig-ledrigen Oberkörper zeigten, nicht stolz und aufgebläht wie die Jungen, sondern mit würdiger Selbstverständlichkeit. Mir fielen die harten Gesichter der Frauen in meinem Alter auf, in der Knez Mihajlova liefen sie sehr schick, schmal und schräg nach vorn gebeugt auf hohen Schuhen neben ihren meist kleineren Partnern in Trainings-Shorts und Badelatschen. Die Frauen sahen konzentriert und angestrengt nach vorn, als ob sie einen Punkt in der Ferne fixierten, den sie nur erreichen würden, wenn sie zielstrebig und ohne Seitenblicke auf ihn zuliefen. Ab und zu telefonierten sie. Die Männer neben ihnen schlurften und lehnten sich beim Gehen in ihre runden, bepackten Oberkörper zurück, während sie links und rechts schauten, was vorbeilief. Von der Seite gesehen ergaben die Körper der Paare eine offene Schere, ihre Köpfe kamen nie auf eine Linie. Aber auch aus diametral entgegensetzten Prinzipien kann man eine Einheit bilden, das vergisst man hier manchmal.

Den Hund sehe ich vom Bus aus, der uns wieder zurück zum Flughafen bringen sollte. Er läuft auf einem riesigen grünen Verkehrskreisel am Trg Slavija umher, humpelnd und mit hechelnder Zunge. Mehrfach setzte er an, die dreispurige Straße zu überqueren, aber es ist unmöglich, er macht immer wieder vor Autos halt und kehrt panisch um. Der Verkehr stoppt nie. Der Hund auch nicht, er läuft ohne Pause im Kreis um die Insel, ab und an die Richtung wechselnd, auf der Suche nach einem Ausweg. Es kann sein, er ist hier schon tagelang gefangen, wie ein Eisbär auf einer treibenden Eisscholle. Auf dem einzigen Flecken Natur weit und breit. Es sieht nicht so aus, also könne er lebend das Festland der Stadt je erreichen. Die Hitze ist gnadenlos.

Belgrad

Auf der einen Seite des Kreisels stand ein Büroblock aus Glas. Das Glas spiegelte die Fassaden der Häuser auf der anderen Seite, und die unzähligen Werbeflächen, die an den Häusern angebracht waren. Es sah aus, als stünde ringsum alles zum Verkauf. Der Glas-und-Stahl-Turm, Ausweis der Weltstadt, von Urbanität, internationalem Finanzmarkt, Privatwirtschaft. Und dann demoliert ein Hund das Bild. Schon ist das Dorf im Blick, Landflucht, die die Hunde brachte, und das Dorf in die Stadt. In den letzten 60 Jahren ist die Bevölkerung auf das Dreifache angewachsen. Megalopolis, die Stadt als Farce.

Mit einer Ausnahme bleibt Serbien im weiteren Verlauf der Reise Transit.

Von der Küste Montenegros, dem eigentlichen Startpunkt, fahren wir auf dem Weg nach Sarajevo gen Norden etwa 150 km durch die Republika Srpska, der serbischen Entität von Bosnien-Herzegowina. Von Sarajevo führt der Weg über Visegrad, dessen Brücke ich unbedingt sehen muss, weil ich den Roman im Gepäck habe, nochmal durch die Republik, über die Grenze nach Westserbien hinein und in einer Schleife endgültig hinaus und zurück nach Montenegro. Mit Blick auf die Karte versuchen wir, die zu passierenden Abschnitte durch Serbien so kurz wie möglich zu halten. Es geschieht ohne Absprache. Nervös wie Top-Agenten im Feindesland fahren wir, wie jederzeit damit rechnend angehalten und entdeckt zu werden. Der Verkehr wird aggressiv und die Luft drückt, sobald wir an den Grenzposten Serbiens, deren Personal das grimmigste aller vier Länder ist, vorbeifahren.  Arbiträre Ressentiments, es ist albern, wird beim Kreuzen und Queren der neuen Balkanländer aber zum Spiel, den schlafenden Beifahrer beim Aufwachen zu fragen: Und – welches Staatsgebiet?

Wir halten nur einmal über Nacht in Serbien, genau hinter der bosnischen Grenze. Uns gefällt ein selbstgemaltes Retro-Werbeschild für ein Hotel in den Bergen. Die Hotelanlage dort oben, oder eigentlich ist es ein Dorf, ist allerdings seltsam. Eine Mischung aus Bullerbü und Balkan, buntbemalte Holztische und Stühle stehen herum, niedliche Holzhäuser mit geschnitzten Toren, alte Sowjetautos dazwischen. Freilichtmuseum oder Filmset? Und tatsächlich. Unsere letzte Station in Serbien stellt sich als Filmset eines Kusturica-Films heraus, das in eine Hotelanlage verwandelt wurde. Küstendorf nennt es Kusturica. Er wohnt die meiste Zeit des Jahres hier und läuft später in einer hellen Camouflage-Militärjacke an uns vorbei. Küstendorf hat eine Bibliothek, eine Galerie, ein Kino („with the most advanced and latest picture and sound quality in the world“), ein Schwimmbad, das Restaurant Visconti, das Damn-Yard-Café, Tennisplätze und eine Kirche.

Image

Küstendorf, Westserbien, nahe Mocra Gora

Kusturica hat sich vor ein paar Jahren serbisch-orthodox taufen lassen und heißt gar nicht mehr Emir, lese ich später. Er heißt jetzt Nemanja. Ein arabischer bzw. türkischer Name ist bei Kusturicas offenbarer Gesinnung, über die ich ebenfalls lese, nicht mehr tragbar, selbst wenn Emir „Fürst“ oder „Prinz“ bedeutet. Mit Nemanja trägt er nun den Namen eines alten serbischen Königsgeschlechts, und in Küstendorf tragen alle Straßen Namen von Regisseuren von Weltrang, und die Gäste sehen alle wie Filmschaffende aus, wenn man von der japanischen Touristengruppe absieht. Jeden Januar gibt es ein Film- und Musikfest hier.

Im Hochland des Zlatibor-Gebirges hat Kusturica sich also sein eigenes Reich erschaffen, mit Top-Standard. Knapp 30 Euro für ein Doppelzimmer ist dafür eigentlich fair, aber wir fahren doch lieber ins Tal zurück und finden eine traditionell gebaute Hütte, das Original von der Replik oben auf dem Berg, für zehn. Beim Ausparken am nächsten Morgen fährt Edek das Mietauto rückwärts gegen eine Mauer. Das war Serbien.

Über Julia Jürgens

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2 Antworten zu Emir heißt jetzt Nemanja / Hunde I

  1. Irma schreibt:

    Liebe Julia, macht Spaß Deinen Blog zu Lesen! Dein Beobachterauge, das die kleinen alltäglichen, aber umso besondereren Dinge festhält, gefällt mir!
    Liebe Grüße Irma

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