Skanderbeg und Herr Skënduli/ Hunde IV

I.

An der Grenze in Hani i Hotit stehen Kolonnen von Daimlers, jeden Alters und jeder Couleur. Die Mittagshitze brennt. Männer steigen aus den Autos und knöpfen sich ihre Hemden auf, ich beobachte jede Regung. Das Grenzland ist Steinwüste, wenige dürre Bäume. An der südkalifornischen Grenze nach Mexiko, in Tecate, sieht es genauso aus. Eine Gegend, in der man sich sein eigenes Grab schaufeln sieht. Die Klimaanlage stößt nur noch heiße Luft aus, es sind über 40 Grad. Die Grenzer füttern einen Hund mit Würsten. Sie werfen die Würste in den Schatten, damit sich der Hund dort hinlegt. Das ist ein gutes Zeichen. Ich bin angespannt. Wir setzen über. Ich sehe die andere Seite, und sie sieht genauso aus, aber das muss täuschen. Dort beginnt Albanien.

Ich fürchte mich. Ich fürchte mich vor jeder Reise, aber besonders vor dieser. Montenegro, Serbien, Bosnien, das war ein Vorspann, jetzt kommt die schwerste Etappe. Albanien ist der Marathonlauf am Ende des Triathlon. Ich begreife Marathon nicht, warum Menschen sich das antun. Vielleicht ist der Impuls eines Langstreckenläufers aber meinem gar nicht unähnlich. Nur sein Training ist besser: Ich habe zwei Romane von Ismail Kadaré gelesen und den Reiseführer, in dem Gott dieses Land lobt. Vielleicht verhebt sich meine Neugier, Edek ist auch nicht wohl. Er redet von der UÇK und dass ihm die Albaner zu krass sind. Wir haben ein serbisches Mietauto mit Belgrader Kennzeichen. Aber ich habe gedrängt. Ich will nach Tirana. Und dann in die Mirdita, ins Land des Kanun.

II.

Sqipëria heißt das Land der Adler, und die Berge sind die Heimat der Adler, die unzugänglichen Gebirge der Mirdita, der Malësia und des Dukagjin im Norden und Westen bis in den Kosovo hinein. Dorther kommen die furchtlosen und stolzen Krieger, Kämpfer wie Skanderbeg, die Europa gefürchtet und als Helden verehrt hat. Für Skanderbegs Kampf gegen die Osmanen – 25 Jahre lang verteidigte er den Norden Albaniens gegen ein übermächtiges Heer – verlieh der Papst ihm den Titel Athleta Christi (den außer ihm überhaupt nur zwei bekamen, Johann Hunyadi und Ștefan cel Mare, Nationalhelden aus Ungarn bzw. Rumänien). Vivaldi widmete ihm eine Oper, Deutschland eine SS-Division. Die albanischen Berge sind wie ein Götterhimmel, mythische Gestalten steigen von ihm herab, zu ihnen herauf kommt niemand. Das liegt ganz banal an der Infrastruktur, es gibt nur wenige befahrbare Wege. Deshalb bleibt es ein archaisches Reich, in dem archaische Gesetze gelten, auch heute noch.

Die Gesetze stehen im Kanun, einem uralten vorchristlichen Regelwerk. Eines davon ist die Blutrache. Verletzte Ehre kann nur mit Blut abgewaschen werden, dem Blut des Täters oder dem Blut seiner männlichen Verwandten. Deren Blut muss wiederum gerächt werden und so geht die Fehde, bis alle männlichen Nachkommen tot sind (erwachsene Männer, denn nur sie haben Ehre, welche die nötige Voraussetzung für eine Kränkung ist, die der Rache bedarf). So dezimieren sich bis heute Familien bis zur Auslöschung. Im Kommunismus verboten, ist die Blutrache in den 90er Jahren wieder aufgeflammt, in den Bergen und im ganzen Land. Einst Teil eines komplexen sozialen Regelsystems, das auf Abschreckung setzte, ist sie mit dem nationalen Selbstbild zusammengewachsen, auf fatale Weise, und lässt sich davon nicht mehr ablösen. Ähnlich wie die Selbstjustiz in Amerika. Der Wilde Westen ist gezähmt, aber Amerika bleibt bei seinem Recht, eine Waffe zu tragen und sie zu benutzen. Billy the Kid, ein Held. Und die Hardliner sitzen dort im Tal, mit gutem Zugang zur Zivilisation, die Berge sind hier keine Erklärung.

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Ruine eines alten Steinhauses im nordalbanischen Hochland in Thethi

III.

Die Berge hebe ich aber mir bis zum Ende auf, sie werden der Höhepunkt sein. Zunächst die Ebene. Über Shkodër nach Tirana, von Tirana ans Meer nach Divjakë, von dort über Vlorë die Adria-Küste hinunter bis Sarandë, kurz vor der griechischen Grenze. Endlose Stunden Fahrt jeden Tag, während es links und rechts so gleich aussieht, als ziehe jemand eine Tapete vorbei. Bauruinen in unterschiedlichen Stadien, Betongehäuse, aus denen Eisenstele ragen, oben baumeln verblichene Kuscheltiere gegen den bösen Blick. Immer fehlen die Dächer, als wollte man sich noch offenlassen, wie viele Geschosse man aufstockt, während es unten schon zu verfallen beginnt. Immer wieder geht die Autobahn abrupt in eine Schotterpiste über, die einen halben Meter tiefer liegt und nie angekündigt ist. An der Schwelle stehen Roma und reichen Obst und weiße Kaninchen in die offenen Fenster. Ab und zu steht eine Kuh auf der Fahrbahn.

Tirana: Abendruhe auf dem Skanderbeg-Platz, immer noch über 30 Grad, ein Muezzin-Ruf wabert durch die Luft wie eine Blixa-Bargeld-Klanginstallation (der erste, den ich in meinem Leben höre).

IV.

Den über 1000 Meter hohen Llogara-Pass, den man als Eingang zur Küste überwinden muss, schafft unser serbischer Kleinstwagen nur mit größter Mühe. Oben am Kamm hängen die Häuser schief aber selbstbewusst in den Felsen, die Bars ragen oft darüber hinaus. Der Blick geht weit übers blaue Meer, von Lukovë aus bis nach Korfu. Es ist unglaublich schön.

In Dhermi sitzen die älteren Männer im Zentrum und spielen Karten (Frauen sind an öffentlichen Plätzen kaum zu sehen, sie stehen gebückt in Gärten und auf Friedhöfen oder schieben sich, meist in schwarz, wie Schatten an den Hauswänden vorbei). Zwei Jungen führen uns zu zu einem Kloster oberhalb des Ortes, vor der Maria-Ikone schubsen sie sich kichernd herum und warten dann draußen, mit baumelnden Beinen, auf einem Felsvorsprung. Die Zeit vergeht nicht, sie haben Ferien und wissen nicht, dass sie von hier bis zur Ewigkeit nur noch punktuell so unbelastet träge sein können.

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Bar in Dhermi, Südalbanien

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Zentrum Dhermi

Im Dorfzentrum trinkt man Ouzo und schaut auf die Straße, die hier eng ist wie ein Nadelöhr. Den ganzen Tag schieben sich alle Modelle, die Daimler-Benz je produziert hat, aneinander vorbei, in Zeitlupe, wie um sich zu messen, Disziplin: Design, Haltbarkeit und kreative Reparatur. Es wäre der ideale Werbespot, wo sah Mercedes je so lässig aus? (Den ersten dieser Sorte importierte übrigens Hitler, als Hochzeitsgeschenk für König Zogu von Albanien, ein scharlachroter. Fünf Jahre später, 1943, besetzte er dessen Land).

Heute steht Deutschland wieder hoch im Kurs, Angela Merkel, die deutsche Wirtschaft und der Dieselmotor, alles läuft und stößt auf große Anerkennung, man heißt uns an der Küste überall willkommen. Verständigung klappt mit den Händen, mit englischen, französischen und rumänischen Worten und auf Albanisch: Shendët/ Prost! Der Tourismus läuft schlecht, die ganze Adria entlang sind die Strände leer, in den Bars langweilt sich das Personal und hört Euro-Pop. Es gibt Wegweiser zu Hotels, die Betongerippe sind, in Eile begonnen und liegengelassen.

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Strand in Divjake

V.

Die Hunde an den Straßen sind dürr wie Hyänen und rennen voller Angst weg, wenn ich ihnen etwas zu Essen zuwerfe. Nur zwei Schildkröten auf dem Weg landeinwärts von Sarandë nach Gjirokastër sind so langsam, dass ich sie retten kann. Gjirokastër ist wie erwartet schön, UNESCO-Weltkulturerbe, mittelalterliche Gassen und eine alte Festung hoch über der Stadt, darin ein Waffenmuseum, das während der Unruhen 1996/97 geplündert wurde, die Menschen griffen sich jahrhundertealte Schwerter und Büchsen, um die Banken zu stürmen, von denen sie sich durch faule Wertpapiere betrogen sahen. Was für ein Volk.

Kämpfer und Besiegte, Besiegte wie Herr Skënduli. Wir lernen ihn nicht als Herrn Skënduli kennen, sondern als Guide. Er führt durch das Skënduli-Haus, ein Mann mit hellen klugen Augen, der sehr müde aussieht. Das Skënduli-Haus ist zu besichtigen, ein prachtvolles Exemplar osmanischer Grandezza aus dem 18. Jahrhundert. Drei Stockwerke, feinziselierte Holzdecken und schmale, lange Zimmer mit Bänken rechts und links, darauf saßen die zahlreichen Familienmitglieder mit ihren zahlreichen Gästen. Es atmet die weltläuferische Lebensart von Menschen, die in mehreren Kulturen zu Hause sind. Mehrere Generationen lebten zusammen, die Zimmer rotierten mit dem Lebenszyklus, man zog von oben nach unten, es gab das Hochzeitszimmer im 3. Stock, das Kinderzimmer und das Zimmer der Eltern in der Mitte, das Zimmer der Großeltern unten. Es gab auch das winzige Winterzimmer, darin nur zwei Betten vor einem Kamin, überdeckt mit rotgefärbtem Lammfell.

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Skenduli-Haus, Gjirokaster

Erst als die Führung fast zu Ende ist und ich Herrn Skënduli mit vielen Fragen in schlechtem Französisch noch müder gemacht habe (vor allem mit der Bitte zu einem gemeinsamen Foto, zu der mich seine Distanz herausfordert, ganz gegen meine Gewohnheit), erst da stellt sich durch einen Versprecher heraus, dass Herr Skënduli Herr Skënduli ist, der eigentliche Erbe des Hauses. Er ist hier aufgewachsen, hat hier geheiratet und die Hochzeitsnacht im Hochzeitszimmer verbracht, just in dem Zimmer, in dem ich ihn um das Foto gebeten habe (er lächelt fein, als ich mich für diese Pietätlosigkeit entschuldige). Schließlich wurde seine Familie von dem Mann vertrieben, der im Haus gegenüber aufwuchs: Enver Hoxha. Die Besitztümer sind an den Staat gefallen und heute ist Herr Skënduli ein subotnik, wie er sagt. Großzügigerweise darf er Führungen geben und Touristen durch sein Elternhaus führen. (Er könnte jedesmal so beginnen: Ich bin der Nachfahre der großen Familie Skënduli…- Aber ich verstehe, dass er verschweigt, wer er ist, ohne die Distanz muss es unerträglich sein.) Über Herrn Skënduli muss man einen Film drehen.

VI.

Von Gjirokastër fahren wir über Berat zurück in den Norden, den Bergen entgegen. Wie ein mächtiger Wall bauen sie sich da auf, und man denkt, das was sie schützen, hinter sich, das muss ungeheuer wertvoll sein. Man gelangt deshalb nicht leicht dorthin, ins Hochland. Man braucht einen Fahrer, den man über die GiZ buchen soll. Die Strecke ist gefährlich. Es ist auch geraten, sich vorher um ein Quartier zu kümmern.

Edek muss nach Hause zurückfliegen. Ich habe noch fünf Tage Zeit. Aber ich bin erschöpft. Das viele Fahren, die Hitze, die ganze Reise. Ich sollte nochmal ans Meer in Montenegro, ausruhen. Aber Albanien verlassen, ohne in den Bergen gewesen zu sein, das wäre Halbmarathon. Ich fürchte mich wieder. Aber ich habe Recherchepflicht. Albanien muss zu seinem Recht kommen. (Forts. Folgt)

Më falni! Je suis desolée.

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Über Julia Jürgens

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