Bogdan Vodă

Ich sitze viel im Auto. Ich halte zu wenig an. Wie auf einer Safari beobachte ich beim Fahren, ich fahre langsam mit heruntergelassenen Scheiben. Ich beobachte die Dorforganismen, die im Iza-Tal vorüberziehen, den gleichmäßig mühsamen Stoffwechsel zwischen Mensch, Tier und Pflanzen, wie er seit Jahrhunderten ist. Jeder gibt dem anderen so viel, wie er gerade braucht, nicht mehr. Oft weniger. Man hat sich in Demut aufeinander eingestellt. Alle scheinen im gleichen Maß voneinander abhängig, es ist ein Verhältnis, in dem niemand die Überhand bekommt. Es gibt widerspenstige Tiere, die angetrieben werden. Oft bewegen sich Pferde und Kühe aber mit größerer Dringlichkeit nach vorn als die Menschen hinter ihnen. Der Hirte, der lenkt, darin scheinen sich alle einig, ist nicht auf Erden. Er ist im Himmel, über den Dingen.

Ich halte in Bogdan Vodă. Es ist Karfreitag, der Hirtensohn gekreuzigt, die Stimmung gedämpft. Ich bin hierher zurückgekommen, nachdem ich schon bis ins Rodna-Gebirge gefahren war. Auf der Suche nach dem richtigen Ort für das orthodoxe Osterfest bin ich umgedreht. Das ist ein Ziel der Reise: Bilder des Osterfestes aus der Maramureș. Einige habe ich schon vor der Reise vor mir gesehen: Eine lange staubige Dorfstraße, auf der sich Menschen auf eine Kirche zubewegen, eine Holzkirche mit spitzem Turm. Alte, in Tracht, Junge, in Jeans. Die bunten Maramureș-Kopftücher nebeneinander. Bilder eines Osterbrauches vielleicht, wie ich sie vor ein paar Jahren in Sighișoara und Umgebung gemacht habe.

Bogdan Vodă ist ein kleines Dorf, benannt nach dem Gründer des Fürstentums Moldau. Im 14. Jahrhundert setzte er von hier an, über den Prislop-Pass in die Moldau zu ziehen und ein autonomes Reich zu gründen. Das obligatorische Reiterdenkmal steht in der Dorfmitte. Daneben die Bar. Gegenüber die Kirche, die alte, aus Tannenholz. Daneben die neue Kirche. Daneben die Schule.

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Bogdan Vodă

Ich komme mittags an, bei 36 Grad. Kinder laufen auf mich zu, ein Mädchen fragt, ob es mir einen Schatz zeigen soll, ehrfürchtig in ein Taschentuch gewickelt: ein 10 Cent-Stück. Es sei so viel Wert wie 200 Lei (etwas weniger als 50 €), sagt sie, die anderen gucken neidisch. Der Dorforganismus hakt, sobald ich aussteige. Die Alten auf ihren Bänken gucken hoch. Die Bauern von ihren Karutzen gucken herunter. Die Männer in der Bar hängen verdreht über den Plastiklehnen der Stühle. Für einen Moment sehen sie die Welt hinter den Hügeln. Oder was sehen sie?

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Dorfstrasse Bogdan Vodă

Eine Familie im Dorf vermietet Zimmer. Auf dem Dachboden, für die Gäste ist Laminat verlegt, während sonst im Haus der Steinboden mit Teppichen bedeckt ist. Laminat scheint ein selbstauferlegter Standard für Gäste zu sein, selbst hier auf dem Land, wo kaum welche vorbeikommen. Laminat, Fernseher und der Bettüberwurf: Stets erdrückend, in Musterung und Gewicht, mit Silber und Gold durchwirkter Seiden-Fake. Brokat im Bauernhaus, im Möbelhaus der nächstgrößeren Stadt teuer erworben. Der Bettüberwurf verströmt eine Traurigkeit, die innerhalb des Raumes nicht zu überwinden ist, nicht in Săpânta, Borșa, Sucevița, Pașcani. Davon hätte ich eine Fotoserie machen sollen.

Es dämmert schon, als die Glocken läuten, der Gottesdienst beginnt um acht, zu spät für gute Fotos. In Gruppen kommen die Menschen, zwei bis drei nebeneinanderlaufend, auf der Straße, die nicht staubt. Die alten Frauen tragen grüne Pullover und schwarze Kopftücher (nur ich ein farbiges). In der Kirche versammeln sich die Frauen auf der linken, die Männer auf der rechten Seite. Die linke Seite quillt über, alle Bänke sind belegt und auch dahinter stehen die hauptsächlich alten Frauen. Die rechte Seite ist licht, alle älteren Männer haben Platz, nur eine Reihe von Jugendllichen steht. Ernst folgen sie den Worten des Popen und wippen auf ihren Nikes vor und zurück. Jeder wirkt ganz in sich versunken.

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Kirchhof Bogdan Vodă

Ich kann keines der Worte mitsagen, meine Arme hängen schlaff an der Seite, während die anderen sich ein ums andere Mal bekreuzigen. Endlich synchron mit der Masse lasse ich mich auf die Knie fallen. Die Männer knien wie Minnesänger nur auf einem Bein, das andere aufgestellt, die Frauen auf beiden Knien. Auch die ganz Alten, sie knien mit einer unfassbaren Ausdauer. Ich betrachte die abwärts geneigten Profile, die vom Kamm gesträhnten dünnen Haare unter den Tüchern, die tiefen Furchen auf Stirn und Wangen. Die Augen vieler ganz hell, leuchtend. Verlieren Augen irgendwann ihre Farbe, frage ich mich, oder ist das der Glaube. Meine Kniescheiben schmerzen auf dem kalten Stein, ich halte nicht so lang aus wie die anderen. Ich blicke auf die gebeugten Rücken um mich herum und stehe im Kirchenschiff wie im Schlafzimmer eines Kindes, das nicht meines ist. Wo sonst kann man so aufgehoben und gleichzeitig so verloren sein.

Auch vor der Kirche knien die Menschen. Auf dem rechten Teil des Kirchhofs die Männer, links die Frauen. Im Gras. Die Männer sind in Alltagskleidung, T-shirts und Jeans. Nach dem Knien setzen sie sich auf den Steinvorsprung der Kirchenmauer. Sie scheinen das Ganze etwas lässiger anzugehen, unterhalten sich auch zwischendurch, dann aber bekreuzigen sie sich und beten und knien wieder. Die Bar gegenüber ist auch besetzt. Aber auch dort hören die Männer auf den Text, der aus den Lautsprechern am Kirchentor kommt und reden mit gedämpften Stimmen.

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Kirchhof Bogdan Vodă

Es ist ein sehr schönes Bild. Ich entferne mich daraus, auf leisen Sohlen. Es ist dunkel und kühl auf dem Weg nach Hause. Der Gottesdienst ist noch längst nicht zu Ende.

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Über Julia Jürgens

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