Mala Venezia/ Hunde II

In Montenegro waren wir länger unterwegs. Die Küstenorte so schön wie ununterscheidbar von allen Küstenorten am Mittelmeer, die ich kenne. Enge Gassen, offene Marktplätze mit Lounge-Möbeln, wie sie auch in Empfangshallen von Hotels stehen, kubische Sessel aus dunklem Rattan, in denen man schlecht sitzt und die im Freien besonders deplatziert aussehen. Dort esse ich crno rizot, mit Tintenfischtinte gefärbtes Risotto, oder breakfast continental. In den Hinterhöfen brummen Stromgeneratoren, vor den Fenstern hängt Wäsche, Katzen schlafen auf sonnenwarmen Simsen mit baumelnden und im Schlaf zuckenden Pfoten. Das ganze Programm.

Speziell sind die betonierten Steinfjorde, die den Küstenstreifen einebnen, und von denen man direkt ins Meer springen kann. Im Meer sind überall Tore aufgestellt. Die Montenegriner sind Wasserballer, freundliche schmale Riesen. Enorm wendig und schnell kraulen sie parallel zur Küste hin und her und mindern Edeks Strandentspannung. Dabei haben die Männer hier anders als in Serbien oder Albanien eine gleichförmige Unauffälligkeit, man kann sie mögen, aber so schwer im Gedächtnis behalten wie ein polizeiliches Phantombild.

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Rose, Halbinsel Lustica, Montenegro

Auch Podgorica, die Hauptstadt Montenegros, ist schon im Augenblick des Erlebens eine blass schraffierte Skizze, die ungenau erinnerte Kopie eines Originals, das jeder woanders verortet. Eingenebelt vom Sprühregen, der in meisterhafter Verschwendung von den Marquisen der Cafés nach unten fällt und eine kühle Wand um die sitzenden Gäste bildet. Etwas schärfer skizziert die Fußgängerzone, die auch Hildesheim sein könnte. In der Fremde sucht das Auge Fremdes, am nur graduell Verschiedenen rutscht es ab. Montenegros Makel – es ist nicht balkanisch genug.

Der Skadarsee aber ist schon vom Flugzeug aus ein kühner Farbklecks zwischen den schwarzen Bergen, zwei Drittel gehören zu Montenegro, ein Drittel zu Albanien. Grün ist er, an manchen Stellen blau, mit Seerosen darauf, fleischige Vegetation ringsum und schwüle Hitze. Mit der plötzlichen Exotik kommt die Reisedepression. Es ist der zweite Tag. Ich bin in Abwesenheit äußerer Kräfte träge Masse, Edek antwortet auf Fragen mit Sekunden Verspätung. Wir sind woanders, aber jetzt auch hier, ohne Route und Plan, und müssen Entscheidungen im Minutentakt treffen. Halten wir hier oder fahren wir weiter, machen wir die ein- oder die zweistündige Bootstour, sehen und tun wir das Richtige?

Wir halten in Vranjina, direkt an der Hauptstraße, Edek hat entschieden. Der Motelbesitzer spricht Deutsch, er hat lange in der Schweiz gelebt. Er trägt einen dünnen Schnurrbart, Knickerbocker und Socken in spitzen schwarzen Lederschuhen. Er heißt Veljko. In Kusturicas Figurenwelt ist es der dicke schwitzende bauernschlaue Zigeuner. Er spricht nur zu Edek, mit Wiener Akzent (da hat er auch gelebt), und entschuldigt sich im Anschluss, nur bei mir, für das, was er zu sagen hat. Seine Frau, Schweizerin, hat ihn nach 30 Jahren verlassen und ist zurück in ihr Land gegangen. Weil er zuviel Sex wollte. Sie hat sich bei ihrem Vater darüber beschwert, der dann mit ihm, Veljko, geredet hat. In der Schweiz hat man nur den Samstag dafür, hat der Schwiegervater gesagt. Daran solle er sich halten. Was versteht man in der Schweiz außer Uhren und Banken? Sex, Entschuldigung, dass er das vor einer Dame sagen muss, ist von großer Bedeutung. Er entschuldigt sich an dem Abend noch etliche Male, weil er, aus unterschiedlichen Geschichten heraus, dieses Fazit immer wieder ziehen muss.

Veljko erzählt das in seinem Trödellager, vollgestopft mit Dolchen, Säbeln, Münzen, Stahlhelmen und Trachten aus mehreren Ländern und Jahrhunderten. Am Eingang steht eine riesige Dartscheibe, ein Requisit aus einem Film mit Bud Spencer. Der hat hier während der Dreharbeiten gewohnt, einmal kam ihn auch sein Kumpel Sylvester Stallone besuchen. Beide waren klar auf Veljkos Seite. Es geht den Kapillaren einfach besser, Entschuldigung. (Nach meiner Recherche war der Film namens „Singing behind screens“ ein Flop. Der Titel stammt übrigens von einem chinesischen Vers, der besagt, zu einem glücklichen Haus gehöre eine Frau, die darin singt.) In den vier Wänden des Motel Mala Venezia singt niemand, die roh in die Felsen gehauenen Zimmer sind düster. Aber ein Besuch lohnt sich, wir fahren in gehobener Laune ab.

Die Hunde kommen erst nach einer Woche ins Spiel. In Zabljak, im Durmitor-Gebirge im Norden Montenegros. Kurz bevor wir den Ort nach weitem Weg von der Küste aus erreichen, erscheint rechts neben der Fahrbahn eine weiße Ziege. Sie kauert dort, angefahren, mit Blick auf die ihr entgegenkommenden Autos und dabei in ihr Sterben ergeben wie ein Märtyrer. Aber sie ist kein Lamm. Vielleicht verflucht ihr schräger Blick die Urlauber, die an ihr vorbeirasen. Ich denke wie immer in so einem Moment, dass ich eines Tages mit einer Armee von Tieren gegen diese Menschen antrete, und zwar mit allen Tieren, die ich habe sterben sehen und mit all denen, die ich retten konnte. (In Zabljak ist es nur ein Junikäfer)

Die Hunde sammeln sich in den Kellern der Bauruinen, die die Straßen von Zabljak säumen. An den Bergtourismus müssen viele mit aller Macht geglaubt haben, sie haben ein Hotel neben das andere gestellt, im Stil der traditionellen Holzhäuser, aber zehnmal größer. Die Hunde folgen den Touristen auf den Straßen, sie sind plötzlich da. Zielstrebig wählen sie sich einen Menschen oder eine Menschengruppe aus und laufen hinterher, offensichtlich nicht aus Hunger oder nicht nur. Sie suchen Anschluss, weil sie nur jemandem folgen und nicht selbständig spazieren gehen können. Aufmerksam behalten sie Kontakt, manchmal über Stunden, und finden durch Hunderte von Menschenbeinen hindurch immer wieder die, die sie auserwählt haben. Nie umgekehrt.

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Crno jezero, der Schwarze See, im Durmitor-Gebirge

Die Menschenbeine stecken in Dreiviertelhosen und Badelatschen, sie sind durch dieses unwirtliche Land hierher gekommen, um Rafting und Jeep-Touren zu machen. Die Wanderwege sind leer, die Berge und Seen überwältigen nur sich selber. Auen mit Blaubeersträucher voller Früchte. Die Menschen laufen auf den engen Straßen im Ort umher, schlängeln sich zwischen den Hunden hindurch zum Supermarkt, flip flop. Wenn sie mit ihren Tüten wieder rauskommen, haben die Hunde aufgegeben, dann sind sie weg.

 

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Über Julia Jürgens

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