Paşcani II

Schon wieder ist es dunkel und wieder ist Ostersamstag. Verwirrenderweise noch immer – am Ostersamstag spielen auch die letzten beiden Einträge. Wie in Und täglich grüßt das Murmeltier komme ich über diesen Tag nicht hinaus, er beginnt immer wieder neu, an anderen Orten. Aber immer mit der gleichen Herausforderung, und bis ich sie nicht bestehe, wird nicht Sonntag. Es hätte ein Kunstgriff sein können, ist aber ein Fehler. Ich bitte den geneigten Leser, ihn zu entschuldigen. Alle Einträge müssen einen Tag rückdatiert werden, angefangen in Bogdan Vodă, wo ich nicht Karfreitag war, sondern Gründonnerstag.

Der Höhepunkt der Reise, der Oster-Mitternachtsgottesdienst, wird aber wirklich jetzt, an diesem Samstag, in Kürze beginnen. Das Reiseziel, ein Oster-Mitternachtsgottesdienst in einem Dorf in der Bukowina wird nicht erreicht werden. Über die bukowinische Grenze bin ich mit Vollgas schon hinaus geschossen, gen Osten. In der Dämmerung fahre ich der Wiederauferstehung Jesu entgegen. Wie Maria, die nirgendwo Einlass findet und Josef auf dem Weg verloren hat. Das Bild hakt, aber es ist im Kopf.

Die nächste Ortschaft, die ich erreiche, ist Paşcani. Blocks, noch realkommunistischer als in Suceava säumen die Straße ins Zentrum, die durch Bäume wenigstens noch zur Allee wird. Pfeilgerade führt sie auf einen Platz mit einem stillgelegten Springbrunnen. An dem Platz steht, riesengroß, das Hotel Central.

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Hotel Central, am Morgen des Ostersonntag, 5. Mai 2013

An der Rezeption steht niemand, und es ist dunkel, aber es quietschen Sprungfedern, als ich mich räuspere, und dann steht mit wirren Haaren eine Frau vor mir. Sie haben nicht geschlossen, aber es wird kein Frühstück geben wegen der Feiertage, sagt die Frau. Ich bin der einzige Gast und bekomme Zimmer Nr. 303. Die Rezeption ist in einem Raum halb so groß wie eine Bahnhofsvorhalle. Ausmaße für ein Kollektiv. Meine Schritte hallen auf dem weißen Stein.

Vom Balkon im 3. Stock ist die Tristesse der Stadt schmerzhaft, umso mehr, als vor meinem inneren Auge das Panorama eines der Dörfer auftaucht, durch die ich gefahren bin, oder von allen Dörfern zusammen. Ich lege mich aufs Bett. Auf dem Nachttisch liegt etwas, in Plastik eingeschweißt, ein Stück Schokolade denke ich, aber es riecht seltsam. Bei Licht besehen ist es ein Plättchen, das man in den Mücken-Abwehr-Stecker schieben kann, der ebenfalls auf dem Nachttisch bereitliegt. Ich überlasse mich der Momentverzweiflung, bis mich der Hunger hochtreibt. Dann packe ich meinen Fotoapparat und das Kopftuch aus der Maramuresch in meinen Rucksack und gehe los.

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Platz vor dem Hotel Central in Paşcani am Ostersonntag

Ich habe großen Hunger, aber alle Supermärkte und Restaurants sind geschlossen wie seit Tagen schon, es sind mini-vacanța de Paste, Mini-Osterferien. In einem Magazin mixt finde ich Chips und Kekse und, unerwarteterweise, Soja-Frikadellen.

Jetzt muss ich nur noch eine Kirche finden. Die Straßenbeleuchtung ist schlecht, man kann keine zehn Meter geradeaus gucken. Ich laufe an der breiten Allee entlang, vom Fluchtpunkt des Hotel Central weg. Auf der Straßeninsel zwischen den beiden Fahrbahnen lungern Hunde, die das Geschehen links und rechts genau im Auge haben. Ab und an erheben sie sich schwerfällig und laufen los, im Tross. Sie laufen an mir vorbei und bellen laut. Läufige Hündinnen treiben sie an. Das Bellen hallt durch die Straßen, von nah und weit, es klingt als seien Hunderte von Hunden in der Stadt. Mehr als Menschen vielleicht.

Irgendwo auf der Allee, die kilometerweit geradeaus führt, ist ein kleiner Rummel aufgebaut. Ein Autoscooter-Stand, eine Popcorn-Bude, blinkende Lichter, Musik wummert. Aber niemand ist da. Eine Hundekolonne überholt mich und legt sich ein Stück vor mir an den Straßenrand, einer hinter den anderen, mit arrogant über den Bordstein baumelnden Pfoten. Sie sind die Herren der Stadt, groß und robust. Nicht die kleinen humpelnden und verfilzten Hunde, die man sonst auf den Straßen sieht. Aus welchen Gründen auch immer, die Evolution hat in Paşcani die Hunde begünstigt, mehr als alle anderen Kreaturen. Der neue Typus kommt mit dem Verkehr zurecht und kann sich scheinbar von Müll ernähren, ohne krank zu werden. Er sieht gefährlich aus.

Die nächste Kirche ist noch 500 m geradeaus, sagt mir jemand, ich sehe auch schon ein leuchtendes Kreuz in der Ferne. Das Kreuz hängt am Eingang der Notaufnahme des Spitals von Paşcani, stellt sich heraus, als ich davorstehe. Im Hof des Spitals aber gibt es eine Kapelle, eine sehr kleine. Eine Frau sitzt darin und ordnet die später zu verkaufenden Wachskerzen, kleine für 1 Lei, etwas größere für 5, und riesig große für 80 Lei. Der Boden ist mit dicker Plastikfolie bedeckt, wegen des tropfenden Wachses, verstehe ich später.

Der Gottesdienst wird erst um 23 Uhr beginne, sagt die Frau, das sind noch eineinhalb Stunden. Aber ich bin willkommen, ich soll mich setzen und bleiben. Sie lächelt. Ich werde wieder ein bisschen froh hier in der Krankenhauskapelle. Nein, es werden nicht nur Kranke kommen, sagt die Frau, auch viele Menschen aus der Stadt, ich werde sehen, es wird schön, Christus wird auferstehen und Licht bringen. Bis dahin sitze ich auf den geschnitzten Holzstühlen an der Seite, auf die ich mich bisher nie zu setzen getraut habe, weil dort die ältesten oder geschätztesten Gemeindemitglieder hingehören. Heute ist es mein Platz.

Irgendwann kommt der Pope, es wird wie im Theater eine Licht- und Tonprobe gemacht (trotzdem bleibt der Ton später streckenweise weg). Kurz danach kommt eine erste Patientin aus dem Spital, sie trägt einen Kittel über einem blauen Schlafanzug und hat sich ein rotes Kopftuch umgebunden. Ich hole mein Kopftuch und binde es auch um. Die alte Frau setzt sich auf einen Stuhl, sie ist so klein, dass ihre Füße in den Schlappen in der Luft baumeln. Sie lächelt mich an.

Das Foto, das ich von ihr mache, hastig, um die Stimmung nicht zu stören, wird das beste der Reise. (Und das einzige des Abends)

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Kapelle des Spitalul de Urgente Pascani, vor dem Ostergottesdienst

Zu Beginn des Gottesdienstes entzündet der Pope seine Kerze und alle drängen nach vorn, um ihre Kerze an seiner zu entzünden. Ich bin eine der ersten, die etwas von der Flamme bekommen. Ohne Rücksicht auf andere werden die Kerzen herumgeschwenkt, es ist ein Wunder, dass niemand in Brand gesteckt wird. Voller Ungeduld treibt der Pope die Leute nach draußen, Kranke und Gesunde, es scheint ihm auch Sorge zu machen. Dann wird gesungen. Hristos a inviat din morți/ Cu moartea pre moarte călcând/ Și celor din morminte/ Viață dăruindu-le. Christus ist von den Toten auferstanden/ hat den Tod durch den Tod zermalmt/ und denen in den Gräbern das Leben geschenkt.

Aus den Fenstern des Spitals gucken Gesichter. Als die Glocken anfangen zu läuten, bellen auch die Hunde wieder, überall.

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Über Julia Jürgens

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3 Antworten zu Paşcani II

  1. Hans van Neutegem schreibt:

    Liebe Julia, das Foto ist unglaublich schön. Es ist fast wie ein gemaltes Bild von Edward Hopper! Auch deine neue Artikel gefallen mir mal wieder sehr. Schreibe bitte weiter. Und irgendwann möchte ich das Buch über deine Reisen kaufen…das kommt doch, oder? Schöne Grüße. Hans

    • Julia Jürgens schreibt:

      Lieber Hans,
      ein bisschen Hopper – das stimmt, es war auch eine hoppereske Stimmung dort in der Kapelle. – Es ist schön, einen so aufmerksamen und treuen Leser zu haben, da scheint das Bloggen lohnenswert. Dein Wunsch, ein Buch, soll mir ein Ansporn sein…wenn da nur der Alltag nicht wäre…die nächsten Blog-Einträge zumindest kommen bestimmt! Liebe Grüße Julia

      • GM1 schreibt:

        Liebe Julia Fürgens. Ich grüße Dich ganz herzlich. Ich bin der Günter aus Bremen Deutschland. Vor 31 Jahren habe ich mal die Elena Taru aus und in Pascai geheiratet. Leider ist sie einfach von mir abgehauen, sie wollte frei sein. Macht aber nix. Bin ihr nicht böse. Wäre nur neugierig was sie aus ihrem Leben gemacht hat. Alles liebe für dich. Hier meine Kunst Webseiten. http://www.plasma-kunst.de

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