Sarajevo-Souvenirs/ Hunde III

Während der ganzen Reise verfolgen uns nicht nur die Hunde. Es verfolgt uns auch der Krieg. In Montenegro habe ich nicht daran gedacht, in Bosnien erscheint er wieder, mit den Orten auf der Karte, die man aus den Nachrichten kennt, Mostar, Sarajevo, Srebenica. Nachrichten von damals, als ich noch zur Schule ging und die Aufregung meiner Eltern über einen Krieg in Europa nicht verstehen konnte. Ich hatte weder von Krieg noch von Europa eine Vorstellung. Krieg gab es in Geschichte und Europa in Sozialkunde, und beides wurde so erklärt, dass es mit mir nichts zu tun hatte. Europa lag außerdem im Westen. Ich war einmal in Cheltenham und einmal in Lyon und Paris gewesen. Osteuropa war ein blankes Feld. Länder, die sich aufteilten und mehr wurden und plötzlich anders hießen, das war bis Mitte der 90er so wenig real wie es die Neue Welt um 1500 war.

Knapp 20 Jahre später sind wir in Sarajevo. (Mostar, Tuzla und Srebenica lassen wir aus, kein Massengrabtourismus. Sarajevo kenne ich wenigstens noch von den Winterspielen 1984, die erste Olympiade, die ich, acht Jahre alt, am Fernseher mitverfolge, die ganze Familie guckt stundenlang Skispringen und Eiskunstlauf.)

Ich gebe mir Mühe, beim Spaziergang durch die Altstadt nicht nur nach Einschusslöchern in den Fassaden zu suchen, es ist aber unmöglich, sie nicht zu sehen, die Schusslöcher sind überall, offen oder zugespachtelt, Granaten haben ganze Etagen weggefetzt. Die Stadt war vier Jahre lang belagert, unvorstellbar. Von jedem Standpunkt aus prüfe ich unwillkürlich zwei Perspektiven: die Sicht, die man als Heckenschütze gehabt hat und die Angriffsfläche, die man als Zivilist geboten hat. Die Berghänge um die Stadt, die heute von den weißen Grabstelen der unzähligen Friedhöfe wimmeln, sind für die Belagerung auf fatale Weise ideal gewesen. Nur mit diesem Gedanken kann man hinunterschauen auf die Stadt im Talkessel mit ihren Kirchtürmen, Minaretten und Synagogen.

Sarajevo

Muslimischer Friedhof

Am Eingang der Banken in Sarajevo hängen Verbotsschilder mit Gegenständen, die man nicht mithineinbringen darf: Pistole, Kamera, Zigarette, Hund.

Auf dem Basar, dem Baščaršija, kann man an jedem Stand Kriegssouvenire kaufen, aus Patronenhülsen gefertigte Kugelschreiber und Schlüsselanhänger, in die kunstvoll Muster eingraviert sind und der Schriftzug Sarajevo. Aus den größeren Granatenhälsen sind Vasen gemacht. Ich schleiche lange vorbei, bevor ich mir doch einen Kuli kaufe, er liegt mir schwer wie ein Blutdiamant in den Taschen, bis ich ihn noch vor der Abfahrt nach Berlin mit Erleichterung verliere.

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Sarajevo-Souvenirs

In den Kämpfen in Sarajevo sind über 10.000 Menschen gestorben. Viele davon, das lese ich später erst, sind im Olympiastadion begraben, das für die Winterspiele gebaut wurde, und auf der großen Fläche vor der Zetra-Eishalle; die Menschen wussten nicht mehr, wohin mit den Toten.

Srebenica umfahren wir, dafür übernachten wir in Čelebići, aus Versehen. Wir haben eine Abzweigung verpasst und sind 20 km im Schritttempo mit einem dafür ungeeigneten Mietauto über steile Schotterpisten geklettert. Als wir nach zwei Stunden endlich an eine größere Straße geraten, ist es dunkel, und wir müssen in Konjic halten. Dort gibt es keine Pension, aber ein Ladenbesitzer steigt auf unsere Frage hin in unser Auto, um uns auf den schlecht beleuchteten Straßen zum nächsten Hotel nach Čelebići zu lotsen. Ohne Aufhebens steigt er dort aus und läuft die dunkle Straße zurück, Wegegeld lehnt er ab.

Wir übernachten im Hotel Vila Palma, direkt an einem See. Das Bett ist nur ein ausgezogenes Sofa, und die Klobrille bricht auseinander, aber am nächsten Morgen ist die Luft frisch, und die Schwalben dippen im Senkflug ihre Flügel ins Wasser oder sie fangen Fische, das kann man nicht genau sehen. (Ohne Edek hätte ich es gar nicht gesehen, Vögel fallen mir nie auf. Edek dagegen kann sie lange beobachten. Vögel und Fische, glaube ich, beobachten Männer gern, weil sie sich dabei vor Empathie sicher fühlen.)

In dem kleinen Ort Čelebići gab es ein Lager, in dem mehrere Hundert Serben gefangengehalten, viele gefoltert und getötet wurden. Das lese ich auch erst später.

Edek traut sich, nach dem Krieg zu fragen. Gleich aus dem ersten Small-Talk heraus, mir ist das unangenehm. Die Menschen, egal welchen Alters und welcher Ethnie, reagieren fast alle gleich. Sie erzählen von einem Teil ihrer Geschichte, 1000 Jahre oder länger her, der beweist, dass Serbien/ Bosnien/ Kroatien/ Albanien alles Recht der Welt hatte, Krieg zu führen. Viele, mit denen wir sprechen, glauben, dass es in den nächsten Jahren wieder Krieg geben wird. Sie trauen dem Frieden nicht. Es ist schwer nachzuvollziehen. Der Nationalgedanke kommt uns archaisch vor, wir sind eigentlich fertig damit, hier ist er brandaktuell. Alles konzentriert sich auf den Rivalen jenseits der Landesgrenze, während wir denken, es sei längst Konsens, dass der Feind international ist und unter uns.

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Moschee im Nirgendwo, Bosnien

Nicht die Serben und nicht die Albaner, denkt man. Der Markt wird Euch kriegen, wenn Ihr dann EU seid. Ivo Andrić beschreibt in Die Brücke über die Drina, wie die Österreicher 1878 Bosnien besetzen. Wie sie innerhalb von Monaten Jahrhunderte osmanischer Herrschaft auf den Kopf stellen, die gewachsene Ordnung, in der ab und an ein paar Köpfe rollten, im Großen und Ganzen aber alle in Frieden lebten. Wie es mit der „süßen Stille“ der alten Zeit ein für alle Mal vorbei ist.

Denn die Österreicher waren unermüdlich, mit ihrem „unsichtbaren, aber immer stärker fühlbaren Netz von Gesetzen, Verordnungen und Vorschriften das Leben selbst mit seinen Menschen, Tieren und toten Gegenständen zu erfassen und alles um sich herum zu verändern; das äußere Bild der Stadt, die Gewohnheiten und die Natur der Menschen von der Wiege bis zum Grab.“

„Jede Arbeit, die sie begannen, erschien harmlos, ja sogar sinnlos. Sie vermaßen irgendein Brachland, kennzeichneten Holz im Wald, besichtigten die Aborte und Abflusskanäle; schauten Pferden und Kühen ins Maul, prüften Maße und Gewichte, fragten nach Krankheiten im Volk, nach Zahl und Namen der Obstbäume, nach den Schaf- und Geflügelrassen (Es sah aus, als spielten sie. So unverständlich, unwirklich und unernst waren all ihre Arbeiten in den Augen der Leute).“ Ivo Andrić, 1945                               

Es wird noch dauern, aber irgendwann werden die EU-Kommissare ihre Arbeit beginnen, genau so.

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Über Julia Jürgens

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