Die Heimat der Adler/ Hunde V

Von Podgorica geht die Reise allein weiter. Ich habe Edek über die Grenze nach Montenegro zum Flughafen gebracht, ihn und das Mietauto lasse ich dort zurück. Morgens halb neun sitze ich im Bus nach Shkodër, von dort will ich weiter ins nordalbanische Hochland. Wie ich dorthin komme, weiß ich nicht. Das Büro, das Fahrer in die Berge organisiert, ist geschlossen, es ist Sonntag, das merke ich erst auf der Fahrt. Eine Unterkunft habe ich auch nicht. Die Reise ist das Ziel. Die Reise ist eine Grenzerfahrung: Vier Stunden deliriere ich im überfüllten Bus ohne Klimaanlage in Schweiß und flachem Atem. Bei Ulcinj bin ich Schamane, in Trance. Zwei Stunden Zwischenstop. Ich verschmelze mit der Mittagshitze und allem, was ich sehe.

Ich sehe einen Hund mit gebrochenen Beinen am Straßenrand, die Beine zittern und sind verdreht. Der Hund kriecht auf einen Mann auf dem Weg zu, der Mann flucht und kickt den Hund mit dem Fuß zur Seite. Ohne Laut kriecht der Hund unter einen glänzenden SUV. Niemand außer mir guckt. Ich gehe zu dem Hund, meine Beine zittern wie seine, und lege mich auf den Boden. Ich sehe seine Augen, freundliche, sanfte Augen. Er grollt niemandem, dem Mann nicht und mir nicht, die ich ihm nicht helfen werde. Wir liegen voreinander, in Unbarmherzigkeit ausgeliefert. Der Hund muss sterben, und ich muss mit dem Bild des sterbenden Hundes weiter.

Weiter nach Shkodër. Vor meinen geschlossenen Augen fächern sich die gequälten Kreaturen der letzten Wochen auf wie ein Daumenkino. Der Hund in Ulcinj, der Hund in Luštica, hechelnd mit prallen Zitzen an der Straße entlanglaufend, ich sehe in die waagerechten Pupillen der weißen Ziege aus dem Durmitor-Gebirge und in die aufgerissenen Augen der Kaninchen, die Roma an der Autobahn zwischen Durrës und Tirana darboten. Ich sehe auch die Säuglinge, mit denen sie am Grenzübergang in Muriqan standen am Tag zuvor, Albino-Kinder mit verbrannter, krustiger Haut, die Köpfe baumeln über die Unterarme der Mütter. Ich starre an den oberen Rand der Busscheibe, bis wir in Shkodër sind. Wie krank falle ich aus der Tür ins Chaos der Stadt.

II.

Cowboyfilm-Mittagshitze, ich betrete die Straße. Eine Fremde. Alles hält inne, wie schon in Cuman und Fier, Städte, die nicht so touristenfrequentiert sind wie die Küstenorte im Süden. Dort haben die Menschen auch geguckt, aber anders, verhohlener, aus den Augenwinkeln. Hier wird offen gestarrt, ohne Lächeln. Alle starren, alte und junge Männer, alte und junge Frauen, die Blicke sind direkt und werden gehalten, wenn ich zurück gucke. Nichts bricht den Bann. Eine Frau allein in meinem Alter erstaunt im besten Fall oder erregt Mitleid, eher aber Abwehr. Daran habe ich nicht gedacht, bisher war ich zu zweit.

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Shkoder

Die Straßen von Shkodër sind ein einziger Basar von Kühlschränken, Schuhen, Gardinen, Plastikstühlen, Brautkleidern, Tonnen von Obst und Bierpaletten, alles aufgetürmt, auf riesige Haufen geschüttet, ein Schrottplatz aus neuen Waren, die jedoch, außer dem Bier und dem Obst, benutzt aussehen. Vor den Warenhaufen stehen Stühle, Männer, Frauen, Jugendliche, alles sitzt auf der Straße im Schatten der Bäume.

Auf der Rruga Europa finde ich einen Fahrer. Eigentlich zwei, die um das gute Geschäft streiten. Obwohl ich schon entschieden habe, schubsen sie sich wild und schreien sich an, mir sind beide nicht sympathisch. Ich steige in einen alten Jeep ein. Nicht wie eine Entdeckerin, eher wie eine Geisel. Ziel ist Thethi, 40 Kilometer weit, 1650 Meter hoch, die Wipfel der Angstlust.

Nach einer Viertelstunde der erste Stop, der Schwager des Fahrers und dessen zwei Kinder steigen zu. Der Schwager sieht mir nicht in die Augen, leitet aber über seine Tochter, die ein wenig Englisch spricht, Fragen nach vorn. Wie ich Albanien finde? Wo ich arbeite? Wer unser Präsident ist? There is no democracy in Sqipëria, lässt er mir sagen, not in the family, not in politics, und: Sqipëria is like Germany in the 30ies, don’t you think so? Zu meinen Fragen zum Kanun wird geschwiegen.

Der Fahrer trinkt ein Bier nach dem anderen. Er ist entrüstet, dass ich mich anschnalle, als es kurviger wird. Good driver, heh! brüllt er und schlägt sich auf die Brust. Er löst den Gurt, ich mache ihn wieder fest, er löst ihn wieder. Er sagt etwas auf Albanisch, über das alle lachen und fordert das Mädchen auf, zu übersetzen. Sie windet sich, muss aber gehorchen. He said for every German soldier who killed one Albanian, we killed 50 Germans. Das Auto schaukelt vor Lachen, selbst der kleine Junge kichert.

Die Straße schraubt sich steil und immer schmaler werdend in die Höhe, in den engen Kurven neigt sich der Jeep über den Wegrand in atemberaubende Schluchten. Überall stehen Kreuze mit eingerahmten Fotos junger Männer und irgendwo eine Büste von Edith Durham. Sie ist eine Heldin, ich nicht. Mir ist elend zumute.  Als wir in Thethi ankommen, ist es finster. Der Aufstieg in die Berge hat sechs Stunden gedauert. Am Dorfeingang laden wir bei Bekannten des Fahrers ein Schaf in den Kofferraum, winden uns ein paar Kurven mehr nach oben und sind da.

III.

In den Bergen ist der Kanun, das archaische Gewohnheitsrecht der Albaner, vom Tourismus längst entdeckt. Sein brutales Kernelement, die Blutrache, wird immer noch ausgeübt, zeitgleich Besuchern aber schon als Folklore vorgeführt. Die Hauptattraktion in Thethi ist der „Blutturm“, ein schmaler Turm aus Stein, in dem sich Männer, die einen Blutrache-Mord begangen hatten, versteckt hielten, es war eine respektierte neutrale Zone. Manche lebten jahrelang hier, die Frauen der Familie durften Essen bringen. Heute leben die, die um Rache fürchten, versteckt in ihren Häusern, lese ich. Der Turm ist damit zur Besichtigung freigegeben, Eintritt 1 Euro.

Blutturm

Blutturm (kulla) in Thethi

Der Tourismus wirbt auch mit der Gastfreundschaft, die der Kanun vorschreibt („Das Haus des Albaners gehört Gott und dem Gast“). Der Satz dreht sich in meinem Kopf, die ganze Nacht, die ich auf einer Eisenpritsche im düstersten Zimmer im Haus des Fahrers verbringe. Preis 25 €. Die Bezahlung in Euro ist in Albanien so irreal wie bei Monopoly. Nur gilt immer der Hotelpreis, auch wenn gar keins da steht. (Ich will nachts flüchten, schlafe aber doch ein und werde erst wach, als im Morgengrauen das Schaf schreit. Bis ich meine Sachen gepackt habe, ist es kopfüber an einen Baum gehängt. Ich setze mich und sehe zu, wie ihm Stück für Stück das Fell vom Leib gezogen wird, wie ein zu enger Pullover. In meinem Kopf breitet sich Frieden aus. Das tote Schaf ist viel weniger schlimm als das lebendige gestern im Kofferraum. Die Vorstellung macht die Furcht, nicht das Reale. Jetzt kann ich mich umsehen.)

IV.

Die Berge sind überwältigend. Das Dorf-Plateau liegt wie eine grüne Oase in ihrer Mitte. Überall sprudeln Quellen, Gurgeln und plätscherndes Fließen von Wasser ist das einzige Geräusch. Brutale Morde kann man sich in dieser Umgebung schwer vorstellen. Vielleicht muss man einen Winter erlebt haben, wenn das Dorf von September bis April von allen Zugängen abgeschnitten ist und die Welt noch kleiner wird. Nur noch 80 Bewohner sollen dauerhaft hier leben, die meisten kommen nur noch im Sommer her, für den Tourismus. Wie der funktioniert, das verstehen vor allem die Kinder. Sie haben klare und hübsche Gesichter und überfallen einen überall mit rührender bis nerviger Geschäftstüchtigkeit. Where you go? Where sleep? You coffee?

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Thethi

Ein neunjähriges Mädchen begleitet mich zu einem muzeu, das die GiZ in Thethi aufgebaut hat. Hier haben die Hochländer ihre Widerstandsfähigkeit gegen westliche Belehrung sympathisch unter Beweis gestellt. Ohne jede Ordnung sind ein paar Objekte in der Mitte des einziges Raumes aufgebaut. Im düsteren Licht sind sie kaum erkennbar. Jessica, das Mädchen, führt mir alles der Reihe nach vor, ohne Scheu vor historischem Material. Es sind praktische Dinge, die sie kennt. Ein Stein zum Mahlen von Getreide, hunger, sagt sie und reibt den Stab zwischen ihren Händen. Ein angedeutetes Schaukelpferd ohne Kopf und Schwanz, sie wippt wild, aus dem Rumpf brechen ein paar Holzstreben heraus. Sie zupft an der lahuli, dem gitarreähnlichen Instrument mit nur einer Saite und ballert mit einem Gewehr durch eine Schießscharte ins Freie, bumm bumm, geschickt legt sie imaginäre Patronen nach. Dann ist sie fertig und geht zielstrebig zur Tür. One Euro fifty, sagt sie.

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Museum, Thethi

Auf dem Weg zum Wasserfall verkauft eine Frau mit ihrer kleinen Tochter Kaffee, Fanta und Melonen. Ihre Rollen sind vertauscht, die Tochter managt den Verkauf, die Mutter holt, was sie ihr zuruft und guckt lächelnd, wie die Tochter die Wünsche der Gäste entgegennimmt und das Geld einfordert. Für sie ist es Spiel, ein Kaufmannsladen im Freien. Wenn diese Generation in 20 Jahren das Business ihrer Eltern übernimmt, wird sich der Ort verändern. (Bisher gibt es nur ein Restaurant mit Fernseher, das westliche Standards einigermaßen glaubhaft nachahmt, aber jemand erzählt mir, der erste Fast-Food-Imbiss mit Bowling sei bereits in Planung).

Nur die Älteren federn die westliche Dienstleistungsshow ab. Ihnen sieht man den Argwohn gegen die neuen Zeiten an. Alte Bauern schauen stumm von ihren Landstücken auf die Touristen, die in unangemessener Kleidung, mit Rucksäcken und bunten Mützen einer ihnen unverständlichen Beschäftigung nachgehen. In dem Dorf, in dem sie ihr Leben lang hart gearbeitet, die Felder bestellt und das Vieh geweidet haben, wandern Fremde herum und klettern auf die Berge, die sie beim Hochschauen vom Sensen gegen die Sonne blinzelnd nur gesehen haben. Sie laufen auf ihrem Land umher und fotografieren Heuhaufen, Hühner und Kinder. Auf den Viehweiden ihrer Großeltern stellen sie Iglu-Zelte auf und trinken Kaffee auf Campingstühlen.

Am besten geht es hier oben den Tieren. Sie haben alles, was sie brauchen und laufen frei im Dorf herum, Schafe, Pferde, Hühner, Ziegen und Hunde.

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Thethi

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Über Julia Jürgens

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