Paşcani I

Kurz hinter Suceava beginnt der Vânători-Neamț-Naturpark, laut Karte. Ein Park hat einen Eingang, denke ich, und warte kilometerlang auf etwas wie ein Grenzer-Häuschen mit einer Schranke. Ich halte Ausschau, aber es ist nicht einmal ein Schild zu entdecken. Irgendwann verstehe ich, dass sich der Vânători-Neamț-Naturpark in nichts von dem Nicht-Naturpark davor unterscheidet. Es ist die bergige dünn besiedelte Landschaft, durch die ich schon seit einer Woche fahre. Eine in weiten Teilen sich selbst überlassene Landschaft, nur ab und zu von stadtähnlichen Orten unterbrochen.

Ich hatte an Amerika gedacht und die Nationalparks, die ich kenne. An ein Visitor Center, das mit Info-Broschüren und Filmen zu seltenen Tieren und Pflanzen aufwartet. Mit Orientierungstafeln mit eingezeichneten Wanderrouten, einem strenous und einem moderate hike, mit Wasserfall und ohne. Der Naturpark hier begreift diese Idee eines Naturparks nicht. Natur ist weder als Entertainment bewusst noch als schützenswertes Gut. Natur ist als Natur nicht bewusst. Sie ist Lebensraum und Fundament der Existenz und darin so selbstverständlich, dass nichts zur Erklärung aussteht. Erklärt wird erst, was abstrakt geworden ist.

Die Landschaft hinter Suceava ist schön, mioritisch, mit Schafen bedeckt. Die Dörfer zwischen Fălticeni und Paşcani gehören zu den Schönsten, die ich auf dieser Reise sehe. Es sind die Abendstunden, alte Männer kurbeln Wasser aus den Brunnen an der Straße, alte Frauen treiben ihre Ziegen und Kühe durchs Dorf, Jungen radeln mit nackten Oberkörpern herum, meist zu zweit auf einem Rad, Mädchen laufen hinterher. Kleine, krummbeinige Hunde wackeln auf den Gehwegen eng an den Häusern entlang. Ein alter Mann sitzt neben seiner angeleinten Kuh auf dem Wiesenabhang an der Straße, in der einen Hand hält er den Strick, in der anderen ein Set Karten.

Ich brauche ein Zimmer, aber ich fahre immer schneller, ich rase durch diese letzten Dörfer auf der Strecke nach Iaşi, als würde ich so unsichtbar. Lasst Euch nicht stören, der Staub, den meine Räder aufwirbeln, legt sich gleich wieder. Macht weiter. Männer auf den gelben Bergenbier-Stühlen vor der Bar in Dolhasca, in Lespezi, in Valea Seacă, dreht Eure Hälse wieder nach vorn, unterhaltet Euch weiter! Ich bin schon vorbei.

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Über Julia Jürgens

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