Der mioritische Raum

Von Albanien zurück zu Rumänien. Beides scheint nahtlos ineinander überzugehen, es ist eine zeitliche Täuschung: Die Zeit zwischen den Reisen erstreckt sich eigentlich über mehrere Monate und ist viel kürzer als die Reisezeit selbst. Hier und in meiner Erinnerung schrumpft sie aber auf ein paar Tage, während die Reisen sich weit ausdehnen. Ihr Zeitvolumen verdoppelt und verdreifacht sich und legt sich über die reale Zeit im Alltag, so dass die letzte Reise eigentlich erst vorbei ist, wenn wieder eine neue beginnt.

So habe ich das Gefühl, ich reise direkt weiter. Aber es ist nicht nur die Zeit, die eins wird. Albanien – Rumänien, das scheint auch räumlich aneinander anzuschließen, und ich meine nicht nur geographisch. Ich kann es nicht durch Vergleiche begründen, auch wenn ich sie gewonnen und Ähnlichkeiten festgestellt habe. Ethnologie hat etwas untergründig Rassistisches, man möchte die Eigenheit eines Volkes beschreiben, darf diese aber nie als Seinsmerkmal postulieren, nicht als Wesen, nur als Geschichte. Die Wahrnehmung sperrt sich dagegen. Man kann nur durch Vergleiche etwas wahrnehmen, und weil das Beobachten so schnell geht und schnelle Rückschlüsse erfordert, vereinfacht man das, was man sieht, auf Gegebenheiten (die fix sein müssen und nichts von einer kulturwissenschaftlich korrekten Weichheit haben dürfen – wenn man etwas dagegenhält, müssen sie standhalten und Unterschiede erkennbar machen und  Ähnlichkeiten auch).

Ich hatte jedenfalls ein Gefühl von Ähnlichkeit, das ich bis jetzt nicht fassen konnte, ohne in völkisches Vokabular zu tappen. Ich habe jetzt eine Erklärung gefunden, die zwar nicht ohne das auskommt, aber aus einer Zeit stammt, in der man dafür noch nicht sensibel war. Der mioritsche Raum. So erklärt es Lucian Blaga, ein rumänischer Dichter und Philosoph: Jede Kultur hat ein Raumgefühl. Die Theorie hat Blaga von anderen übernommen, den sogenannten Kulturmorphologen wie u.a. Oswald Spengler, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts damit beschäftigten, wie Landschaften ein spezifisches Raumgefühl von Kulturen prägen. Davon gingen sie aus: Das Abendland, meinte Spengler, drängt den Raum ins Unendliche und hat ein maßloses dreidimensionales Bild vom Raum, in dem es lebt. Gegenteilig hatten die Griechen die Vorstellung eines begrenzten, harmonisch abgerundeten Raums. In der arabischen Welt ist der Raum gewölbt, in der altägyptischen Welt ein Labyrinth.

Lucian Blaga hat ein eigenes Raumkonzept und für Rumänien einen eigenen besonderen Raum, den mioritischen Raum.

„Es ist vor allem ein gewisser, welliger, räumlicher Horizont, der mioritische, und gleichermaßen ein Horizont eines wiegenden Voranschreitens in der Zeit. Diese bilden die Koordinaten einer Geistigkeit. Es verschmilzt sich mit diesen Gesichtskreisen vor allem ein Schicksalsgefühl, das auch als wellig erlebt wird, als Abwechslung von Höhen und Tiefen, als Vordringen in einer Sternheimat.“

Bevor ich mioritisch erkläre, vergegenwärtige man sich die in Wellen aufsteigende Landschaft der Karpaten. Jeder, der dort einmal war, sieht sie vor sich. Die sanften Wellen, das Auf und Ab, zeichnen die Lieder der Hirten, die Wellen haben sich, in der jahrhundertelangen Bewegung des Auf- und Abstiegs der Berge, dem Unbewussten eingeformt. Die Wellen schwingen sich die Karpaten entlang hoch zum Plateau, zum plai. Das ist der Raumhorizont nach Blaga. Von unten wellig nach oben, so verläuft die Sehnsucht. Oben steht der Schäfer und weidet seine Herden. Er ist melancholisch, sehnsüchtig. Schicksalsergeben.

So ist es in der Mioriţa, einer alten Volksballade, die Blaga seiner Theorie voranstellt: Darin wird ein Schäfer von einem Lämmchen gewarnt, dass zwei andere Schäfer gegen ihn intrigieren und ihn erschlagen wollen. Das Lämmchen fleht ihn an, mit der Herde zu fliehen. Der Schäfer aber bleibt, er fügt sich in sein Schicksal, ohne nur den Funken eines Wunsches, es irgendwie aufzuhalten oder auch nur ungerecht zu finden. Seinen Tod deutet er um in eine Hochzeit mit der Natur und den Elementen und so will er ihn betrachtet wissen, von seiner Mutter und dem Rest der Welt:

Vom Mord sollst du nichts sagen/

dies allein sag an/ Dass ich glücklich gewann/

eine stolze Königin traut/ aller Welten Braut…/

Bei meinem Hochzeitstanz/ fiel ein Stern in Glanz/

Und der Mond und die Sonne/ hielten den Kranz mir in Wonne

Tannen und Platanen waren Gäste/ bei meinem Hochzeitsfeste

Meine Priester waren Gipfel/ meine Sänger die Vögel im Wipfel

Tausend Vögelein ferne/ und meine Fackeln die Sterne (…)

Zur Mioriţa lässt sich viel sagen, sie ist ein eigenes Kapitel. Interessant ist hier, wie besonders das Lebensgefühl und die Tragik dieses Hirten ist. Im Vergleich zum Beispiel zur Tragik des klassisch griechischen Helden. Der erhebt sich gegen das Schicksal, er übergeht, verdrängt, fordert es heraus. Und wird doch von ihm besiegt. Das ist die Tragik: die Auflehnung. Ohne sie hätte der griechische Mythos gar keinen Stoff, keine Handlung. Die Mioriţa hat keine Handlung. Die Tragik ihres Helden ist seine Ergebenheit. Er ist ein Antiheld avant-la-lettre. Er hat keine Autonomie zu beweisen, keine Selbstüberschätzung und kann sich daher jede Aktion sparen. Er glaubt nur an die Natur und dass er ein Teil von ihr ist, nicht mehr und nicht nicht weniger als die Tiere und die Bäume und Sterne. Er kommt aus ihr und stirbt in ihr. Er ist ihr tief verbunden.

(Über Albanien hat, so stelle ich mir vor, kreuzt sich der abgerundete griechische Horizont mit dem gewellten rumänischen Horizont. Beide stoßen aneinander und bringen starke und doch schicksalsergebene Kämpfer hervor. In meiner ganz persönlichen Theorie.)

Weil die Theorie vom Raumhorizont auf der Idee einer „Volksseele“ fußt, ist sie heute überholt, aus gutem Grund. Aber Lucian Blaga hat ein paar sehr schöne Dinge beobachtet, und nur weil man sie heute nicht mehr beobachten oder zumindest nicht mehr so aufschreiben dürfte, muss man sie nicht verwerfen. Er glaubte anders als Spengler und seine Zeitgenossen übrigens nicht, dass die Landschaft den Raumhorizont der Menschen prägt. Er dachte es eher andersherum. In seiner Vorstellung haftet das seelisch Unbewusste einer Kultur in der Landschaft „wie der Wind in dem Segel eines Schiffes“. Diesen Wind spüre ich, in Rumänien und auch in Albanien.

Nach Rumänien geht die Reise heute, heute abend.

Bis bald wieder hier!

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Über Julia Jürgens

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