Little Texas

Ich bin schon eine Woche in Nordrumänien unterwegs und fahre über Land. Über Land ist ungenau – über Hügel, Berge, durch Wälder, Dörfer und Marktflecken, an Wiesen, Mais- und Getreide-Feldern vorbei. Von Baia Mare nach Sighetu Marmației, an der Theiß entlang bis Săpânta, durch das Iza-Tal südlich der Maramurescher Berge nach Borșa, über den Prislop-Pass hinein in die Moldau, über Moldovița und Sucevița nach Rădăuți, über Suceava und Fălticeni nach Pașcani und – ich brauche dringend eine Pause. Es fällt schwer, mir das einzugestehen. Ich möchte alles sehen, und mit jeder Rast verliere ich Kilometer Strecke, – Hügel, Wälder, Dörfer und Marktflecken…- Jede Auslassung tut mir leid, ich bin Jäger und Sammler des Reisens. Zu großer Ehrgeiz aber führt zu Hast und Ermüdung und trübt den Blick.

Früher, als man noch mit Tieren unterwegs war, hat das Reisen wahrscheinlich leichter den richtigen Rhythmus gefunden. Die Pferde oder Esel mussten einen Tag auch mal ausruhen und man selber auch. Heute ist das Pferd unermüdlich, nur der Reiter strauchelt. Ich bin jeden Tag gefahren, vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag. Und bin es müde: die warmen Schlucke Wasser aus der Plastikflasche, die immer unter den Sitz rollt, die Karte, die genau zwischen Sighetu Marmației und Vadu Izei gerissen ist, die Sehnsucht nach einem Kaffee. Ein Kaffee findet sich noch manchmal, ein Café nie.

Auf dem Land gibt es keine Cafés. Cafés sind etwas für Touristen und/ oder Städter. Davon kommen nicht sehr viele, sofern nicht eine alte Holzkirche oder irgendeine andere Attraktion bereit steht. Auf dem Land gibt es nur die Dorf-Bar, und in der Dorf-Bar gibt es keinen Kaffee, auch kein Wasser, nur Bier und Schnaps und Männer. Dieses Gefüge störe ich ungern, auch wenn es mich duldet. Ein Restaurant findet man auf dem Land erst recht nicht, wer bräuchte es? Die hier leben, essen am eigenen Tisch, die eigene Ernte, oder sie essen bei Freunden, aber bestimmt nicht in einem fremden Haus, ohne Anlass. Der Wunsch, auswärts zu essen, ist eine traurige Entfremdungserscheinung.

Ich freue mich an jedem Ort, an dem ich kein Café und kein Restaurant entdecke. (Hier ist noch alles in Ordnung, denke ich.) Nichtsdestotrotz bedarf ich dieser Institutionen, besonders als Alleinreisende. In einem Launenumschwung, dem man besonders als Alleinreisende erliegt, nehme ich dem Land das plötzlich übel. Alles, was ich die ersten Tage noch genossen habe, ist jetzt unerträglich: Das magazin mixt, aus dem ich mir Nahrung für den Tag besorge, Chips und Schokolade. Die Hinterzimmer, in denen ich nachts unterkomme, die klumpigen Federdecken und stumpfen Waschbecken, an denen fremde Haare kleben, die Blicke, die mich überall mustern, neugierig, mitleidig, skeptisch. Ich habe genug davon, die Fremde zu sein. Ich will eine unter vielen sein, in einem Café irgendwo. In einem Laden, in dem die Produkte in langen Gängen so angeordnet sind, dass ich sie greifen kann, und nicht hinter der Ladentheke, wo ich sie unter den Augen des Verkäufers und der anderen Kunden mühsam einzeln anfordern muss. Ich bin müde, reisemüde, alleinreisemüde.

Kurz, ich muss in die Stadt, und da ist sie schon, Iași, 350.000 Einwohner, Kulturmetropole des Nordens. Die vierspurigen Straßen sind so überwältigend, dass ich im Kreisverkehr mehrmals um das Zentrum herumfahre und immer wieder in der Peripherie lande. Beim dritten Mal sehe ich ein freundlich aussehendes Schild, das nach Little Texas weist. Nach ein paar hundert Meter steht wieder eines da, die geschwungenen Buchstaben sehen so einladend aus, an jeder Kreuzung weisen sie den Weg, etwas, worin Schilder in Rumänien nicht verlässlich sind. Ich folge ihnen wie einer Verheißung und lande schließlich vor einer dunklen großen Blockhütte. Durch eine Salontür schwinge ich ins gekühlte Innere einer Rezeption und weiter in einen amerikanischen Traum von European Standard mit vier Sternen.

King-Size-Bett, Chaiselongue, WLAN, Mini-Bar und, das Schönste, ein Etui mit drei Ohrenstäbchen. Wie glücklich kleine Dinge machen. Mit Erdnüssen und Cola lasse ich mich auf die Tagesdecke sinken. An der Wand reiten Cowboys über die Steppe. Die Tapete, der Teppich, die Möbel, alles matt coloriert im gedeckten Luxus des Country-Style, Südstaaten-Ranch mit dem gewissen kolonialen Hauch von White Supremacy. Welcome to Little Texas! Der Balkon blickt auf ein weites, golfplatzartiges Terrain, das steil nach unten abfällt. Springbrunnen plätschern, Hunde bellen, aber nur in der Ferne, aus der Stadt, das Geräusch wird vom Wasser fast verschluckt. Wären weit unten im Tal nicht die Plattenbauten zu sehen, ich wüsste nicht mehr, wo ich bin. Mir fallen die Augen zu.

Morgens auf der Terrasse singt es Hotel California aus den Bäumen, die Lautsprecher hängen gut getarnt zwischen den Blättern. Es gibt Cappuccino und Panhandle Breakfast, was die kleine Portion eines Bauernomelettes ist. Als ich es als solches bestelle, Omleta țăranească, verzieht der Kellner schmerzhaft den Mund. Er hat auch vergessen, wo er ist.

(Eine Nacht, sage ich mir. Nach der Expedition durch die Wüste darf man wohl eine Nacht in der Oase verweilen. Die Pferde brauchen Ruhe und Wasser. Dann wird es weitergehen.)

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Little Texas, Iași

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Über Julia Jürgens

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