Camera liberă

Nach Ciumirna kommt Sucevița. Sucevița ist nur ein kleines Dorf. Aber es gibt das Kloster, das Hunderte von Gästen täglich bringt, jedenfalls in der Osterzeit. Es ist eines der berühmten Moldau-Klöster mit bemalten Außenwänden, die Fresken sind jahrhundertealt und trotzen in erstaunlicher Weise der Zeit und Witterung. Besonders ihr Blau ist überwältigend, es ist ein einzigartiges leuchtendes Blau, gewonnen aus Lapislazuli, nirgendwo auf der Welt konnte es je imitiert werden. Ich habe die Klöster vor vier Jahren schon einmal gesehen und möchte sie unbedingt noch einmal sehen. Des Blaues wegen. Oder weswegen. Weswegen möchte man Dinge, die man schon mal gesehen hat, noch einmal sehen? Wünscht man sich, dass sie exakt gleich geblieben oder dass sie anders geworden sind? Und kommt die Nostalgie durch Ersteres oder Letzteres zustande?

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Kloster Voroneț, 2009. In Voroneț ist das Blau am Intensivsten

Ich glaube, je mehr das Objekt beim Wiedersehen dem aus der Erinnerung gleicht, je weniger es sich also verändert hat, desto größer ist die Nostalgie. Dass es sich dem Fluss der Zeit widersetzen kann, man selber aber nicht – die eigene Veränderung, nicht die der Dinge, bedingt die Wehmut. Objekte, die man täglich sieht, spiegeln einem das nicht. Nur hier in Sucevița wundere ich mich: Ich sehe das Gleiche, aber ist es vergangen.

Die anderen wundern sich auch. Sie kennen mich nicht, sie wissen auch nicht, dass ich schon einmal hier war. Sie sehen aber etwas, das ich plötzlich auch sehe. Vielleicht haben sie es vor vier Jahren auch schon gesehen, aber da hat es mich nicht erreicht. Die Blicke und Fragen. Hier steht eine reizende junge Frau, aus Deutschland, die sucht ein Zimmer, für eine Nacht. Sie hat es überall versucht, bei mir ist aber auch nichts frei, sagt die Wirtin vor mir an der Tür in ihr Telefon, hättest du ein Plätzchen? Allein, fragt sie und schaut mich an, ihr Handy hält sie jetzt zu, sind Sie allein? Da, sage ich, sunt singură. E singură, sagt die Frau ins Telefon und noch einmal nach hinten, wo eine Kollegin steht. E singură. Und die Kollegin guckt mich an und wiederholt: Singură.

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Kloster Arbore, 2013

An jeder Rezeption, in jedem Restaurant. In jedem Raum, den ich betrete, wird diese Frage gestellt, eine geschäftliche Frage. Die Antwort, in der fremden Sprache, klingt existentiell. Singură. Eine Feststellung, täglich wiederholt, ich selbst gebe sie ab, um der Frage zuvorzukommen. Kein Wort auf dieser Reise sage ich häufiger, singură singură singură. In der Wiederholung, in der es fällt, in Hotel-Lobbies und Faux-Marmor-Cafés, wird es zur Losung. Bis hierher, bis gerade eben war ich liberă. Jetzt bin ich singură und suche ein Zimmer, o camera liberă, ein Zimmer, das noch frei ist.

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Kloster Moldovița, 2013

Es beginnt schon gleich am zweiten Tag der Reise, in Săpânță: Auf dem Rückweg von einem Kloster, das ich noch nicht kannte, begegne ich am Dorfrand einem Mädchen, ein Kleinkind auf dem Arm, ein etwas älteres an der Hand. Das Mädchen lächelt mich an und fragt, ob ich beim Kloster war. Und dann: Sunteți singură? Die Antwort wirft Fragen auf. Nicht verheiratet? Keine Kinder? Aber ich war schon mal verheiratet? Dann fasst sie meinen Arm. Verwitwet?

Wie alt ich sei? 36. Und sie? 23. Drei Kinder, das kleinste zu Hause. Das Kind auf dem Arm zappelt und zieht den schokoladenverschmierten Mund nach unten auf. Seine Mutter holt aus einer Plastiktüte eine Waffel nach der anderen und schiebt sie dem Kind ohne hinzugucken hinein. Sie guckt mich an. Sie hat ein offenes, kindliches Gesicht, mit einem Ausdruck so zutraulich und voller Mitgefühl, wie ihn nur Menschen erhalten, die vor der grausamen Geistigkeit der Erwachsenen stehenbleiben. Sie lässt mich nicht gehen. Willst du heiraten, fragt sie. (Sie war 19 bei ihrer Hochzeit) Sie greift immer wieder meinen Arm und guckt so mitfühlend, dass es mir Tränen in die Augen treibt. In Deutschland heiratet man nicht so früh, sage ich. Man wartet. Das Mädchen verlagert ungeduldig ihr Gewicht von einer kaputten Plastiksandale auf die andere.

Ihretwegen verbringe ich den Abend mit Vasile. Sie lässt ihn, noch während wir dort stehen, von einem vorbeilaufenden Mann anrufen. Vasile kommt umgehend. Er ist 37 und arbeitet in Paris, schwarz auf dem Bau. Er ist nicht verheiratet und sehr interessiert. Er lädt mich in die Dorfbar und zeigt mir, wie man Salz auf den Flaschenrand streut, damit das Bier würziger schmeckt (es stimmt, eine einfache neue Einsicht). Vasile ist einsam in Paris, die Französinnen wechseln in der Metro den Platz, wenn er Rumänisch in sein Handy spricht. Er versteht die Franzosen nicht. Wie sie Salat essen – Salat ohne Beilagen! Für ein paar grüne Blätter gehen sie in Restaurants und zahlen viel Geld. Vasile mag Salat, aber salată lângă ceva, neben Steak oder Schnitzel, nur Salat…das hat keinen Sinn. Ich sehe auch das auf einmal sehr klar, aber dann will ich nach Hause, singură.

(Vaduvă. Ich habe das Wort nur verstanden, weil ich Facebook auf Rumänisch benutze und meinen Status aus Spaß so angebe: Vaduvă/ verwitwet. Freiheit war noch nie solch ein Makel.)

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Kloster Sucevița, ”Stufenleiter der Tugend”, 2013

In Sucevița findet die Wirtin über Telefon mit viel Mühe schließlich ein Zimmer. In einem Rohbau auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Leute, eine Familie mit Kind, sind noch nicht eingezogen, aber das Gästezimmer ist fast fertig. Es ist im 1. Stock, die Treppe hat noch kein Geländer. Vom Fenster aus sehe ich den Hof, mitten darauf, zwischen Baumaterialien, liegt ein Hund an der Kette, er liegt in einem winzigen Haus mit Dach, nur sein Kopf schaut heraus. Das Haus ist in Proportion zu seinem Kopf so klein, dass es aussieht, als ob sein Körper in dem Bau eingewachsen ist und er daran festhängt wie eine Schnecke an ihrem Haus. Das sehe nur ich, das fällt hier niemandem auf.

Über Julia Jürgens

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