Suceava

Auf der Europastraße 576, auf dem Weg von Gura Humorului nach Suceava verändert sich die Gegend. Sie wird flacher, maschineller irgendwie. Die Felder sind größer und klarer voneinander abgegrenzt, gelbe, grüne, braune gerade gefurchte Äcker. Nicht mit Pferden gepflügt, hier gibt es Traktoren, Mähdrescher und weitarmige Düngemaschinen, wie man sie auch im Berliner Umland sieht. Auch die Herden sind größer bzw. gibt es plötzlich welche: Herden von über 20 Kühen. Nicht mehr nur die zwei, drei oder fünf angepflockten Kühe im Grün.

Suceava kündigt sich an durch Ortschaften, denen der Übergang vom Dorf zur Kleinstadt nur zahlenmäßig gelungen ist. Dazwischen heruntergekommene Fabrikhallen mit zerbrochenen Fenstern, vor denen Ziegen oder Pferde weiden. Der Siret zieht sich durch ein ausgetrocknetes Flussbett voller Müll. Unweit davon, vor Fălticeni, plötzlich ein Stausee mit schilfbewachsenen Ufern wie eine Oase der Unschuld. Weiße Möwen schwimmen darauf.

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See bei Fălticeni, im Bezirk Suceava

Die Topographie der industriellen Moderne und ihres Scheiterns, in einem Land, in dem noch heute jeder Dritte von der Landwirtschaft lebt. Fabriken verfallen im Nirgendwo zwischen Feldern wie namenlose Gräber, an die sich niemand erinnern möchte. Mahnmale einer Schlacht, die niemand gewonnen hat, die Tiere und Menschen auf dem Land jedenfalls nicht.

An Suceava bin ich da schon vorbeigefahren. Auf dem Weg ins Zentrum hatte der Regen begonnen und die Sicht durch die Windschutzscheibe auf einen trichterförmigen Ausschnitt verengt. Wie vergrößert erscheinen darin die lange unebene Straße und die blocuri, die Plattenbauten links und rechts. Mehr ist nicht zu sehen. Im Rückspiegel ein Fabrik-Schlot. In schwarzweiß könnte man den Charme vielleicht bannen, der in der Regelmäßigkeit der Fassaden liegt, in den verglasten Balkonen, die so seltsam überholt futuristisch aussehen. Wenn dann noch ein alter Mann mit einem Handwagen vorbeiginge. (Der wird aber erst in Pașcani meinen Weg kreuzen). In Farbe zu sehen ist hier von Nachteil. Eine unnötige technische Qualifikation. Kontraste, Formen und Linien kann man so nicht fokussieren. Ich beherrsche das ohnehin nicht, diese Art von Blick.

Ich würde gern mehr über Suceava zu sagen haben. Suceava war einst Sitz des Fürstentums Moldau und Knotenpunkt der Handelsstraßen zwischen dem Orient und Westeuropa. Die mittelalterliche Blütezeit verging, als Iași das Zentrum der Moldau wurde, vor 450 Jahren. Seitdem vergeht Suceava. Ich habe kein Foto gemacht. Das hier kann man sich aber gut vorstellen, hier und in jeder europäischen Stadt:

„Ein modernes Wahrzeichen der Stadt ist ein farbiger 265 Meter hoher Kamin. Er sollte ursprünglich Bestandteil eines Kraftwerks werden und ist heute Teil eines Einkaufszentrums.“ (Wikipedia)

Nach einem U-Turn geht es weiter.

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Über Julia Jürgens

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