Borșa

Die Reise geht durch den Norden Rumäniens, die Maramuresch, die Bukowina, die Moldau. Von Baia Mare im Nordwesten bis Iași im Nordosten. Die Fixpunkte habe ich von zu Hause aus markiert, in Blindwahl. Zwei Kreuze auf der Karte machen aus der Geraden eine Strecke (Vorsicht vor der Linie, die ins Unendliche läuft). A und B, Start- und Zielpunkt, zwölf Tage = zwölf Unbekannte dazwischen. So lange bin ich noch nie allein gereist.

Jeder, mit dem ich vorher spreche, schwärmt vom Allein-Reisen. Man lernt so schnell Leute kennen! Die Erlebnisse sind viel intensiver! Man nimmt mehr von der Umgebung wahr, wenn man nicht mit jemand anderem beschäftigt ist. Die das sagen sind auf Rucksack-Trails durch Asien gereist oder per Interrail durch Westeuropa, die meisten zu zweit. Die Zuzweitreisenden erzählen besonders überzeugt vom Alleinreisen. Vielleicht haben sie sich während der Reisen ihre Begleiter so oft weggewünscht, dass sie im Nachhinein meinen, sie waren eigentlich immer allein unterwegs. Am Mythos des Alleinreisens sind aber die Alleinreisenden selbst schuld. Sie kreieren diesen Mythos. Menschen, die sich allein durch etwas hindurchkämpfen, können scheinbar nicht anders, als es zu glorifizieren. Je härter das allein Durchlebte, desto größer der Mythos. Niemand schafft, es als etwas Sinnloses stehenzulassen. Ein Krieg, eine Krankheit. Eine Reise. Es wird eine exklusive Erfahrungswelt daraus gemacht. Weil man in dieser Welt aber dann doch einsam ist, versucht man andere mit hineinzuziehen. Man wünscht sich, dass sie das Gleiche durchleben. Denn allein will am Ende niemand sein. So boshaft sind Mythen motiviert.

Image

Lonely Cowboy, Pensiunea Fântână in Borsa

Ein Ort wie Borșa zum Beispiel. Was hätte man zu zweit damit machen können (oder zu dritt oder viert). Allein aber fährt er einem in die Knochen. Er lähmt wie ein Schlangenbiss. Angekündigt als touristisches Wanderparadies, grüne Auen, schneebedeckte Berge. (Ich weiß nicht, was den Reiseführer-Autoren motiviert hat, diesen Mythos aufrechtzuerhalten:  „diese herrlich zwischen Rodna- und Maramuresch-Gebirge gelegene Kurstadt“.) Die Auen und Berge gibt es, in der Ferne. Davor baut sich das traurigste Tourismusdesaster auf, das ich je gesehen habe. Trümmer-Ruinen kommunistischer Hotels gigantischer Ausmaße. Daneben angefangene und liegengelassene Bauten neueren Datums, rostige Bagger, Sand- und Schutthaufen stehen herum. Angekettete Hunde verteidigen den Müll gegen die Ärmsten, die ihn stehlen könnten. Pferde weiden vor den Mauerresten. Es könnte möglich sein, dass hier seit 50 Jahren niemand mehr gewesen ist. Der Skilift treibt quietschend leere rote Stühle in die Höhe.

Image

Borsa

Als Alleinreisender nimmt man mehr von der Umgebung wahr, das stimmt. Sie fällt einem erbarmungslos in die Sinne hinein. Borșa sendet Signale, die schmerzen. Ein Begleiter hätte das vielleicht abgefangen. So fiept mein Geigerzähler in den höchsten Tönen.

Als Alleinreisender hält man an seinen Plänen fest. In meinem Plan ist Wandern angesagt. Ich fahre mit dem rostigen Skilift in die kalten Höhen der Berge. Laufe zum Wasserfall. Mache ein Foto. Mache Pause am Fuß einer steilen grünen Wiese, die nicht verstellt ist von Häusern. (Diese Wiese ist im Reiseführer abgedruckt, glaube ich.)

Am Tag ist ein wenig Leben in Borșa. Sägen kreischen, es wird Holz geschnitten. Aus dem Holz werden Terrassen und Gazebos gebaut, ich zähle fünf, Gazebos an einem Ort wie diesem! Sie stehen wie Holzgruften in den Gärten.

Image

Borsa

Im März 2000 traten aus einem Klärbecken des Goldbergwerks Borșa 22.000 Tonnen schwermetallbelastete Bergbau-Reste in den angrenzenden Bach Vaser. Von dort gelangte das Gift in den Fluss Vișeu. (Wikipedia) Diese Giftwelle hatte die Flüsse Theiß und Donau auf weiten Strecken verseucht und ein massives Fischsterben zur Folge (RP Online).

Das lese ich eine Woche später, am vorläufigen Zielpunkt in Iași. Mit Borșa lasse ich die Maramuresch hinter mir.

Werbeanzeigen

Über Julia Jürgens

Bloggen | Reisen | Süd | Ost | Europa
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Borșa

  1. Hans van Neutegem schreibt:

    Hallo Julia, vielen Dank mal wieder für deine sehr tolle neue Geschichte. Weil ich selber früher immer alleine verreist bin, kann ich einiges gut nachempfinden von was Du erzählst. Ich bewundere deine Einstellung und freue mich immer über deine neue Erzählungen. Ich wünsche Dir noch viele schöne und positive Erlebnisse. Liebe Grüße. Hans

    • Julia Jürgens schreibt:

      Lieber Hans, wie schön, dass es Dir so gut gefällt und Du den Geschichten folgst! Das macht Mut, noch mehr zu erzählen – und es gibt noch viel zu erzählen (: Liebe Grüße, Julia

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s