Kaffeesatz

Bernhard Grzimek hat einmal gesagt, die Serengeti sei seine Seelenlandschaft. Deshalb kehrte er immer wieder in die Steppe Afrikas zurück und machte die Rettung der Tiere dort zu seinem Lebensprojekt. Seelenlandschaft ist ein gutes Wort. Meine liegt vor mir: Grüne Wellen bis zum Horizont, auf der Strecke zwischen Sadova und Vatra Moldoviţa sind sie besonders schön. In jeder Kurve den Pașcanu-Pass hinauf sehen sie anders aus, die Hügel und Wälder, die erst vor und dann immer weiter unter mir auftauchen, von der untergehenden Sonne in immer neuen Winkeln ausgeleuchtet.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, immer „wellige“ und „sanfte grüne Hügel“ zu schreiben, und meine Beschreibungen nicht den Veränderungen anzupassen. Die Hügel sind auf sehr verschiedene Weise hügelig. Manche sind in Wellenform gegossen, so wie Kinder Wellen malen, eine gleichmäßige Steigung und Senkung. Die Hügel hier dagegen sind in sich selbst schon gewellt und bestehen aus Hunderten kleiner Erhebungen. Das Sonnenlicht versinkt schwarz in den Mulden und lässt die Ränder umso heller strahlen. Die Bewegung, die das Auge im Erfassen des Auf und Ab mitmacht, ist vielleicht das, was einen selbst so erhebt. Die genaue Beschreibung ist jetzt zu lang geworden, aber das habe ich den Hügeln der Bukowina geschuldet.

Image

Berichtigung: Das unter „Carlibaba“ gepostete Bild gehört eigentlich hier her, auf die Strecke zwischen Sadova und Vatra Moldovita, ich hatte es falsch zugeordnet

Landschaft betrachtet man definitiv anders als Alleinreisende. Man ist mehr auf sie angewiesen, auf ihre Schönheit. Sie ist der ally, das fehlende Gegenüber. Nach Tagen allein im Auto, an denen sie von morgens bis abends an mir vorbeigleitet, gebe ich mich ihr völlig anheim. Ich betrachte sie wie Kaffeesatz, in dem ich und mein Schicksal zu lesen sind. In dieser Beziehung kann sie beruhigen und trösten, oder, wie Borșa, in höchstem Maße verstören. Landschaften sind empfindlich aufgeladene Gebilde, nicht nur in Texten, auch schon vorher, in der Realität.

In der Realität geht hinter Vatra Moldoviţa die Sonne unter, und ich muss langsam Quartier suchen. Ich habe die vage Idee, irgendwo hier, in einem Dorf in den Hügeln, das Osterfest zu feiern. Das Osterfest ist schon morgen. Morgen ist der Höhepunkt der Reise, so habe ich mir das ausgedacht. In meiner Vorstellung sitze ich dann an einem Holztisch in einer kleinen Küche, mit einer großen Familie, Enkel, Eltern, Kusinen, Tanten, Onkel, Großmütter und Großväter. Wir ditschen rot eingefärbte Eier aneinander, wie man das an Ostern hier macht, trinken Țuică und essen Lamm, dessen Schlachtung ich zum Glück verpasst habe.

Diese Familie muss jetzt lokalisiert werden. Ich habe in der Bukowina einen Kontakt, eine frühere Kollegin aus Sibiu. Ich bin auch eigentlich angemeldet, das heißt, ich habe ihr vor Wochen geschrieben, dass ich um Ostern herum in der Bukowina unterwegs bin, und sie hat eine begeisterte Mail zurückgeschrieben. Ich müsse mich unbedingt melden, wenn ich in der Nähe sei. Das bin ich jetzt, der nächste Ort auf der Karte ist Ciumirna. Ciumirna ist ein winziges Dorf, in dem Ioana geboren wurde. Per Telefon erreiche ich sie nicht, aber es gebe auch nur an wenigen Stellen im Ort Empfang, sagt mir der deutsche Freund, den ich anrufe, um mich zu erkundigen, wo genau Ioana wohnt. Meine Bedenken, ob man unangemeldet am Ostersamstag anklopfen kann, lacht er am Telefon weg. Wir sind in Rumänien! Ioana wäre tödlich beleidigt, wenn ich an Ciumirna einfach so vorbeifahre.

Also suche ich den Weg zu ihrem Haus, ich muss etliche Male nachfragen, niemand weiß die Nummer und zeigt nur unbestimmt in die Hügel, wo in einiger Entfernung ein paar windschiefe Häuser stehen. Auf einem schmalen Wiesenpfad fahre ich einen Berg hinauf und stoße irgendwann auf das Haus, das den Fingerzeigen am nächsten liegt. Ich klopfe, und ein freundlicher alter Mann öffnet. Ioanas Vater, er ruft in die Küche hinein ihren Namen. Sie kommt, steht in der Tür – und verzieht keine Miene. Stumm reicht sie mir die Hand. Weil sie nichts sagt, plappere ich verlegen von der Reise, die mich hier zufällig entlangführe, ich wollte mich ja melden und hatte gedacht…- In ihrem Gesicht bewegt sich immer noch nichts, aber in ihren hellen Augen stehen Kälte und Wut. Und wo willst Du übernachten, fragt sie. Hier ist die Familie zu Besuch. Im nächsten Dorf habe ich eine Pension, lüge ich, gar kein Problem. Dann ist ja gut, sagt Ioana, gute Reise und viel Spaß. Die Tür geht zu.

Ich gehe die Szene immer wieder durch und weiß nicht, was passiert ist. Ich kenne Ioana als sehr herzlichen Menschen. Eine solche Abweisung würde ich selbst nur gegenüber jemandem aufbringen, der mich tief gedemütigt hat. Irgendetwas muss passiert sein. Ein cross-cultural desaster. Nicht mal zu einem Kaffee hineingebeten zu werden, das passiert hier auf dem Dorf nur den Zigeunern, die mit Holzlöffeln von Tür zu Tür gehen.

Ich wende mein Auto auf dem engen Hof und fahre unter dem Küchenfenster vorbei. Kinderstimmen, weißer Dampf und Gelächter dringen nach draußen. Unter mir liegt das Dorf, eine Ansammlung verstreuter Lichtpunkte. (Jeder Lichtpunkt eine verdampfte Küche mit Menschen und einem Tisch mit einem Korb mit roten Eiern.) Alles andere ringsum ist unsichtbar, die Hügel und Wälder in der Dunkelheit versunken.

Werbeanzeigen

Über Julia Jürgens

Bloggen | Reisen | Süd | Ost | Europa
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s