Ruginoasa

Am Ostersonntag war die Hitze vorbei. Ein weißer kühler Himmel spannte sich über die Plattenbauten von Pașcani. Wie die Leinwand in einem billigen Fotostudio stand er in hartem Kontrast zu seinen Modellen und leuchtete sie ohne Gnade aus, graubraun und gelb. Ich fotografierte die Häuser mit schlechtem Gewissen, so unschuldig reihten sie sich für ein letztes Gruppenfoto am Platz im Zentrum auf. Die Häuser und das auf einer Bank sitzende Paar und die in den Pflanzenbeeten schlafenden Hunde. Sie wissen nicht, dass ich sie bloßstelle, vor dem weißen Himmel. Es tut mir leid. Aber ich muss meinen Blick so auf sie richten. Ich muss sie so aufnehmen, in diesem Licht, wie sie sich darbieten in Trostlosigkeit. Ich mache es mit mir ja nicht anders.

Und ich weiß, irgendwann später erinnere ich mich an Pașcani mit der gleichen Wehmut wie an die bukowinischen Dörfer in ihrer Schönheit. Man verbindet sich mit dem, was man betrachtet, und je aufmerksamer man hinsieht, desto deutlicher wird der Moment, in dem man sich davon trennt und es etwas Vergangenes ist. Etwas, das aus dem Blick gerät. Mir tut es genauso leid, Pașcani hinter mir zu lassen, wie es mir leid tat, die bukowinischen Dörfer hinter mir zu lassen. Ob etwas schön oder hässlich ist, spielt dabei keine Rolle. Dass es hinter einem zurückbleibt, tut es. Die Hässlichkeit der Transitstadt, die komplett zerstört und wiederaufgebaut wurde, man will sie festhalten wie alles andere.

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Zentrum von Pascani – der helle Fleck im runden Beet ist ein Hund

Auf der Ausfahrtsstraße Richtung Iași liegen die Hunde wie tot im Gras der Straßeninseln. Aber als ich das Auto anhalte, um sie zu fotografieren, wachen sie vom Klicken der Linse auf und rennen wütend auf mich zu, wie Stars, die einen Paparazzo entdeckt haben. Ich habe noch nie einen Hund erlebt, der aggressiv darauf reagiert hat, fotografiert zu werden. Diese hier fletschen vor dem Autofenster, das ich gerade noch hochkurbeln kann, die Zähne und knurren. Anders als die Menschen und Häuser um sie herum sind sie argwöhnisch und wollen sich meinem Blick nicht fügen. Sie kommen mir vor wie Sphinxen, die die Stadt bewachen und beschützen, seltsame Mischwesen, gut und böse zugleich.

Zwei Orte weiter auf dem Weg nach Iași liegt Ruginoasa. Ein riesiges entkerntes Haus steht in der Mitte des Ortes, davor weiden Pferde, die aussehen wie Palominos, weiß-braun gescheckt. Ich steige aus und fotografiere das Ensemble, dabei überkommt mich eine seltsame Schwere. Vielleicht ist es dieser milchige Himmel oder die Stille, die in der Luft liegt, drückender noch als in Pașcani. Die Stille eines Trauertages, an dem jeder nur flüstert und selbst die Kinder aufhören, vor sich hin zu plappern. Ich höre jedenfalls kein Geräusch, außer dem Hin- und Herschlagen der Schweife der Pferde. Dabei feiert man heute die Wiederauferstehung Christi. Ich habe mir das fröhlicher gedacht.

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Alte Herberge, Ruginoasa

Als ich hinter mir Schritte höre, erschrecke ich. Eine Frau in meinem Alter guckt mich neugierig an, wie ich so reglos vor der Ruine stehe. Es gibt auch noch einen Palast, sagt sie, den können Sie fotografieren, dort vorne, um die Ecke. Ich bedanke mich höflich und steige ins Auto. Ich möchte schnellstmöglich dieser Schwere entfliehen. Ein Palast hier an diesem Ort, davon träumen die Menschen wohl. Ich fahre langsam um die Ecke, sehe nichts und fahre durch bis Iași.

In der Pension in Iași lese ich im Internet am übernächsten Tag zwei seltsame Nachrichten. Ich googele „Notaufnahme Pașcani“ und stoße auf die Online-Ausgabe des Ziarul de Orizont, einer Zeitung der Stadt. Eine Meldung des Tages, des 7. Mai 2013 statuiert, dass während der Osterfeiertage 285 Menschen in die Notaufnahme eingeliefert wurden – des Spitals dem gegenüber ich den Mitternachtsgottesdienst gefeiert habe. 15 Menschen wurden von Hunden gebissen.

In Ruginoasa, lese ich, steht abseits der Hauptstraße der wiederaufgebaute Palast des Fürsten Alexandru Ioan Cuza. Cuza, der große Vereinigungs-Fürst, der erstmals den Staat România ausrief, 1861, und dann abdanken und im Exil in Heidelberg sterben musste. Ebenfalls ist in Ruginoasa die Ruine einer alten osmanischen Herberge zu sehen. Dann stoße ich in irgendeinem Regionalblatt auf diese Nachricht: „Un cioban a murit in noaptea de Înviere“ / Ein Schäfer starb in der Nacht der Wiederauferstehung:

Ein Mann von 42 Jahren verlor sein Leben ausgerechnet in der Nacht der Wiederauferstehung. Es ist die Rede von Vasile Moraru aus Ruginoasa. Der Mann befand sich mit seinen Schafen auf dem Feld, als er sich plötzlich schlecht fühlte. Er wurde wenig später von einem Freund bewusstlos gefunden. Obwohl sofort der Notarzt kam, konnten die Ärzte nur noch seinen Tod feststellen. Der Leichnam wurde in die Leichenhalle gebracht, um die Todesursache zu bestimmen.“

Was für merkwürdige Geschehnisse an einem Ostersonntag, den ich in dieser Gegend gar nicht begehen wollte. Ein Hirte steht von den Toten wieder auf, ein anderer wird vom Tod geholt, zur gleichen Zeit. Die Ostergeschichte ist mit der Mioriţa verschmolzen – der rumänischen Volkslegende, in der sich ein Schäfer widerstandslos seinem Tod fügt, obwohl ihn eines seiner Lämmer gewarnt hat, dass er fortziehen soll. Ich weiß nicht, was das bedeuten soll. Aber in der zähen Luft steckte an diesem Tag so viel mehr, als man mit der Vernunft hätte greifen können.

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Über Julia Jürgens

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