Oh wie schön, rief Gott/ Über Albanien

Gott stieg hinab auf die Erde um zu schauen, was der Mensch aus seinem Werk gemacht hatte. Nachdem er alle Länder der Welt durchwandert hatte, erreichte er Albanien. Oh wie schön, rief er, hier ist alles so geblieben, wie ich es geschaffen habe! – Diese Anekdote steht in meinem Reiseführer, und ich bin sicher, dass ich eine ganz ähnliche auch in einem Reiseführer über die Republik Moldau gelesen habe. Was das bedeutet? Wenn Gott gefragt ist, ein credential abzugeben, heißt das, dass kein anderer es getan hat. Gott springt ein, notgedrungen, weil Goethe nur bis Italien kam und Nietzsche lieber an der Cote d’Azur wanderte. Am Anfang eines Reiseführers muss eine veritable Empfehlung stehen. Albanien wie die Moldau wissen, dass sie nicht punkten können. Als aussichtslose Bewerber auf dem Tourismusmarkt stellen sie sich aber doch schelmisch eine Referenz ins Portfolio: Gott. Mögen wir die ärmsten, unwirtlichsten Länder Europas sein, Gott liebt uns.

Dabei gibt es für Albanien eine große Fürsprecherin, wenn auch kaum bekannt: Edith Durham. Als amateur traveller – eine Bezeichnung, die ich für meinen Lebenslauf übernehmen werde – bereiste sie 20 Jahre den Balkan und schrieb so kenntnisreiche Reportagen, dass sie dem britischen Außenministerium als Beraterin einflüstern durfte. Es war um 1900 herum, die Zeit, als der Balkan noch unerforscht aber schon das Pulverfass Europas war. Edith Durham fing erst mit 37 Jahren zu reisen an. (Mich beruhigt, wenn Menschen älter sind als ich, wenn sie etwas beginnen). Sie war über der Pflege ihrer kranken Mutter depressiv geworden und bekam als Kur eine Reise nahegelegt. Zunächst war sie in Montenegro und Serbien und geriet dann nach Albanien, das sie sofort in seinen Bann schlug. (Bis dahin ähneln sich unsere Biographien.)

In Biographien suche ich immer nach Ähnlichkeiten, das gilt auch für die Geschichte von Ländern, die in gewissem Sinne ja auch Biographien sind. Dramatische Geschichten mit Brüchen und Ereignissen, die den Verlauf eines Landes für Hunderte oder Tausende von Jahren bestimmen. Die es erfolgreich oder zum Verlierer machen, misstrauisch oder optimistisch, aggressiv oder passiv, übermütig oder melancholisch. Wie bei Menschen gibt es auch bei Ländern Ereignisse, die sie so aus dem Tritt bringen können, dass sie sich nicht mehr davon erholen. Solche Ereignisse sucht man in Biographien meist in der Kindheit, sie können aber auch später passieren. Wo fing es an und wann…: Wie ist Albanien da hingekommen, frage ich mich, auf den letzten Platz Europas, wieso belegt es den seit dem Mittelalter und kommt nicht voran? Schon vor 500 Jahren im Osmanischen Reich war es dessen ärmster Teil, gelangte dann als Letztes zu seiner Unabhängigkeit, war im Kommunismus Schlusslicht und blieb es bis heute. Albanien? Das sind zwei Worte, Mafia und Kosovo-Krieg, manch Gebildeter nennt vielleicht noch die knappe Million Betonbunker, die Enver Hoxhas paranoides Vermächtnis sind (ist dann aber nicht sicher, ob die nicht doch in Rumänien stehen…).

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Tirana, Nähe Universität

Wo es anfing, das können Historiker sicher herleiten. Vielleicht so: Albanien sei in der Fremdherrschaft zerrieben worden, denn fremdbeherrscht war es von jeher, erst kamen die Römer, dann die Bulgaren, die Serben, die Türken, die Italiener, die Deutschen – wie Polen war es immer fette Beute der Nachbarn, die darauf gierten, es sich einzuverleiben, die Griechen und  Serben versuchten es wieder und wieder. Dann die schizophrene Spaltung, die Albanien in drei Konfessionen mit drei Schriftsprachen zerfallen ließ: die Christen im Norden hatten das lateinische Alphabet, die Orthodoxen im Süden das griechische, die Muslime das arabische. Albanien wurde mit sich selbst nicht identisch, könnte der Psychologe erklären, so gediehen nur regionale Identitäten, also Clans, die nie an dem einen, alle einigenden Strang zogen.

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Die Rote Moschee in Berat, die zu den ältesten Moscheen Albaniens gehört

Es gibt viele Tiefpunkte in der Geschichte Albaniens, mir scheint, ich habe selten, belletristisch und non-fiktiv, eine Geschichte mit mehr Hoffnungslosigkeit, Grausamkeit, Verirrung und Verrat gelesen, jedenfalls keine europäische. Dieses Ereignis zum Beispiel: Im Jahr 1830, Albanien war noch Sandschak, also osmanische Provinz, lud der Befehlshaber des türkischen Sultans alle albanischen Beys, das waren die Herrscher der zersplitterten Gebietsschaften im Süden, ein. Er lud sie ein unter dem Vorwand, sie für ihre treuen Dienste zu belohnen. Über 500 kamen nach Manastir, heute Bitola in Mazedonien geritten, in ihren besten Gewändern, die Pferde stolz geschmückt. Als sie nahe genug waren, luden die Osmanen die Kanonen und schossen, wie es der Plan gewesen war, auf die unvorbereiteten Gäste. 500 tote Beys, 500 tote Pferde. Eine grausame Lektion gegen die Albaner, die sich schlechter als ihre Nachbarn mit den Türken arrangierten und auf ihrer Autonomie beharrten. Und eine grausame Ironie, denn Albanien hat die Tradition eines Gastrechts, nach der das Leben des Gastes jederzeit zu verteidigen ist und mehr gilt als das eigene.

Die Albaner stehen den Türken, Serben, Bulgaren oder wem immer an Grausamkeit sicher nicht nach. Was Albanien besonders macht, ist die seltsam stete Verhinderung von längeren glücklichen oder friedlichen Episoden, von Restauration und Aufstieg, kurz von dem, was Fortschritt ausmacht. Nach der Unruhe ist vor der Unruhe, ein ewiger Kreislauf, der die Kräfte lähmt. Gott sagt es etwas freundlicher: Hier bleibt alles gleich. Das stimmt nicht ganz, denn es bewegt sich scheinbar viel, aber wie beim Tauziehen, ein Stück vor, ein Stück zurück. Es kämpft alles gegeneinander, die Berge gegen die Ebenen, Blutrache gegen Staatsrecht, Tradition gegen Modernes, nichts geht zusammen. Wenn man das aushält, die Gegensätze, die irgendwie Teil von einem selbst sind, so wie Albanien Teil von Europa ist, dann gerät die Reise in dieses Land zu einem Höhepunkt (Abstürze inbegriffen).

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Über Julia Jürgens

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