Arbore zum Beispiel

Alleinreisen-Tag-8 bricht spät an, hell und heiß. Ich habe lange geschlafen, weil die Vermieter spät abends noch einen Fernseher gebracht und an die Decke montiert haben. Ich hatte ihnen versichert, dass ich keinen brauche, aber sie hielten es wohl für ihre Pflicht. Um ihre Mühe zu belohnen, habe ich mich bis nachts um zwei durchs rumänische Fernsehprogramm gezappt.

Irgendwo kommt ein Film über einen Mann, der seinen im Sterben begriffenen Vater besucht, um das seit Kindertagen verkorkste Verhältnis zu befrieden. In Erwartung, dass das gelingt, warte ich über 90 Minuten. Aber der Tod kommt ohne Versöhnung. Auch die Welt im Fernsehen fremdelt. Weiter. Erdnüsse fallen in Zeitlupe durchs Bild, hinein in eine Tüte mit der Aufschrift Über-Nuts, junge lachende Menschen recken ihre Hände danach, Gustul über alles (Geschmack über alles) lautet der Claim. Weiter. Bärtige alte Männer stehen mit nackten Oberkörpern um einen Opfer-Altar, einer davon ist Abraham und streckt die Hände zum Himmel, der Sender heißt Bibel-TV. Weiter. Vor einem Bergpanorama tippeln eine Frau und drei Männer in ländlicher Tracht und singen eine Volksballade. Klick. Störbild. Keine Information findet Anschluss. Die Verbindung fehlt. Von einem Eindruck, einem Wort, einem Bild zum nächsten. Das ist schon seit Tagen so.

Es fügt sich eben nicht immer alles. Es reiht sich nicht in einer Linie auf und verknüpft sich zu einem Faden. Immer wieder kommt beim Reisen dieser Punkt, an dem man verloren ist in der Fremde. Dann muss man kapitulieren. Man muss die Dinge einzeln stehenlassen, jedes für sich, ohne Verortung.

Karussel

Karussel, Bogdan Voda

Das ist der Moment der Krise. Die Fremde, erst willkommene Abweichung, wird undurchdringbare Sinnlosigkeit. Der train of thought entgleist. Es ist eigentlich der beste Moment. Mit der Kapitulation kommt die Entspannung. Und dann die Anpassung. Das sind die vier Phasen des Kulturschocks – so habe ich es damals im Vorbereitungs-Seminar auf die Versendung nach Rumänien gelernt:

die Honeymoon-Phase (alles ist neu)

die Krise (das Neue ist nicht besser)

die Erholung (das Neue wird normal)

die Anpassung (das Neue wird alt).

Ich dachte allerdings, einen Kulturschock gibt es pro Land nur einmal. Aber vielleicht gibt es auch einen zyklischen Verlauf der Phasen, so wie in einer Beziehung. Der Verlauf eines Kulturschocks stimmt mit dem Verlauf einer Beziehung ja ziemlich genau überein. Honeymoon – Krise – Erholung – Anpassung. Nur dass in der Beziehung eine Wiederholung aller Phasen von vornherein angestrebt wird. Nach der Anpassung soll wieder der Honeymoon beginnen, und dann die Krise und dann die Erholung. Und wieder die Anpassung, die hier eher Gewöhnung heißen muss. Eine gute Beziehung wäre demnach ein Kulturschock, der nie endet. Schwer zu erreichen und schwer auszuhalten. Sich immer wieder fremd werden. Nicht-Vertrautes an einem Gegenüber, das man meint, gut zu kennen, ist so kränkend. Das möchte man ausblenden. Ob das Gegenüber nun ein Mensch oder ein Land ist.

Um das Fremde abzublocken, wertet man. Ist das jetzt gut, frage ich mich bei allem, was ich sehe, oder sogar besser? Familie, Religion, Arbeit, Geld, Mann, Frau, es hat alles eine solch andere Bedeutung hier. Ich finde fast alles gut, aber dann merke ich, ich verstehe es gar nicht. Und dann finde ich es nicht mehr gut. In der aktuellen Phase der Krise hilft aber vielleicht, was in einer Beziehungskrise auch helfen würde, wenn es gelingen könnte: Alle Hypothesen löschen, jede Interpretation ablehnen. Alle Dateien schließen ohne zu speichern, System sofort beenden.

Neustart: Finde ein leicht identifizierbares Ziel in der Nähe. Kloster Arbore zum Beispiel. Fahre dorthin. Steige aus und streichle einen staubigen schwarzen Hund, der auf der Straße schläft. Überlege nicht, ob er krank ist. Beobachte und schreibe: Das Kloster ist kleiner als die Klöster in Sucevița und Moldovița und Voroneț. Es steht da wie ein Schiff, das auf Grund gelaufen ist. Die Malereien an der Fassade sind stark verwittert, die Farben abgeplatzt. An manchen Stellen ist nur das Blau geblieben. Die Gesichter und Gewänder der Heiligen haben sich aufgelöst, ihre Köpfe und Körper sind weiß. Nur weiß, vor blauem Hintergrund. Von weitem sehen sie aus wie helle Kegel, aufgereihte Spielfiguren, eine wie die andere…

(Dir fallen die Grabsteine in Săpânța ein, die mit den Gesichtern, zu denen es keine Geschichte gab. Die dich so bedrückt haben. Stop. Guck genau und schreibe)

das sieht schön aus.

Image

Kloster Arbore

Über Julia Jürgens

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