Leben und Sterben in Săpânță

Săpânță ist ein Dorf in der Maramuresch, im Norden Rumäniens, eine Handbreit von der Ukraine entfernt. Die Landschaft ein grünes Meer bei mittlerem Wellengang, weiße und schwarzweiße Punkte bewegen sich in der Ferne hin und her, hoch und runter. Schnurgerade gleiten nur die Autos auf der Straße, und die Menschen in ihrem Fahrwasser, sie laufen mit Plastiktüten, Kanistern oder Sensen über den Schultern, die Klingen mit Stoff umwickelt. Pferdewagen fahren ein, meterhoch mit Heu beladen oder nur mit ein paar Werkzeugen darin. Am Straßenrand sitzen die Alten und beobachten all diese Bewegung, sie sitzen zu zweit oder dritt und schauen wie Fischer am Hafen aufs Meer. Die Sonne geht unter, ihr Tagewerk ist vollbracht. Sie sind alt, oder sie haben nur für heute die Arbeit beendet. Wann die Arbeit fertig ist, das weiß man hier. Dann kann man ruhen.

Wer möchte eigentlich jung sein? Der Traum wäre doch eher, alt zu sein, ewig alt. Müde wie am Ende eines langes Tages, mit dicken schweren Beinen am Rand sitzen und dem Tun der anderen zuschauen. (Die Beine kann man jetzt in Wollstrümpfe stecken, die Haare unter ein Tuch, es ist nichts mehr eitel und Haschen nach Wind.) Die jungen Mädchen laufen Hand in Hand mit glitzernden T-Shirts und klopfenden Herzen zum magazin mixt, ihre Sehnsucht prallt gegen die Rücken der Männer in der Bar gegenüber und erwischt sie wieder von vorn. Das eine Mädchen muss mit einem der Männer später fünf Kinder bekommen, das andere seine Heimat verlassen und nach Spanien, Italien oder Frankreich gehen, vorher müssen sie sich aber noch in den gleichen Jungen verlieben, jetzt gleich.

Die drei, vier Möglichkeiten, die jedes Leben hat, in denen es sich von den anderen unterscheidet, bevor es am Ende wieder gleich wird, hier auf der Holzbank und dann dort unter dem Holzkreuz, auf dem cimitir vesel, dem Fröhlichen Friedhof von Săpânță. Wie jeder Besucher bin ich wegen des Friedhofs hierher gekommen. Der Friedhof ist einzigartig, bunt stehen Hunderte von bemalten Holzkreuzen, jedes ein geschnitzter Steckbrief eines Menschen mit Bild und Text, hintereinander weggelesen ein satirischer Comic-Strip über Leben und Sterben in Săpânță.

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Sapânță

Wenn man den Friedhof gesehen hat, blickt man auf die Menschen um sich (und auf sich selbst) und versucht, ein Leben in fünf Sätzen zu denken. Fünf Sätze, die sich reimen. So fassen es die Kreuze, die hier statt Grabsteine der Menschen erinnern. In jedes ist der Lebenslauf eingraviert, meist in Reimform, er beginnt immer mit der gleichen Wendung: Eu aici mă odhinesc, Pop Maria mă numesc…(zum Beispiel: Hier ruhe ich, Maria Pop heiße ich…) und erzählt dann, wen und was der Tote geliebt hat, welchen Beruf er hatte, wie viele Kinder und Enkel, was man an ihm erinnern wird. Über dem Text ist ein gemaltes Bild, das den Toten in einer für ihn typischen Szene zeigt, sie ist mit Arbeit, Familie oder einer Leidenschaft verknüpft.

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Männer sind inmitten von Schafen oder Kühen abgebildet, beim Baumfällen, im Bergwerk, in einer Amtsstube, in einem Auto. Frauen sieht man oft am Spinnrad oder an einem Tisch mit vielen Tellern, Tassen und Kindern. Manche Kreuze zeigen auch den Moment des Todes: Jungen liegen auf Eisenbahnschienen, kleine Mädchen unter Autos (Autounfälle scheinen traurigerweise eine häufige Todesursache zu sein, besonders von Mädchen).

Manche Holzkreuze zeigen nur ein großes ernstes Gesicht. Über diese Menschen gibt es scheinbar nichts zu erzählen, keine Zusammenhänge, in denen man sie zeigen könnte, keine Arbeit oder Familie. Und das steht dann genauso da: ..în lume cât am trait/ nu am mult de povestit/ von meinem Leben gibt es nicht viel zu erzählen). Meist, liest man, waren sie krank, blieben unverheiratet, oder starben früh.

Die Grabschriften lesen sich wie Max-und-Moritz-Fabeln. Mit leichtem Ernst und lakonischer Klugheit erzählen sie vom Glück langer und erfüllter Leben und vom Unglück der kurzen. Es gibt viele Unfälle, die trauernde Mütter und Väter, Ehefrauen, Ehemänner, Söhne und Töchter zurücklassen (hier sind die Texte nie lakonisch). Sie erzählen auch von Wut: Eltern sind supărați, wütend, wenn sie ihre Kinder früh verlieren, Männer, weil sie sitzengelassen werden, Frauen, weil sie kinderlos bleiben. Man stirbt nicht immer versöhnt. Es wird auch nichts verborgen, Trink- oder Spielsucht ist eingraviert, wenn sie das Leben prägte (es heißt, Ioan Stan Petras, der Erfinder der Tradition der bunten Holzkreuze, ließ sich nie in die Auswahl der Bilder und Worte hineinreden).

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Während jede Geschichte in ihren Wendungen so wahllos erscheint, ergeben alle zusammen Sinn. Der fröhliche Friedhof ist ein Kunstwerk, ein Kunstwerk des Lebens.

Die Menschen im Dorf, die Alten und Jungen, schreiben noch an ihren Texten, so wie ich an meinem. Ich versuche mir mein Bild vorzustellen: Ein großes weißes MacBook, ein Zug, in dem ich sitze? Ein Tisch, an dem ich sitze? Mit wie vielen Tellern und Tassen? Hauptsache, denke ich, es ist nicht nur ein Gesicht.

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Über Julia Jürgens

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Eine Antwort zu Leben und Sterben in Săpânță

  1. T. schreibt:

    Ganz großartig!

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