Cârlibaba

Weiter in die Bukowina, über den Prislop-Pass. Mit der Höhe wird die Gegend dunkler, Tannen breiten ihre Zweige wie riesige Krähenflügel aus. Anders als im Schwarzwald, wo die Tannen in den Himmel hineinwachsen und ihm das Licht nehmen, wird es hier aber nie düster. Der Horizont streckt sich von den Bäumen weg, scheint es, und er sammelt sein Licht in der Mitte, wo ihn die Wipfel nicht erreichen. Wenn Menschen, die Rumänien nicht kennen, sich das Land vorstellen, haben sie eigentlich, glaube ich, den Schwarzwald vor Augen. Sie denken, so sieht Transsilvanien aus. Aber so finster wie das Höllental ist Transsilvanien nur für einen Moment, an seinem nördlichen Ausgang an der Bicaz-Schlucht. Hier nimmt das Missverständnis zu Rumänien seinen Anfang.

Rumänien ist so grün wie Irland, nur lichter. Und wilder. Bram Stoker, der ja bei Dublin geboren wurde und aufwuchs, hat instinktiv vielleicht die Verwandtschaft seines Landes mit Rumänien gespürt. Den Nebel und die ganze klamme irische Trostlosigkeit hat er für seinen Bestseller dann einfach nach Transsilvanien versetzt. Wo er nachweislich niemals war. Eine folgenreiche Projektion: Menschen stellen sich Transsilvanien bis heute so düster vor, wie eigentlich Irland aussieht. Während die Menschen, wenn sie sich Irland vorstellen, eigentlich Transsilvanien vor Augen haben (grüne Hügel mit Schafen). Die unheimliche Kraft der Mythen…

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Kloster, Prislop-Pass

Stop in Cârlibaba. Hier ist das Land wieder sanft hügelig und hat helle, etwas ausgewaschene Farben, wie ein nachcoloriertes Foto aus den 50er Jahren. An die 50er Jahre erinnern auch die Menschen, die ich auf ihrem Weg zur Kirche beobachte (es ist Ostersamstag, ein Tag vor dem großen Osterfest). Mehr als die Kleider sind es die Gesichter, besonders die der Frauen, in ihnen ist etwas Herbes und Ausgehöhltes,  Entbehrung und gleichzeitig sture Beharrlichkeit, wie ich sie auf Fotos von Trümmerfrauen auf einer Ausstellung in Berlin kürzlich gesehen habe. Die geparkten Autos vor der Kirche, Opel und Polo, wirken neben ihnen wie futuristische Fremdkörper.

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Cârlibaba

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Cârlibaba

Nördlich des Dorfes ziehen sich die Wiesen steil hoch, wellen- oder terrassenförmig (ist das die Natur oder Menschenhand? Oder sind es, hier und überall im Land, die Formen, die in Hunderten von Jahren Tiere der Erde eingetreten haben, auf dem Weg zu den Weiden hoch oben?). Die Häuser in Cârlibaba passen sich gut in die Landschaft ein, sie stehen vereinzelt, frei über das Land gewürfelt, klein und unscheinbar. Sie geben die Aufmerksamkeit frei für die Hügel, die im Stand der niedrigen Sonne aussehen wie mit Watte unterfüttert, sanft weiche Wellen schlagend. Die Tiere denkt man, müssen darin versinken.

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Carlibaba

Carlibaba

Carlibaba

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Hinter Cârlibaba

Farben und Formen gehen so harmonisch zusammen. Nicht nur die Häuser, auch die Menschen hier sind perfekt an die Umgebung angepasst. Wie Camouflage-Tiere verschmelzen sie mit ihr. So wie manche Eulen oder Geckos von den Ästen, auf denen sie sitzen, nicht auszumachen sind, so schälen sich Gestalten in Cârlibaba erst durch Bewegung aus ihrem Hintergrund heraus. Die alte Frau, die langsam mit hinter dem Rücken verschränkten Händen über die Brücke läuft. Sie ist kaum zu sehen. Eine kleine graue Katze, die vor ihr hertrabt, fällt mir ins Auge, dann erst sehe ich die Frau.

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Cârlibaba-Baba

Eine halbe Stunde später, irgendwo bei Iacobeni, höre ich im Autoradio eine Nachricht über Berlin, die andere Welt. Ein Barbie-Haus hat eröffnet, am Alexanderplatz. Barbies „Traumhaus“, in pink, es fasst über 1100 m², Wohn- und Schlafräume und einen begehbaren Kleiderschrank mit Hunderten von Outfits.

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Über Julia Jürgens

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Eine Antwort zu Cârlibaba

  1. Hans schreibt:

    Wunderschöne Bilder! Genau so wie wir Rumänien (Transylvanien) auf dem Rad kennen gelernt haben. Herrliche Landschaften und gastfreie Menschen. Auch ohne Snobismus: ich werde nie verstehen, dass man auf Barbiehäuser aus rosa Plastikplane wartet. Schön, dass es auf der Welt auch noch Natur, Dörfer und Stille gibt.

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